Holocaust

Das Trauma der Nachgeborenen

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 18.10.2021 17:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Natali Herschel bei ihrem Vortrag im Rummel in Emden.Foto: Hock
Natali Herschel bei ihrem Vortrag im Rummel in Emden.Foto: Hock
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Nicht nur Zeitzeugen traumatisiert der Holocaust bis heute. Auch die nachfolgenden Generationen haben mit Schweigen und zerstörten Familien zu kämpfen.

Emden - Natali Herschel gehört zur zweiten Generation der Holocaust-Überlebenden, also zu den Kindern derer, die die Massenermordung durch die Nazis überlebten. Zusammen mit ihrem Vater Tswi Herschel hält sie Vorträge zum Thema, ihr Fokus liegt dabei auf ihrer und den nachfolgenden Generationen. In der vergangenen Woche war sie mit ihrem Vater in Emden zu Gast.

Was und warum

Darum geht es: Auch die Nachkommen von Holocaust-Überlebenden haben mit Traumata zu kämpfen, unter anderem, weil sie sich fragen: „Wo ist meine Familie?“

Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte; diejenigen, die sich für die Gefühlswelt der heute lebenden Juden interessieren

Deshalb berichten wir: Es gab einen Vortrag im Rummel in Emden, den wir uns angehört haben.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Der Blick auf die Nachgeborenen ist ein besonderer. Denn auch die nach dem Krieg geborenen Kinder von Holocaust-Überlebenden haben mit dem Trauma zu leben. Sie wachsen nahezu ohne Familie auf – und treffen oft auf eine Mauer des Schweigens.

„Wo ist meine Familie?“

„Viele reden nicht über den Holocaust“, berichtete Natali Herschel während ihres Vortrags im Rummel des alten Emder Rathauses. „Ich wuchs in Amsterdam auf, wo ich einen nicht-jüdischen Kindergarten besuchte“, erzählte sie. Schon damals sei ihr aufgefallen, „dass meine Familie, im Vergleich zu den Familien meiner Freunde unvollständig war“. Denn sie wurde nie von ihren Großeltern abgeholt – sie hatte keine. Schon damals und in den späteren Jahren zunehmend habe sie sich gefragt: „Wo ist meine Familie?“

Diese Frage ist auch der Titel des Vortrags, den Natali Herschel in Emden hielt. „Unsere Stammbäume wurden zerstört“, sagt sie. Zwei Mitglieder ihrer Familie, eine Urgroßmutter und ihr Vater, hätten den Holocaust überlebt. „Der Rest wurde ausgelöscht.“ Bis heute seien Jüdinnen und Juden überall auf der Welt damit beschäftigt, ihre Familien wieder aufzubauen.

Antisemitismus erstarkt

„Man sagt, es dauert vier Generationen, bis man von einem Stammbaum sprechen kann“, so Natali Herschel. Aber die Wiedererlangung einer „vollständigen“ Familie mit Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen sei nur eine der Herausforderungen, vor denen die jüdischen Nachkriegsgenerationen stehen. „Viele meiner jüdischen Freunde wissen immer noch nicht, was mit ihren Familien in der Shoa passierte“, so Natali Herschel. Viele Eltern, und auch Großeltern, würden ihr eigenes Trauma nicht mit ihren Nachkommen teilen wollen.

Aber so ziehe sich der Holocaust weiter durch die Generationen. „Geht es nach den Gefühlen und Emotionen, dann ist der Holocaust noch nicht vorbei, noch nicht verarbeitet“, sagte Natali Herschel in Emden. „Auch meine Kinder spüren den Holocaust noch.“

Erschwert werde das Trauma der Generationen dadurch, dass es ein erneutes Erstarken von Antisemitismus in der Gesellschaft gebe – darauf wies Tswi Herschel sowohl bei seinem Vortrag in Emden als auch auf der Reise in die Niederlande hin. „Fake News“ und Lügen – zum Beispiel: Die Juden hätten das Coronavirus erschaffen, um Geld mit Medikamenten zu verdienen – seien wieder verstärkt im Umlauf. „Für solche Verschwörungsmythen herrscht wieder Hochkonjunktur“, sagte auch Kai Gembler vom Max-Windmüller-Gymnasium in Emden. Das „Max“ hatte Tswi Herschel und seine Tochter nach Emden eingeladen. Sowohl der Vortrag im Rummel als auch an der Schule und die zweitägige Reise in die Niederlande wurden unterstützt und gefördert von der Stadt Emden, dem Förderverein des Gymnasiums und der Aktion „Demokratie leben!“.

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