Serie: Rund ums Rad

„Näher dran an Land und Leuten“

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 20.10.2021 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Holger Kleene zurück in Oldersum mit einem aufmerksamen Nachbarshund. Auf Reisen hat er am liebsten seinen Anhänger dabei. Der musste auf dem Weg zum Schwarzen Meer aber zu Hause bleiben. Foto: Böning
Holger Kleene zurück in Oldersum mit einem aufmerksamen Nachbarshund. Auf Reisen hat er am liebsten seinen Anhänger dabei. Der musste auf dem Weg zum Schwarzen Meer aber zu Hause bleiben. Foto: Böning
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Seit mehr als zehn Jahren fährt Holger Kleene aus Oldersum mit dem Rad in den Urlaub. Gerade ist er vom Schwarzen Meer zurück und berichtet, was ihn an dieser Art Urlaub so fasziniert.

Oldersum - Die Corona-Pandemie hat dem anhaltenden Trend zu mehrtätigen Reisen per Fahrrad einen kleinen Dämpfer verpasst. Die ADFC-Radreiseanalyse aus dem Frühjahr zeigt, dass die Zahl der Radreisen 2020 um 35 Prozent zum Vorjahr gesunken ist. Urlaube mit drei und mehr Übernachtungen unternahmen 2019 noch 5,4 Millionen Deutsche. Mit dem Rad unterwegs zu sein, ließen sich die Bundesbürger allerdings nicht nehmen: 2020 stieg im Gegenzug die Anzahl der Tagesausflüge um 40 Prozent.

Was und warum

Darum geht es: Die Zahlen sprechen dafür, dass eine mobile Revolution im Gange ist. Der Fahrradmarkt ist aktiv wie seit vielen Jahren nicht mehr und der Absatz steigt weiter. Es gibt Räder für jeden erdenklichen Zweck. Auch als Autoersatz zum Transport von Lasten und Kindern sind sie auf dem Vormarsch. Die Serie beschäftigt sich mit allem, was man wissen muss, um mit dem Fahrrad in die mobile Zukunft durchzustarten.

Vor allem interessant für: Radfahrer und solche, die es werden wollen.

Darum berichten wir: als Beitrag zur Verkehrswende und aufgrund der großen Nachfrage.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

1,8 Millionen Menschen haben sich im Jahr 2020 sogar zum ersten Mal mit dem Rad auf den Weg gemacht. Holger Kleene macht seit mehr als zehn Jahren Urlaub mit dem Fahrrad. Gerade ist er vom Schwarzen Meer zurückgekommen und erzählt im Interview, wie er zum Radreisen kam, was er dazu benötigt und was ihn daran so fasziniert. In der nächsten Folge machen wir dann Rad und Fahrer winterfest.

Frage: Reden wir über Urlaub mit dem Fahrrad. Vorab können wir schon einmal festhalten, dass Sie nicht das Rad mit in den Urlaub nehmen, sondern mit dem Fahrrad unterwegs sind. Was fasziniert Sie besonders an dieser Art des Reisens?

Holger Kleene: Man ist einfach näher dran an Land und Leuten. Ich komme unterwegs leichter mit Menschen in Kontakt. Wenn etwas schön ist, halte ich auch eher mal an, als wenn ich mit dem Auto fahre. Ich bekomme auch eher ein Feedback von den Leuten unterwegs. Bei meiner Fahrt ans Schwarze Meer haben mit viele unterwegs gesagt „Schön, dass du unser Land besuchst“ und wollten wissen, wo ich herkomme. Der sportliche Aspekt ist ein weiterer Punkt und die frische Luft unterwegs.

Frage: Wie hat das angefangen?

Kleene: Mit Fahrrad-Familienurlaub. Als die Kinder groß genug waren, haben wir die erste Tour unternommen. Sie müssen damals so acht und zehn Jahre alt gewesen sein. Wir sind mehrere Tage an der Mosel entlang gefahren. Ich glaube, es war 2009.

Frage: Da hatten Sie bestimmt jede Menge Gepäck dabei, oder haben Sie es an den nächsten Zielort geschickt?

Kleene: Nein, das haben wir alles mitgenommen. Die Kinder hatten leichtere Taschen am Fahrrad und ich hatte einen großen Anhänger dabei. Darauf haben wir das Kochgeschirr, ein Zelt und alles, was so nötig war, transportiert.

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Frage: Wo waren Sie schon überall?

Kleene: Mit der Familie sind wir noch einmal die Weser hoch gefahren, von Hannoversch-Münden bis nach Hause. Mit meinem Sohn war ich am Rhein unterwegs – von der Schweiz bis nach Rotterdam. Den Limes-Radweg sind wir auch noch gemeinsam gefahren: Der startet bei Remagen, endet an der Donau und geht bis Regensburg durch. Später war ich allein unterwegs, bin den Elberadweg gefahren, war mit dem Rad in England, bin über den Appenin nach Rom gefahren, war im Winter in Schweden und jetzt am Schwarzen Meer.

Frage: Fahren Sie die gesamte Strecke mit dem Fahrrad?

Kleene: Ich starte nicht immer hier, sondern fahre zu einem Ausgangspunkt. Meistens nutze ich dazu die Bahn. Im Nahverkehr geht das oft problemlos, beim Fernverkehr ist es anders. Kurzfristig einen Fahrradplatz in einem Intercity zu buchen ist schwieriger. Die sind sehr schnell ausgebucht.

