Soziales

Wie man Kinder vor sexueller Gewalt schützt

Marion Luppen
|
Von Marion Luppen
| 21.10.2021 18:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Zwei Handpuppen sind in einer Kinderschutzambulanz platziert. Dort werden Kinder und Jugendliche behandelt, bei denen der Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder sexueller Missbrauch vorliegt. Foto: Dedert/dpa
Zwei Handpuppen sind in einer Kinderschutzambulanz platziert. Dort werden Kinder und Jugendliche behandelt, bei denen der Verdacht auf Misshandlung, Vernachlässigung oder sexueller Missbrauch vorliegt. Foto: Dedert/dpa
Artikel teilen:

Jedes 4. bis 5. Mädchen und jeder 9. bis 12. Junge wird Opfer sexueller Gewalt. Keine Schulklasse ist ohne Missbrauchsopfer. Zwei Fachleute aus Aurich sagen, wie man Kinder schützen kann.

Aurich - 68 Fälle von sexuellem Missbrauch weist die polizeiliche Kriminalstatistik 2020 für die Landkreise Aurich und Wittmund aus. Diese Zahl ist nur die Spitze des Eisbergs. „Es ist von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen“, sagt Pressesprecherin Wiebke Baden. Nicht jeder Fall werde angezeigt.

•Klaus Ewald (60) ist Sozialarbeiter, Sozialpädagoge und Vater von drei Kindern.
•Klaus Ewald (60) ist Sozialarbeiter, Sozialpädagoge und Vater von drei Kindern.

Nach Angaben des Vereins Zartbitter macht jedes 4. bis 5. Mädchen und jeder 9. bis 12. Junge mindestens einmal eine sexuelle Gewalterfahrung. Die Diplom-Psychologin Susanne Hirschmann von der Vertrauensstelle gegen Gewalt der Awo in Aurich drückt es plastisch aus: „In jeder Schulklasse sitzt mindestens ein Kind, das sexuell missbraucht wird. Ich bin immer wieder schockiert.“

Die Diplom-Psychologin Susanne Hirschmann (60) berät Eltern und Kinder. Fotos: Archiv/Luppen
Die Diplom-Psychologin Susanne Hirschmann (60) berät Eltern und Kinder. Fotos: Archiv/Luppen

Hirschmann und der Sozialpädagoge Klaus Ewald, Kinderschutzfachkraft beim Jugendamt des Landkreises Aurich, haben mit dem Thema sexuelle Gewalt in ihrer täglichen Beratungspraxis zu tun. Sie geben Eltern Tipps, wie sie die Mädchen und Jungen beschützen können und was bei dem Thema zu beachten ist:

