Herdenschutz
Nach Wolfsangriff: Weiterleben mit dem Trauma
Wilfried Wachtendorf aus Tannenhausen hat am Mittwoch seinen Herdenschutzzaun in Betrieb genommen. Für acht Tiere kam er zu spät: Im Juni hatte eine Wölfin acht seiner Schafe getötet.
Aurich - Sie sind das erste Mal wieder gemeinsam auf der Weide, die Überlebenden der Nacht des Wolfrisses von Montag, 21. Juni, auf Dienstag, 22. Juni, und die anderen Schafe aus der Herde von Wilfried Wachtendorf aus Tannenhausen. Sie grasen gemeinsam friedlich hinter dem neuen Herdenschutzzaun. Mit ehrenamtlicher Hilfe wurde er am Wochenende auf zwei Wiesen der Familie errichtet. Er besteht aus stabilen Holzpflöcken mit fünf festen Drähten, ist 1,20 Meter hoch und steht unter Strom. Wilfried Wachtendorf hatte ihn im Februar beantragt. Lange vor dem Unglück. Mittwochabend konnte er endlich die Schilder mit der Warnung vor elektrischer Spannung aufhängen und den Zaun in Betrieb nehmen.
Was und warum
Darum geht es: Der der neue Wolfsschutzzaun für die Schafe von Wilfried Wachtendorf ist endlich da und aufgebaut. Nach einem Wolfsriss in Juni kommen die überlebenden Tiere jetzt das erste Mal in die Herde zurück.
Vor allem interessant für: Landwirte, Schafhalter, Freunde und Gegner von Wölfen, Natur und Tierfreunde.
Darum berichten wir: Um zu zeigen, was ein Wolfsriss für Halter und Tiere bedeutet und wie ein Wolfsschutzzaun ihnen helfen soll. Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de
Ein Wolf hatte in der Nacht im Juni auf einer abgelegenen Weide drei Jährlinge getötet und vier weitere lebensgefährlich verletzt. Insgesamt hat der Züchter damals acht Tiere verloren. Das achte Opfer war eine zehnjährige zutrauliche Handaufzucht. Das erfahrene Mutterschaf sollte den Jungen als „Nanni“ Sicherheit geben und einen letzten schönen Sommer genießen. „Sie hat noch gelebt, als ich damals abends auf die Weide kam“, erinnert sich Wachtendorf: „Als sie mich gesehen hat, beruhigte sie sich wieder und hat sogar angefangen zu fressen.“ Er schluckt und kämpft mit den Tränen. In dem Moment hatte er noch gehofft, dem Tier sei nichts geschehen. Da wusste er noch nicht, dass der Wolf diesem Schaf in den Bauch gebissen und zwei Rippen herausgerissen hatte. Auf diese Weide, wo der Wolf zugeschlagen hat, stellt Wilfried Wachtendorf keine Tiere mehr.
Eine Wölfin aus Hannover
Laut dem niedersächsischen Umweltministerium wurden 2019 in Niedersachsen landesweit 592 Nutztiere bei 192 Wolfsangriffen getötet. 2020 waren es schon insgesamt 1081 bei 226 registrierten Vorfällen. Auch in Ostfriesland gibt es im Jahr 2021 bestätigte Sichtungen von Wölfen. Nachgewiesene vom Wolf gerissene Nutztiere gab es laut Wolfsberater Gerd Oncken bisher aber nur in Aurich und Wittmund – vermutlich von ein und derselben Wolfsfähe. Die geschätzte Anzahl der getöteten Tiere liege bei unter 20. Im Jahr 2020 waren es über 20 nachweislich von Wölfen gerissene Nutztiere, aber von unterschiedlichen Wölfen. Dass es in Tannenhausen auch ein Wolf war, wurde Wilfried Wachtendorf in einem Schreiben bestätigt. Es enthielt die Untersuchungsergebnisse der am Tatort gesicherten Spuren. „Es soll eine eineinhalbjährige Wölfin aus dem Raum Hannover gewesen sein. Unterwegs hat sie mehrmals Tiere gerissen und so Spuren hinterlassen“, erzählt Wachtendorf.