Holger Kleene am Schwarzen Meer. Insgesamt 21 Tage hat er auf dem Sattel gesessen und insgesamt 2300 Kilometer zurückgelegt. Foto: privat
Holger Kleene am Schwarzen Meer. Insgesamt 21 Tage hat er auf dem Sattel gesessen und insgesamt 2300 Kilometer zurückgelegt. Foto: privat

Frage: Was haben Sie inzwischen dabei, wenn Sie mit dem Rad in den Urlaub fahren – hat sich das seit dem ersten Urlaub verändert?

Kleene: Bei dem ersten Familienurlaub waren wir schon gut vorbereitet. Wir hatten bereits mehrere Zelturlaube hinter uns und wussten, was wir brauchen. Zelt, Schlafsack. Das Gewicht spielte damals keine große Rolle. Im Laufe der Zeit habe ich etwas mehr darauf geachtet. Bei Wechselklamotten bin ich inzwischen sehr spartanisch. Ich habe Kleidung für drei Tage dabei und wasche lieber unterwegs alle drei bis vier Tage die Sachen mit der Hand. Tagsüber fahre ich mit Funktionskleidung und abends, wenn ich irgendwo angekommen bin, wechsele ich zur Alltagskleidung. Mir ist beim Zelt wichtig, dass ich genug Platz habe. Deshalb nutze ich ein Zwei-Personen-Zelt mit einem großen Vorzelt – falls es mal regnet. Mein Schwager hat mir mal gesagt, das Einsparpotenzial liegt eher beim Gewicht des Fahrers. Da hat er recht. Ich achte schon ein wenig drauf, wie schwer mein Gepäck ist, aber ich bin auch schon 50 Jahre alt und möchte ein wenig Komfort genießen. Als ich jetzt an der Donau entlang gefahren bin, habe ich mir einen leichteren Schlafsack mit geringerem Packmaß gekauft, weil ich meinen Anhänger nicht mitnehmen wollte. In einigen Nächten wurde es aber doch ganz schön kalt. Nächstes Mal werde ich wieder meinen größeren mitnehmen.

Frage: Am 20. August haben Sie sich auf den Weg ans Schwarze Meer gemacht. Es ging durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien. Sie haben in 21 Tagen eine Strecke von 2300 Kilometern zurückgelegt. Insgesamt waren es 130 Stunden auf dem Sattel. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Kleene: Man muss ja grundsätzlich überlegen, wie man fährt und wo man übernachten möchte. Ich habe meistens ein Zelt dabei, weil ich gerne flexibel bin. Ich plane zwar etwa, wo ich lang fahre, möchte aber unterwegs spontan entscheiden können, welche Route ich nehme. Andere planen lieber feste Etappen oder nehmen sich unterwegs ein Zimmer. Man muss sich auch überlegen, wie weit man täglich etwa fährt. Das ist bei mir sehr unterschiedlich, feste Ziele möchte ich mir persönlich nicht setzen. Bei mir ist es eher eine grobe Planung.

Frage: Fahren Sie mit einem Elektroantrieb?

Kleene: Ohne, bei mir spielt die sportliche Komponente unterwegs auch eine Rolle. Ich möchte aus eigener Kraft steile Abschnitte bewältigen, wie jetzt in Bulgarien. Dann möchte ich schwitzend oben stehen und sagen können: Toll, geschafft. Das ist mir wichtig.

Frage: Hat sich Ihr Anspruch an das Fahrrad, mit dem Sie unterwegs sind, in der Zeit verändert?

Kleene: Ja, sehr. Es muss ein gutes Fahrrad sein. Ich habe jetzt seit fünf Jahren ein Tourenrad, das ich mir selbst zusammengestellt habe. Das kommt meinem Traum-Rad schon sehr nahe. Es hat einen stabilen Rahmen und ist stabil eingespeicht. Mir war wichtig, dass es eine unempfindliche Schaltung hat, mit der ich gut die Berge hochkomme. Deshalb habe ich mich für eine Nabenschaltung mit 14 Gängen entschieden. Ich fahre auch viel auf unbefestigten Wegen, da muss die Technik auch mit Schmutz zurechtkommen. Damit ich dann nicht ständig die Kette säubern und ölen muss, habe ich mich für einen Zahnriemen entschieden. Der braucht keine Pflege, höchstens ab und zu mal etwas Wasser. Auch im Schnee in Schweden hat er sich bewährt. Wäre ich dort mit Kettenschaltung unterwegs gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht mehr schalten können.

Beim Fahrrad hat Holger Kleene darauf geachtet, dass die Komponenten unempfindlich gegen Schmutz sind. Ein Zahnriemen ist relativ wartungsfrei und muss im Gegensatz zur Kette nicht geschmiert werden. Foto: Böning
Beim Fahrrad hat Holger Kleene darauf geachtet, dass die Komponenten unempfindlich gegen Schmutz sind. Ein Zahnriemen ist relativ wartungsfrei und muss im Gegensatz zur Kette nicht geschmiert werden. Foto: Böning

Frage: Was ist Ihr Sehnsuchtsziel?

Kleene: Nach Südafrika würde ich gerne fahren, das ist ein Traum von mir. Dort waren wir 2013 mit der Familie – aber nicht mit dem Fahrrad. Das mache ich, wenn ich mal ganz viel Zeit habe.

Frage: Ist man irgendwann zu alt für Fahrradurlaube?

Kleene: Nein, nie. Ich würde allen Menschen empfehlen, das einfach mal auszuprobieren. Es müssen ja nicht gleich 21 Tage sein, es muss auch nicht der Balkan sein, obwohl ich den sehr empfehlen kann. Einfach losfahren, dann stellen sicherlich noch mehr Menschen fest, dass es eine schöne Art ist, Urlaub zu machen.

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