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Darüber spricht man nicht

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 18.10.2021 10:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Anni Heger
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Auf unserem Online-Auftritt veröffentlichen wir an sechs Tagen pro Woche eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.

Wir Deutschen haben geradezu Lieblingstabuthemen: Man spricht in diesem Land nicht über seine Tage, den künstlichen Ausgang von Großkusine Edda, Geschlechtskrankheiten und die Nazi-Vergangenheit von Onkel Herbert.

Aber ganz besonders gerne sprechen wir nicht darüber, wie viel man verdient und wen man wählt. Warum spricht man nicht darüber, wie hoch das Gehalt ist oder man auf der hohen Kante liegen hat? Scham, weil es zu wenig sein könnt oder Angst vor Neid und Missgunst, wenn es etwas mehr ist?

Zweiteres habe ich lange nicht einmal in seinem Ursprung verstanden, dabei liegt die Antwort darauf so nah, unserer heutigen Realität aber eben so fern. Die Geschichte unseres Landes hat es uns noch vor gar nicht langer Zeit erlaubt, eine Wahl zu haben. Im Osten der Republik ist das noch kürzer her. Das scheint sich ins Kollektivbewusstsein eingeschlichen zu haben.

Doch warum sprechen wir heute nicht darüber, leben wir doch in dieser großen Freiheit, eine Wahl zu haben.

Fürchten sich Menschen davor, vom Gegenüber verurteilt zu werden oder haben sie Angst sich für ihre Entscheidung erklären zu müssen? Wenn wir ehrlich sind, sind diese Ängste nicht unbegründet, wir machen uns alle Gedanken, wenn wir hören, wer sein Kreuzchen wo macht: „Das hätte ich von dem gar nicht gedacht!“, „Ha, war ja klar!“ oder „Warum will sie mir das nicht erzählen?“. Ist diese stille Übereinkunft, dass man einfach nicht darüber spricht also besser?

Für mich ist es ein bisschen wie Schuluniformen. Ziemlich praktisch, man sieht einfach nicht, ob Markenklamotten oder Mode-Discounter, ob Punk oder Popper, kein soziales Gefälle, keine Statements, keine Individualität. Doch frage ich mich: Wenn man Unterschiede verbirgt, wie soll man dann lernen, offen für anderes sein? Hier explodiert wieder am Ende meine Kolumne, ob der vielen Fragen. Doch eins kann ich klar sagen: Meine kurze Lebenserfahrung zeigt, Transparenz führt zu Toleranz und Dialog sogar vielleicht zu Akzeptanz. Also: Redet drüber.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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