Umwelt
Ohne Kühe wäre Ostfriesland irgendwann ein Wald
Rinderhaltung gilt als Treiber des Klimawandels. Aber wäre alles besser, wenn man sie abschaffen würde? Die ostfriesische Landschaft würde sich jedenfalls radikal verändern.
Ostfriesland - Der weite blaue Himmel, grünes Weideland, darauf schwarzbunte Kühe: So sieht Ostfriesland auf Postkarten und in Tourismusprospekten aus. Ein Anblick, den nicht nur Urlauber schön finden. Trotzdem wird Milchviehhaltung immer häufiger kritisiert.
Was und warum
Darum geht es: Was wäre Ostfriesland ohne seine Milchkühe und Rapsfelder? Wir fragten Fachleute.
Vor allem interessant für: Naturinteressierte Ostfriesen
Deshalb berichten wir: Oft hört man fundamentale Kritik an Landwirtschaft. Radikale Tier- und Klimaschützer fordern, insbesondere die Viehhaltung stark zu reduzieren. Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de
Rinderhaltung sei schädlich für das Klima, weil dabei viel Methan entsteht, sagen Klimaschützer. Radikalen Tierschützern ist die Trennung von Kuh und Kalb ein Dorn im Auge. Veganer möchten auf den Verzehr von Milch und Fleisch gleich ganz verzichten. Aber was wäre, wenn man in Ostfriesland die Landwirtschaft abschaffen würde? Ohne Kühe bräuchte man keine Weiden mehr, und auch kein Grünland, das regelmäßig gemäht wird. Es würde vermutlich kaum noch Mais angebaut werden, weil dieser für die Futterproduktion verwendet wird. Selbst für einen Teil des Getreides, das auf hiesigen Feldern wächst, trifft das zu. Auf Ackerflächen, die nicht mehr bestellt werden, würden sich rasch einjährige Gräser ausbreiten, sagt Prof. Dr. Teja Tscharntke, Leiter des Fachbereichs Agrarökologie an der Universität Göttingen.
Nach zehn Jahren wachsen Bäume
„Diese würden ab etwa dem dritten Jahr von mehrjährigen Gräsern und Kräutern abgelöst werden, bis nach rund zehn Jahren die Verbuschung beginnt und nach 20 Jahren etwa ein Vorwaldstadium mit Pappeln und Weiden erreicht würde“, beschreibt er den weiteren Prozess. Würde ganz Ostfriesland zum Wald werden? Nach Prof. Tscharntkes Einschätzung entstünde tatsächlich über die Jahrzehnte ein Hartholzwald, vorrangig mit Rotbuchen. Aber das würde dauern.
„Die Entwicklung hängt vor allem vom Wasserhaushalt ab“, sagt Matthias Bergmann. Er betreibt in Aurich das Büro für Ökologie und Landschaftsplanung und hat zahlreiche Gutachten zum Naturschutz in der Region verfasst. Auf unsere Ausgangsfrage – wie sähe Ostfriesland ohne Landwirtschaft aus – greift er zunächst in die Geschichte zurück.
Früher weniger Bäume
Anders, als viele vermuten, war Ostfriesland früher noch ärmer an Bäumen als heute. In der Marsch wurde der fruchtbare Boden immer landwirtschaftliche genutzt und in den Mooren verhinderten Nässe und Säuregehalt, dass große Bäume sich dort ansiedelten. Laut Bergmann war es das Urbarmachungsedikt von Friedrich II., das hauptsächlich unsere heutige Kulturlandschaft entstehen ließ. Denn dieses ermöglichte das Abtorfen der Hochmoorflächen.
Der nächste radikale Eingriff war die stärkere Entwässerung der Niederungen. „Das geschah vielfach erst nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Bergmann. Der Bau großer Siele und Schöpfwerke habe dazu geführt, dass die Ländereien im Winter nicht mehr unter Wasser standen. Der Boden wurde trocken, das veränderte die Landschaft. Würde der Boden so trocken bleiben, dann würde auch nach Bergmanns Ansicht der Prozess so ablaufen, wie ihn Tscharntke beschrieben hat. Wie das aussehen würde, könne man am Autobahndreieck nördlich von Leer sehen. Die Flächen rechts und links der Autobahn nach Emden seien beim Bau der Straße aus der Bewirtschaftung herausgenommen worden. „Nach über 30 Jahren breiten sich dort jetzt viele Bäume aus“, sagt Bergmann.
Moor wächst nicht von allein
Auf diese Weise würde sich bei einer Abschaffung der Milchviehhaltung die Wallheckenlandschaft auf der Geest genauso verändern, sagt Bergmann. Zuerst kämen Birken und Zitterpappeln, dann Erlen, noch später Eichen und Buchen. „Aber das dauert 100 Jahre und länger“, glaubt der Landschaftsplaner. Das Moor, sagen Tscharntke und Bergmann übereinstimmend, würde nicht von allein wieder wachsen. Das würde nur passieren, wenn die Gebiete wieder vernässt werden, und bei dem extrem langsamen Wachstum des Torfmooses würde es Jahrhundete dauern, bis es zur ursprünglichen Höhe zurückkehren könnte. Allerdings wäre das ein hervorragender CO2-Speicher und somit dem Klimaschutz zuträglich.
