Verkehr

Debatte um Emder Innenstadtverkehr: Das sagen Fachleute

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 14.10.2021 18:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für Autos ist die Einfahrt von der Brückstraße in die Friedrich-Ebert-Straße nicht erlaubt. Das sorgt für viel Unmut in Emden. Foto: Doden
Für Autos ist die Einfahrt von der Brückstraße in die Friedrich-Ebert-Straße nicht erlaubt. Das sorgt für viel Unmut in Emden. Foto: Doden
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Die Diskussion um das Verkehrsexperiment in Emden dauert unvermindert an. Aber was sagen eigentlich Fachleute und Vertreter von Interessensgruppen dazu? Wir haben einige befragt.

Emden - Auch eine Woche nach dem Start des Experiments einer unechten Einbahnstraße in der Friedrich-Ebert-Straße in Emden ebbt die Kritik daran nicht ab. Insbesondere in den sozialen Medien sehen sich die Stadt und vor allem auch ihr Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) zum Teil heftigen Angriffen ausgesetzt. Befeuert wurde die Diskussion in dieser Woche noch durch den kurzzeitigen Ausfall der Faldernbrücke, der am Dienstag zeitweise ein Chaos auf den umliegenden Straßen ausgelöst hatte.

Was und warum

Darum geht es: Die Kritik an den Verkehrsexperimenten in der Emder Innenstadt ebbt nicht ab.

Vor allem interessant für: alle Verkehrsteilnehmer in Emden und diejenigen, die sich für die Entwicklung der Innenstädte interessieren

Deshalb berichten wir: Seit einer Woche gilt die neue Einbahnstraßen-Regelung in der Friedrich-Ebert-Straße. Wir haben Fachleute aus Emden gefragt, was sie von den Feldversuchen in der Innenstadt halten.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Aber was sagen eigentlich Fachleute aus dem Emder Verkehrswesen zu dem Versuch von Kruithoff, mit den neuen Regelungen in der Friedrich-Ebert-Straße und in der Neutorstraße die Verkehrswende in der Innenstadt einzuleiten? Unsere Redaktion hat einige von ihnen gefragt. Die Einschätzungen fallen unterschiedlich aus.

Das sagt die Emder Verkehrswacht

„Versuch macht klug“, sagt Berthold Tuitjer. Man müsse „auch mal neue Dinge ausprobieren, um zu sehen, wie sie wirken“, so der Vorsitzende der Emder Verkehrswacht. Veränderungen bedeuten am Anfang aber „immer auch Stress“, zumal alte Gewohnheiten aufgegeben werden müssten.

Tuitjer sieht sich dennoch ganz auf der Linie des Oberbürgermeisters“ und kann nicht nachvollziehen, warum Kruithoff dafür gescholten wird. Er könne ihn nur bestärken in seinen Zielen, die Innenstadt autoarm zu gestalten und die Aufenthaltsqualität zu steigern. Dass das gelingen kann, zeige sich auch auf dem autofreien Neuen Markt.

Eine gute Alternative zum Parken biete das Parkhaus am Wasserturm. Von dort aus sei alles in der Innenstadt leicht zu Fuß zu erreichen. Nach Ansicht von Tuitjer ist es im Gegensatz zu heute auch nicht mehr notwendig, das Zentrum mit dem Auto zu durchqueren. „Das macht keinen Sinn“, sagt der Chef der Verkehrswacht.

Das sagt der Sicherheitsexperte der Polizei

Aus rein fachlicher Sicht für „unproblematisch“ hält Holger Gärtner die gegenwärtigen Experimente in der Innenstadt. Er ist Verkehrssicherheitsberater der Polizei und beruft sich bei seiner Einschätzung rein auf die Fakten. Die besagten, dass verkehrsberuhigende Maßnahmen zu mehr Sicherheit führten. „Wo langsamer gefahren wird, passieren auch weniger Unfälle“, sagt der Polizeibeamte. Seit dem Beginn der Feldversuche in der Neutorstraße und in der Friedrich-Straße habe es nur einen Auffahrunfall gegeben. Vorher seien beide Straßen aber ebenfalls keine Unfallschwerpunkte gewesen.

Holger Gärtner ist Verkehrsicherheitsbeauftragter der Emder Polizei. Foto: Päschel/Archiv
Holger Gärtner ist Verkehrsicherheitsbeauftragter der Emder Polizei. Foto: Päschel/Archiv

Gärtner erhält nach eigenen Angaben viele Anrufe und Ansprachen von Verkehrsteilnehmern. Er meint, dass Unsicherheit und Frust zu großer Unruhe führe, zumal mit der Sperrung der Trogstrecke sowie den neuen Regelungen in der Neutorstraße und in der Friedrich-Ebert-Straße „vieles auf einmal“ auf die Bevölkerung zugekommen ist. Hinzu komme, so Gärtner, „dass viele nicht mehr wie gewohnt von A nach B kommen können und Umwege und Staus in Kauf nehmen müssen“.

Zur Unsicherheit beigetragen habe im Fall der Friedrich-Ebert-Straße auch das Instrument der unechten Einbahnstraße. Sie sei zwar in der Straßenverkehrsordnung vorgesehen, werde aber nur selten angewandt, sagt der Polizeibeamte. Unechte Einbahnstraßen verbieten zwar die Einfahrt auf einer Seite – in diesem Fall von der Brückstraße – dürfen aber innerhalb von allen Fahrzeugen in beiden Richtungen befahren werden.

Das sagt der „Fahrradpapst“

Generell unzufrieden mit den Bedingungen für Radfahrerinnen und Radfahrer in Emden – insbesondere in der Innenstadt – ist Reiner Schuchardt. Er ist Mitglied und Tourenleiter der Interessengemeinschaft (IG) Radfahrer in Emden und hat sich in der Stadt den Ruf als „Fahrradpapst“ erworben. „Ich persönlich fahre mittlerweile nur sehr ungern mit dem Rad in das Zentrum, weil mir das zu gefährlich ist“, sagt der Larrelter.

Aus seiner Sicht bringen auch die neuen Regelungen in der Neutorstraße keine wirklichen Verbesserungen für Radfahrer, obwohl das ein erklärtes Ziel des Verkehrsexperimentes ist. Die Situation sei vielmehr „verwirrend“. Radfahrer müssten stets auch die Fußgänger im Blick behalten. Schuchardt hält es für sinnvoller, die Neutorstraße komplett für den Autoverkehr zu sperren. Das würde auch die Attraktivität dieser Einkaufsstraße erhöhen. „So, wie es jetzt ist, ist das nicht die optimale Lösung“, sagt er.

Der Fachmann beklagt auch, dass fast nirgendwo in der Stadt der vorgeschriebene Seitenabstand von 1,50 Meter zwischen Autos und Radfahrern eingehalten werden kann. „Das geben die Straßen einfach nicht her; sie sind zu schmal dafür “, sagt der Fachmann. Hinzu komme, dass die Autos in den vergangenen Jahrzehnten immer breiter geworden seien. Deshalb seien auch die vorgeschriebenen Maße für Radwege nicht mehr aktuell.

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