In ihrem ausdauernden Trab legen die Tiere laut Wolfsberater Gerd Oncken ohne Probleme 30 bis 70 Kilometer am Tag zurück. Schon in vier Tagen könnte ein Tier also von Hannover aus Tannenhausen erreichen. Hindernisse gebe es für Wölfe kaum. Flüsse und die normalen Zäune seien jedenfalls keine. Fünfmal sei das Tier auf dem Weg auffällig geworden, gibt Wachtendorf den Inhalt des Schreibens wieder. Ob es überall so gewütet hat wie in Tannenhausen, weiß er nicht. „Grausam“, sagt Wilfried Wachtendorf. Er ist kein Wolfhasser: „Ich könnte sogar verstehen, wenn ein Wolf sich ein Tier holt und es auffrisst: Aber bei dem Verhalten hört für mich das Verständnis auf.“
14 Jährlinge haben überlebt
Die 14 überlebenden Schafe hatte Wilfried Wachtendorf nach dem Angriff nah am Hof behalten. Ein Art Traumatherapie. „Sie sollten sich wieder an Hunde und Leben um sie herum gewöhnen, ohne dass sie zusammenzucken und in Panik geraten“, erzählt er. Die Coburger Fuchsschafe züchtet Wachtendorf im Nebenerwerb, holt mit ihnen Preise und hat sich mit den Tieren einen Namen gemacht. Am liebsten wäre er hauptberuflich Schäfer. Aber Flächen zu finden, auf denen er im Auftrag des Landschaftsschutzes seine Tiere grasen lassen kann, sei schwierig.
Seine Schafe haben dunklere Gesichter als die meisten anderen Füchse, darauf ist er stolz. Er mag den Kontrast zwischen dem dunklen Fuchsrot und der helleren goldrötlichen Wolle. Unter den Opfern waren zwei seiner schönsten Zuchtschafe. Das schönste Tier hatte die Wölfin mit einem Kehlbiss getötet. „Wäre ich mit den Tieren auf eine Schau gekommen, hätten die anderen einpacken können“, sagt Wachtendorf und lächelt wehmütig, „so schön waren sie.“ Er ist kritisch mit seinen Tieren, aber an diesen beiden war alles perfekt.
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Eine besondere Verbindung zu den Tieren
Wilfried Wachtendorf hält Schafe, seit er 13 Jahre alt ist. Er hat eine besondere Verbindung zu seinen Tieren. Sie haben ihn über den frühen Verlust seines Vaters weggetröstet und durch eine schwere Jugend begleitet. Ohne Schafe, sagt Wachtendorf, könnte er nicht leben. Er sagt diese Worte nicht so dahin, er meint sie auch. Vor 27 Jahren ist er auf die Coburger Füchse gekommen, eine alte bedrohte Haustierrasse aus dem Fränkischen. Verdiente Tiere werden bei ihm alt. Das älteste Mutterschaf ist mit 18 Jahren in seinen Armen gestorben – vom Tierarzt eingeschläfert. Ein Schlachter kam nicht in Frage. Immer wieder hatte das Tier ihm Drillinge geschenkt.
Natürlich können nicht alle Tiere so sterben. Für Mutterschafe, die ihm ans Herz gewachsen sind, sucht er Aufgaben in der Region. Sie gehen als Rasenmäher zu Menschen, bei denen sie es gut haben und den Lebensabend genießen können. Zwei Kandidatinnen stehen auch auf der frisch eingezäunten wolfsicheren Weide: die zwölfjährige Tessa, die ihm viele Pokale eingebracht hat, und eine 14-Jährige – beide haben bereits jetzt ein biblisches Alter für Zuchtschafe erreicht.