Wald dagegen speichere das Treibhausgas sehr viel langsamer, und Dauergrünland nur dann, wenn man es nicht umpflügt, so Bergmann. Tscharntke: „Natürlich wäre diese Entwicklung für das Klima von Vorteil, weil sehr viel mehr CO2 gebunden würde.“ Den größten Effekt hätte auch seiner Ansicht nach die Vernässung der Moore.
Das Aus für Wiesenbrüter
Und wie sieht es mit dem Tierschutz aus? Von der Verwaldung der Landschaft würden laut Bergmann vor allem Tiere profitieren, die schon jetzt kaum bedroht sind, zum Beispiel Vögel wie Meisen, Krähen oder Säugetiere wie Wildschweine und Rehe. Für Wiesenvögel, das sagt schon der Name, wäre es gar nicht gut. Auf offene Brachflächen spezialisierte Arten wie Uferschnepfe oder die Feldlerche, die schon jetzt sehr selten geworden sind, würden ihren Lebensraum endgültig verlieren: „Für die ware es das Aus.“
Aus Sicht des Naturschutzes müsse man die Weidehaltung von Rindern nicht abschaffen, sondern im Gegenteil, in einer extensiven und naturnahen Form fördern, sagt Bergmann. Dabei würden Kühe auf den Weiden ausschließlich Gras fressen und dort verdauen. Aus England gebe es Berichte, wonach durch eine Umstellung bei der Weidehaltung „die Artenvielfalt explodiert“ sei. Kuhfladen seien für Käfer und andere Insekten eine hervorragende Nahrungsquelle, und davon würden wiederum Wiesenvögel profitieren. Das Ausbringen von Gülle habe diese Wirkung nicht. Wie wahrscheinlich ist überhaupt das Ende der Landwirtschaft und Milchviehhaltung in Ostfriesland? „Das ist für mich unvorstellbar“, sagt Manfred Tannen, Präsident des Landwirtschaftlichen Hauptvereins Ostfriesland. Eine reine Stillegung landwirtschaftlicher Flächen ohne jede Pflege, das sei inzwischen anerkannt, helfe beim Tierschutz überhaupt nicht.
Grünland bleibt Grünland
Für den Erhalt der heimischen Insekten, Vögel und Säugetieren wie dem Feldhasen brauche man offenes Grasland. „Man darf die Wertschöpfung durch die Milchwirtschaft nicht außer Acht lassen“, sagt Tannen. Ackerland, auf dem sich Gemüse und Feldfrüchte anbauen lassen, sei in Ostfriesland selten. Grünland habe einen Anteil von 60 Prozent. „Auf den meisten Flächen lässt sich gar nichts anderes machen“, bestätigt Bergmann.
Er sei durchaus dafür, den Fleischkonsum einzuschränken, sagt Tannen: „Aber die Nutzung von Grünland für die Viehhaltung infrage zu stellen, ist völlig verfehlt.“ Die Milchproduktion biete die höchste Wertschöpfung, mit rund 5000 Euro pro Hektar liege sie noch deutlich vor der Mutterkuhhaltung mit 2500 bis 3000 Euro. Wolle man das weite Grünland ohne Nutzung erhalten, „wer soll das dann bezahlen? Allein der Steuerzahler?“, fragt Tannen.
Weidehaltung kontra Stall
Während in Ostfriesland der Anblick von Kühen auf der Wiese noch normal ist, hat sich zum Beispiel in Bayern der Trend zur ganzjährigen Stallhaltung durchgesetzt. Dort wird Grünland nur noch gemäht. „Das ist leider der Trend“, bedauert Bergmann. Tannen sieht das genauso kritisch. Er selber habe seine Milchkühe draußen auf der Wiese. Die Stallhaltung habe den Vorteil, dass sich die Fütterung leichter steuern lassen. „Ein Regenschauer, und schon hat das Gras einen anderen Eiweißgehalt“, erklärt er den Nachteil der Weidehaltung.
Wenn im Sinne des Arten- und Klimaschutzes gewollt sei, dass die Weidehaltung eine Chance hat, dann müsse den Landwirten ein Ausgleich gezahlt werden, damit sie mit den Betrieben mit Stallhaltung mithalten können. „Leider sehen wir derzeit einen anderen Trend“, bedauert Tannen. Hoffnung mache ihm der sogenannte Niedersächsische Weg, der die Interessen von Landwirtschaft und Naturschutz ausgleichen soll. Wenn das gelingt, wird Ostfriesland wohl im nächsten Jahrhundert nicht zum Wald werden.
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