Osnabrück
Tattoos: Wie radikal ist etwas, das im Mainstream angekommen ist?
Geht es nach der EU, werden wichtige Farbstoffe für Tätowierungen bald verboten – und die Empörung ist groß. Denn obwohl sie früher verpönt waren, sind Tattoos längst im Mainstream angekommen. Wie ist das passiert?
Etwa jeder fünfte Deutsche über 18 ist heute in irgendeiner Form tätowiert, schätzt der Essener Soziologe Dr. Oliver Bidlo. Schon allein das zeigt: Tattoos sind seit langem nicht mehr Randgruppen wie Seeleuten, Sträflingen oder Prostituierten vorbehalten; das bildungsbürgerliche Naserümpfen über die bemalte Haut gehört in weiten Teilen der Vergangenheit an. Sonst wäre die Aufregung um das geplante Verbot von möglicherweise gesundheitsschädlichen Farbstoffen wohl auch nicht so groß.
Schon Ötzi war tätowiert
Auch die frühere soziale Ächtung war dabei nicht in Stein gemeißelt. Untersuchungen zeigen, dass schon der Steinzeitmensch Ötzi tätowiert war, auch wenn das Wort selbst aus einer polynesischen Sprache stammt und erst im Frühkolonialismus den Weg in die westliche Welt fand. „Es ist eine urbane Legende, dass Tattoos aus Polynesien stammen“, erklärt Bidlo: „Sie sind uralt, ein beständiger Begleiter des Menschen in allen Kulturen, wenn auch mit unterschiedlichen Funktionen.“ Allerdings sei es richtig, dass Seeleute im Zeitalter der Entdeckungen für den Reimport nach Europa gesorgt hätten.
Hierzulande verhinderte die jüdisch-christliche Kultur lange eine offensive Veränderung des eigenen Körpers, weil sie als Eingriff in die göttliche Schöpfung angesehen wurde - im Islam werden Tätowierungen übrigens genauso abgelehnt. „Trotzdem hat es sie unter der Oberfläche der allgemein akzeptierten Verhaltensweisen immer gegeben“, weiß Bidlo. Im 20. Jahrhundert wurden sie lange abgelehnt und markierten Außenseiter. Strafgefangene etwa. „Knasttattoos beispielsweise entstanden, weil die Verfügungsgewalt über die eigene Haut das einzige war, was den Häftlingen blieb“, erklärt Bidlo. Tiefpunkt waren von außen aufgezwungene Markierungen, um Menschen für ihr Leben zu zeichnen - wie die Häftlingsnummern in Auschwitz.
Wandel in den 1990ern
Der Soziologe Bidlo, der intensiv zur Kulturgeschichte des Tattoos geforscht hat, verortet den gesellschaftlichen Wandel in einem konkreten Zeitraum. „Tattoos sind heute in breiten Bevölkerungsschichten angekommen“, konstatiert der Wissenschaftler: „Früher waren sie mal mehr, mal weniger verpönt. Das hat sich vor allem in den 90er Jahren gewandelt.“ Immer mehr Promis aus Musik oder Sport hätten damals angefangen, ihre Tätowierungen offensiv zu tragen. Die massenmediale Verbreitung und der Starkult erledigten den Rest.
Auch wenn Trends wie das „Arschgeweih“ kommen und wieder gehen - der Siegeszug des Tattoos ist seit dreißig Jahren im Grunde ungebrochen. Bidlo erkennt dahinter mehr als eine Modeerscheinung. Die 90er waren gekennzeichnet durch den Zusammenbruch des Kommunismus, den rasanten Beginn der Globalisierung und der Digitalisierung, kurz: Es war eine Zeit der massiven Umbrüche, geprägt von optimistischer Aufbruchstimmung und pessimistischer Zukunftsangst in gleichen Teilen. „Da boten Tattoos einen Schutz vor Veränderung“, sagt Bidlo.
Irreversibilität macht den Reiz aus
Das veranlasst ihn zu einer auf den ersten Blick überraschenden Schlussfolgerung: „Natürlich haben Tätowierungen etwas Konservatives an sich.“ Denn eigentlich galten Tattoos doch lange als Bürgerschreck, als Aufbegehren gegen bürgerliche Moralvorstellungen. Bidlo präzisiert:
Schließlich macht gerade die Irreversibilität den Reiz des Tattoos aus. Und mit dem „Wilden“ der Körperkunst ist es eh so eine Sache: Wie radikal ist etwas, was im Mainstream angekommen ist? „Wenn 20 Prozent der Erwachsenen in Deutschland tätowiert sind, verliert sich das Rebellische und Exaltierte“, findet der Soziologe: „Ein bisschen Wirbel ist schon noch da, aber nicht so, dass es zum ernsthaften Problem werden würde.“
Es geht immer krasser
Deshalb hätten sich Gegenbewegungen entwickelt, sozusagen Subkulturen in der popularisierten Subkultur. „Sich Hände, Hals oder Gesicht zu tätowieren gilt immer noch als deviant, weil man vielleicht nicht mehr im Kundenbetrieb arbeiten kann“, erläutert Bidlo. Großflächige oder besonders bunte Motive sind eben doch noch etwas anderes als der kleine Schmetterling am Handgelenk - der ja heute gerade nichts Besonderes und Individuelles mehr ist.