Wachtendorf kneift die Augen zusammen, als ein Radfahrer mit drei Hunden an der Leine vorbeifährt, und beobachtet seine Tiere ganz genau. Einige von ihnen lassen die Hunde nicht aus den Augen, bereit zur Flucht. „Früher wäre ihnen das egal gewesen“, sagt der Hobby-Landwirt. Er beobachtet sie seit damals ganz genau. Die Überlebenden des Angriffs erkennt der 52-Jährige an der kürzeren Wolle. Inzwischen wird es dunkel, die erste Nacht auf der neuen Weide steht bevor. Ob er jetzt beruhigter schlafen kann? „Eher nicht“, sagt Wachtendorf. Man munkelt schon wieder von Wolfssichtungen: „Aber ich weiß wenigstens, dass alles dafür getan wurde, dass die Schafe sicherer sein können.“
Interview mit Wolfsberater Gerd Oncken
Frage: Wilfried Wachtendorf sagt, er hätte Verständnis dafür, wenn ein Wolf eines seiner Tiere reißt, um sich zu ernähren. Bei der Menge an sinnlosen Opfern höre für ihn aber das Verständnis auf. Das Massaker, das der Wolf angerichtet hat, war ein großer Schock für ihn. Warum verhalten sich Wölfe so?
Gerd Oncken: Es sind oft junge unerfahrene Tiere, die ohne die Orientierung durch ihre Eltern ein neues Revier finden und überleben müssen. Das Verhalten ist auch bei anderen Tieren wie Mardern, Pantern und Füchsen bekannt. Normalerweise treffen diese Tiere nicht auf Nahrung, die sich nicht wehrt und nicht wegläuft wie diese Schafe. Deshalb ist ein solches Verhalten in der freien Wildbahn nicht üblich. Diese Raubtiere stehen alle bei der Jagd so sehr unter Adrenalin, dass sie in einen richtigen Tötungsrausch geraten. Man kennt das vom Fuchs im Hühnerstall. Am Ende sind die Räuber manchmal so erschöpft, dass sie gar nicht mehr fressen können.
Frage: Bietet ein solcher Wolfschutzzaun einen echten Schutz für zahme Schafe?
Oncken: Es kommt vor allem darauf an, dass der Wolf keine Lücke findet, um durchzukommen. Er geht normalerweise drum herum, bis er eine findet – sei es eine Pforte oder eine Wasserstelle. Es geht also um die Geschlossenheit. Außerdem führt der Zaun eine hohe elektrische Spannung. Ein Wolf als Ballengänger spürt sie schon in 30 Zentimetern Entfernung. Wer einmal einen Hund gesehen hat, der einen Elektrozaun berührt, weiß, dass der sich dem Zaun kein zweites Mal nähern wird. Ein wolfssicherer Schutzzaun hält eine immer gleich hoch bleibende Energie von 15 Kilojoule. Das ist so viel, als würde man jemandem mit einem nicht erlaubnispflichtigen Luftgewehr aus einem Abstand von 50 Zentimetern auf den Hintern schießen. Das tut richtig weh.
Frage: Kann der Wolf nicht einfach über einen 1,5 Meter hohen Zaun springen?
Oncken: Es gibt Tiere, die einen Schutzzaun überwinden. Tun sie es nachweislich wiederholt, werden solche Tiere entnommen. Einen solchen Fall gab es unter anderem in Vechta: Dort hatte ein ansässiger Wolf sogar wiederholt Großtiere gerissen und wurde entnommen.
Frage: Sie meinen getötet?
Oncken: Mir sind insgesamt vier bis fünf Fälle in Niedersachsen aus der Presse bekannt. Man muss schauen, wie sich das in Zukunft entwickelt. Der Bestand an Wölfen nimmt jährlich in Niedersachsen um 30 Prozent zu. Letztlich ist Ostfriesland nicht bewaldet genug, um mehreren Tieren langfristig einen Lebensraum und genug Nahrung zu bieten. Dass sich Tiere in Ostfriesland ansiedeln und es vermehrt zu Übergriffen kommt, kann man aber auch nicht ausschließen. Hier kommen wie überall anders auch durchziehende Wölfe vorbei. Wölfe brauchen täglich etwa 1,5 Kilogramm Fleisch und jagen überwiegend Huftiere in Wäldern. Um genug zu finden, müssen sie weit laufen. Deshalb sind sie dann auch schnell wieder weg.