Osnabrück

Abba Voyage: Überzeugte Fans üben Kritik an der Wiedervereinigung

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 18.10.2021 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Pause zu Ende: Am 2. September hat Abba ein neues Album und eine neue Show angekündigt. Die Fans reagieren begeistert. Foto: Fredrik Persson / TT via www.imago-images.de
Pause zu Ende: Am 2. September hat Abba ein neues Album und eine neue Show angekündigt. Die Fans reagieren begeistert. Foto: Fredrik Persson / TT via www.imago-images.de
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Am 5. November erscheint das Album „Abba Voyage“, mit dem das schwedische Quartett seine fast 40-jährige Pause beendet. Doch nicht alle Fans sehen dem Ereignis freudig entgegen - es regt sich auch Kritik.

Wer Abba hört? Alain Barthel weiß Bescheid: „Alle Menschen, die lebenslustig sind“, sagt er, „von acht bis achtzig.“ Und wenn Barthel „alle“ sagt, dann meint er alle: „Handwerker, Büroangestellte, Akademiker.“ Um das zu untermauern, holt er zum ganz großen Vergleich aus: „Es ist wie bei den Beatles. Die Musik ist generationenunabhängig, weil es jeden mal erwischt.“ Glück und Trauer, Liebe und Leid: Abba hat Musik für alle Lebenslagen geschrieben. Wie die Beatles. Und Abba hat alle möglichen musikalischen Genres abgedeckt. Wie die Beatles. Um Musik und Wirkmacht von Abba zu beschreiben, ist Barthel kein Superlativ zu groß.

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Barthel ist mehr als nur ein bekennender Abba-Fan. Er hat die Webseite „abba.de“ ins Leben gerufen, eine deutschsprachige Webseite für die Abba-Fans in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf dieser Seite gibt es gefühlt nichts, was es nicht gibt im Abba-Kosmos: die neuesten Neuigkeiten und das Basiswissen über die Band und die vier Musiker, Videoschnipsel und Fotos, den Onlineshop für Fanartikel und Tonträger. Wer die Seite anklickt, begibt sich auf eine Zeitreise; technisch ist abba.de auf dem Stand von 1997 hängengeblieben; damals hat Barthel die Seite online gestellt. Die 300.000 Mitglieder im Forum, dem Herzstück der Seite, stört das nicht: Hier sitzen sie ohne Sperrstunde am Abba-Stammtisch, um sich virtuell gegenseitig den gottgleichen Status der Band zu bestätigen. „100.000 Beiträge“ seien auf der Plattform, sagt Barthel. Er betreut die Webseite in seiner Freizeit, das erklärt die antiquierte Ansicht.

Ob jetzt der Relaunch ansteht und abba.de den Schritt mitgeht, den die Band gegangen ist? Bei ihrem Comeback präsentiert sich Abba mithilfe der neuesten Raffinessen, die die Computertechnik bietet: Sie haben „Abbatare“, virtuelle Abbilder ihrer selbst erstellen lassen, die ab 27. Mai 2022 in der eigens erbauten Abba-Arena in London neben echten Musikern auf der Bühne schweben werden. Die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte, die mit der „Pause“ 1983 keineswegs endete.

Zehn Jahre lang hatten Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad, Benny Andersson und Björn Ulvaeus bis dahin ein gewichtiges Wort in der Welt des Pop mitgesprochen. Der Durchbruch gelang 1974 beim Grand Prix D’Eurovision mit „Waterloo“, und darauf folgte Hit auf Hit: „Fernando“, „Chiquitita“, „Money Money Money“, „Mamma Mia“, „The Winner Takes It All“ - die Liste lässt sich beliebig verlängern. Das Bemerkenswerte dabei: Abba bedient ein breites Spektrum musikalischer Genres, vom Rock’n’Roll bis zur Ballade, vom Charleston-Retro bis zum Musicalpop. Und dabei ist Anderson und Ulvaeus, oder, um im Abba-Sprachduktus zu bleiben, ist Benny und Björn - das Songschreiben war Männersache - das Kunststück gelungen, bei aller Variabilität einen typischen Abba-Sound zu schaffen. Den wiederum haben der Einfallsreichtum, die Perfektion und vor allem die Stimmen von Agnetha und Anni-Frid maßgeblich geprägt. Gleichzeitig haben die Songs einen hohen Wiedererkennungswert: Wer auch nur an Abba denkt, hat sofort einen Song im Ohr und bekommt ihn stundenlang nicht aus dem Kopf. Das kam seinerzeit nicht bei allen gut an: Wer sich als Jugendlicher in den 1970-er als Abba-Fan outete, brauchte Nehmerqualitäten. Während Abba-Fans in einer heilen musikalischen Welt schwelgten, zertrümmerte sie der aufkommende Punk.