  • Sexuelle Übergriffe passieren in der Regel nicht spontan, sondern geplant. Die Täter erschleichen sich das Vertrauen der Eltern. Oft sind es gute Bekannte, Verwandte, Nachbarn oder der Fußballtrainer, nette Menschen, die sich als Babysitter oder Hausaufgabenhilfe anbieten.
  • Der Missbrauch beginnt oft schleichend. Beim Spielen wird wie zufällig eine Hand unters T-Shirt oder in die Hose geschoben. Die Täter testen, wie das Kind reagiert. Wenn das Kind dann selbstbewusst sagt: „Lass das, ich will das nicht!“, merkt der Täter, dass er kein ideales Opfer gefunden hat. Daher ist es wichtig, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. Auch Mädchen sollten nicht dazu erzogen werden, brav und angepasst zu sein. „Alles, was Kinder stark und selbstbewusst macht, ist ein Schutz vor sexualisierter Gewalt“, sagt Hirschmann. Sie sollten ernst genommen werden und mitbestimmen dürfen.
  • Täter manipulieren Kinder so, dass diese nicht über den Missbrauch sprechen, ihn vielleicht sogar im Laufe der Zeit für normal halten. Wenn ein Kind plötzlich nicht mehr zu Opa möchte oder nicht mehr zum Fußballtraining, steckt womöglich Missbrauch dahinter.
  • Täter machen die Opfer gefügig, durch Schmeicheleien („Du bist doch meine keine Prinzessin“), Belohnungen wie eine besondere Position in der Fußballmannschaft oder Drohungen („Wenn du deiner Mutter davon erzählst, stirbt sie“). Hirschmann berichtet von einem Fall, in dem der Täter drohte, die Katze des Kindes umzubringen, wenn es nicht den Mund hält. Dem Kind muss klargemacht werden, dass es nichts mit Petzen oder Geheimnisverrat zu tun hat, wenn es von sexueller Gewalt berichtet. „Kinder müssen wissen, dass es nicht ihre Schuld ist“, sagt Hirschmann. „Sie müssen wissen: Wenn mir was Doofes passiert, kann ich mit meinen Eltern oder mit Erziehern darüber sprechen.“
  • Ein missbrauchtes Kind muss sich bis zu vier Erwachsenen anvertrauen, bis ihm geglaubt wird. Manche Erwachsenen verstehen die Signale nicht. Hinter Formulierungen wie „Opa macht komische Spiele“ kann sexueller Missbrauch stecken. Oft fehlen Kindern auch die Worte, oder sie schämen sich. Ganze Familien zerbrechen, weil die eine Seite dem Kind glaubt, die andere nicht. „Es ist schwierig, gegen die eigenen Verwandten Anzeige zu erstatten“, sagt Hirschmann. Dennoch habe sich die Tendenz, Anzeige zu erstatten, in den vergangenen Jahren erhöht, erklärt Ewald.
  • Eltern sollten ihre Kinder aufklären und ihnen beibringen, die Geschlechtsteile richtig zu benennen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Wenn ein Kind sagt, es habe „mit dem Würmchen von Opa gespielt“, wird das womöglich fehlgedeutet. „Je eher Kinder Bescheid wissen, desto besser können sie sich mitteilen“, sagt Ewald. Es gebe tolle Aufklärungsbücher schon für Kleinkinder. Dadurch seien sie auch weniger anfällig für Versprechen von Tätern wie „Komm, ich zeig dir mal was...“
  • Eltern sollten mit ihren Kindern offen über das Thema sexuelle Gewalt sprechen – über Menschen, die Kinder auf unangenehme Art anfassen oder von ihnen angefasst werden wollen. „Viele Eltern haben Angst, das zu tun, weil sie sie nicht erschrecken wollen“, sagt Ewald. Das sei aber unbegründet. Die Kinder bekämen in der Regel keine Panik. Für sie sei es wichtig zu erfahren, dass sie Nein sagen und weggehen können.
  • Grenzen erkennen: Ein Kind muss sagen dürfen, wenn es eine Berührung nicht möchte. „Es muss sich nicht von der Oma den feuchten Kuss aufdrücken lassen“, sagt Ewald. Da müsse dann notfalls der Streit mit der Schwiegermutter in Kauf genommen werden. „Du siehst doch, dass er/sie das nicht möchte“, sei die richtige Antwort.
  • Auch Kinder und Jugendliche werden zu Tätern. Beim sexuellen Missbrauch sind ein Drittel der Täter Jugendliche unter 18 Jahren – Brüder, Cousins, Nachbarn. Schon im Kindergarten kommt es vor, dass ein dominantes Kind andere Kinder missbraucht. Das ist nicht zu verwechseln mit sogenannten Doktorspielen, bei denen die Kinder einander auf Augenhöhe begegnen. Ein sexueller Übergriff basiert immer auf einem Machtgefälle. Auf das Opfer wird Druck ausgeübt.
  • Betroffene sollten den Täter nicht selbst zur Rede stellen, sondern Hilfe holen – bei einer Beratungsstelle, beim Jugendamt oder bei der Polizei. „Nicht aus der Hüfte schießen“, rät Ewald. In 99 Prozent der Fälle werde der Täter die Tat abstreiten und habe Gelegenheit, sich vorzubereiten, ehe die Polizei kommt.
Ähnliche Artikel