Doch Abba lebte trotz Pause weiter. Anfang der 1990-er Jahre entdeckte die Schwulen- und Lesbenbewegung die Musik, 1999 folgte das Musical „Mamma Mia“, das 2008 verfilmt wurde, später tourte eine Ausstellung mit Abba-Devotionalien durch die Welt und fand schließlich 2013 im Abba-Museum in Stockholm eine Heimat. Und dann, am 27. April 2018, gaben die vier bekannt, dass sie ihre Pause beenden würden.

Vierzig Jahre später sind Agnethas und Anni-Frids Stimmen älter geworden - die beiden Sängerinnen sind mittlerweile 71 und 76 Jahre alt; da verändert sich das Timbre unweigerlich. Der Sound erscheint hingegen nur leicht modifiziert: Es ist der Abba-Sound auf die Höhe unserer Tage gehoben. Das kommt an: Seit „I Still Have Faith In You“ und „Don’t Shut Me Down“ auf Youtube zu hören sind, überschlagen sich die Fans in ihrer Begeisterung. Als „Regen in der Wüste“ bejubelt einer im Forum auf abba.de die Songs, ein anderer schreibt über den Refrain zu „Don’t Shut Me Down“, „die Engel singen wieder“.

Abba-Fan und doch kritisch: René Deutscher

Doch nicht alle Abba-Fans teilen die Euphorie. René Deutscher, Sohn des Schlagerstars Drafi Deutscher, ist selbst Schlagerproduzent und bekennender Abba-Fan. Genau deshalb kritisiert er die beiden neuen Stücke. „Ich habe Bauchschmerzen“, sagt er. Auf seiner Facebook-Seite schreibt er, er habe Schwächen bemerkt, die vor 40 Jahren undenkbar waren: die Chöre sitzen nicht! Sie ,bröseln‘ tatsächlich.“ Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt Deutscher, „Abba der 1980-er Jahre war ohne Technik auf den Punkt.“ Jetzt lässt das Ergebnis Wünsche offen, trotz modernster Technik. Außerdem kritisiert Deutscher das Marketing; die Singles haben die schlechteste Bilanz aller Abba-Singles eingefahren: „Nach drei Wochen sind sie im Sturzflug aus den Charts rausgekickt worden.“

Das hat sicher mit veränderten Hörgewohnheiten zu tun. Streamingdienste wie Spotify funktionieren nach anderen Gesetzen als ein Schallplattenladen der Abba-Zeit. „Alleine schon der Umstand, dass der Gesang bei Abba nicht nach spätestens 8 Sekunden einsetzt, könnte bei Spotify sogar einen ,Abschaltimpuls‘ hervorrufen“, schreibt Deutscher auf Facebook. Deshalb hätten sie wenigstens spezielle Spotify-Versionen ihrer Songs erstellen müssen, sagt Deutscher unserer Redaktion. Und die Show mit den Avataren? „Das finde ich wahnsinnig interessant“, sagt Deutscher. „Es ist gut, dass Abba nicht live auf der Bühne steht. Da kann man nur verlieren.“ Ansehen wird er sich die Show trotzdem nicht. „Ich lasse mir meinen Eindruck nicht kaputt machen“, sagt er.

Der neuen Abba-Manie tut das keinen Abbruch. Die Band selbst geht das Comeback jedenfalls optimistisch an. Am 5. November erscheint das Album, die Show läuft ab 27. Mai 2022 in London beinahe täglich. Bis 2. Oktober, vorerst.

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