Osnabrück

Stellenabbau bei VW? Warum die Automobilindustrie für Niedersachsen wichtig ist

| 14.10.2021 08:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Mitarbeiter im Volkswagenwerk in Zwickau komplettiert einen VW ID.4. Was ist dran an den mutmaßlichen Plänen von VW-Vorstandsvorsitzendem Herbert Diess, 30.000 Jobs bei Volkswagen zu streichen? Foto: Hendrik Schmidt
Ein Mitarbeiter im Volkswagenwerk in Zwickau komplettiert einen VW ID.4. Was ist dran an den mutmaßlichen Plänen von VW-Vorstandsvorsitzendem Herbert Diess, 30.000 Jobs bei Volkswagen zu streichen? Foto: Hendrik Schmidt
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30.000 Arbeitsplätze weniger bei Europas größtem Autobauer? Ein Bericht über mögliche Pläne aus Wolfsburg hat Wellen geschlagen. Ein Blick auf die Automobilindustrie in Niedersachsen und Deutschland.

Welche Bedeutung hat die Automobilindustrie in Deutschland und Niedersachsen?

Einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) zufolge können bundesweit rund 3,26 Millionen Erwerbstätige mit der Automobilwirtschaft in Verbindung gebracht werden. Etwa 1,2 Millionen von ihnen werden in produktionsnahen Bereichen beschäftigt und befassen sich konkret mit der Produktion von Autos beziehungsweise deren Komponenten. Sie verteilen sich auf rund 44.000 Betriebe bundesweit. In Niedersachsen werden 250.000 Beschäftigte direkt oder indirekt dem niedersächsischen Automobilcluster zugeordnet. Damit ist die Automobilindustrie der größte industrielle Arbeitgeber im Land.

Wo konzentriert sich die Automobilindustrie besonders?

118 von 401 Kreisen und kreisfreien Städten haben der IW-Studie zufolge eine besondere Prägung durch die Automobilwirtschaft. Die bedeutendsten Regionen sind dabei Wolfsburg (VW), Ingolstadt (Audi) und der Landkreis Dingolfing-Landau (BMW). Auf sie verteilt sich ein Beschäftigtenanteil von weit über 40 Prozent.

Welche Bedeutung hat Volkswagen für Niedersachsen?

Den Konzern, an dem das Land Niedersachsen als Aktionär zuletzt 11,8 Prozent der Anteile hielt, bezeichnet die Gewerkschaft IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt als „industrielle Schlagader im Zentrum Niedersachsens mit vielen Herzkammern auch über Bundeslandgrenzen hinweg“. Für den Wirtschaftsstandort Deutschland und Niedersachsen im Speziellen bleibe die Automobilbranche eine tragende Säule - auch im Kontext der Elektromobilität. Volkswagen spiele dabei nicht nur in regionalen, sondern bundesweiten Wertschöpfungsketten eine zentrale Rolle. „Die guten Arbeitsplätze sorgen dafür, dass der gesamtkonjunkturelle Motor am Laufen bleibt“, heißt es seitens der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Auch Lob für VW gibt es seitens der Gewerkschaft: Volkswagen habe sich aufgemacht, den Wandel in der Branche fair für alle Seiten zu gestalten. „Diese Vorbildfunktion gilt es weiter zu stärken und auszubauen.“

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Die Automobilindustrie befindet sich in einem Transformationsprozess. Ist ein Stellenabbau da abwegig?

Möglicherweise hat der Bericht des „Handelsblatts“ über Diess‘ Äußerungen in einer Aufsichtsratssitzung im September auch deshalb für Wirbel gesorgt, weil sie ins Bild passen. Schon auf einer Sitzung aller 120 Top-Manager in Wolfsburg vor rund einer Woche sprachen Konzernchef Diess und VW-Markenchef Ralf Brandstätter darüber, dass Volkswagen in Sachen Produktivität den Anschluss verliere. Bleibe alles beim Alten, sei VW nicht mehr wettbewerbsfähig, warnte Diess.

Hinzukommt: VW wäre nicht der erste Autobauer, der die Belegschaft reduziert. Bei Daimler beispielsweise läuft derzeit ein großangelegtes Freiwilligenprogramm, Ford hatte zuletzt in zwei Jahren rund 10.000 Jobs abgebaut. Auch bei den Zulieferern werden Stellen abgebaut. Eine ifo-Studie im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA) geht davon aus, dass bis 2030 in der Automobilindustrie in Deutschland mindestens 215.000 Arbeitsplätze verschwinden. Trotz rund 147.000 Mitarbeitern die bis dahin in den Ruhestand gehen, bleibe eine Lücke von 70.000 Stellen, die abgebaut werden müssten.

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Welche Rolle spielt die Transformation in Richtung E-Mobilität?

In 40 der 118 durch die Automobilwirtschaft stark geprägten Regionen sind dem Institut der Deutschen Wirtschaft zufolge besonders viele Beschäftigte in Bereichen tätig, die mit dem konventionellen Antriebsstrang in Verbindung stehen. Sie stehen entsprechend insbesondere vor Herausforderungen. Laut Studie gilt dies insbesondere für Schweinfurt, Salzgitter, Bamberg und den Saarpfalz-Kreis, die jeweils mehr als 10 Prozent der Gesamtbeschäftigten von Verbrennungsmotor abhängig sind.

Wie stark beeinflusst die Transformation der Branche den Personalbedarf bei VW?

Eine Studie des Fraunhofer-Instituts im Auftrag des unabhängigen Nachhaltigkeitsbeirats des VW-Konzerns hat jüngst gezeigt, dass der Beschäftigungsbedarf bei Volkswagen durch E-Mobilität und Digitalisierung weniger stark sinken wird als frühere Studien der Branche vorausgesagt haben. Allerdings ist die Betroffenheit stark vom Arbeitsbereich abhängig. Während Arbeitsplatzverluste in der Fahrzeugfertigung geringer ausfielen, sei unter anderem der Bereich der Komponentenfertigung stärker betroffen. Bei letzterem sinke der Arbeitsaufwand für den elektrischen Antriebsstrang im Vergleich zum herkömmlichen Antrieb. Im Bereich der Digitalisierung wird mittelfristig mit einem Jobzuwachs gerechnet.

Was steht aktuell in der Debatte bei VW im Mittelpunkt?

Im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion bei VW steht der Standort Wolfsburg. Auf Anfrage teilt ein Konzernsprecher zwar mit, dass es keine konkreten Szenarien für einen Arbeitsplatzabbau gebe. Er sagt aber auch: „Es steht außer Frage, dass wir uns angesichts der neuen Marktteilnehmer mit der Wettbewerbsfähigkeit unseres Werks in Wolfsburg befassen müssen.“

Zum Vergleich schaut VW zu Konkurrent Tesla, der im brandenburgischen Grünheide neue Maßstäbe in der Produktivität und bei den Skalen setzen werde. „Mit dem Projekt Trinity haben wir die Chance, den Standort Wolfsburg zu revolutionieren und Arbeitsplätze nachhaltig abzusichern. Die Debatte ist jetzt angestoßen und es gibt bereits viele gute Ideen“, so der VW-Sprecher. Mit dem „Trinity“ soll bei Volkswagen ab 2026 die zweite E-Auto-Generation vom Band laufen. Das Flaggschiff-Modell soll in Wolfsburg gefertigt werden. Mit einer neuen Fahrzeug-Architektur soll die Produktion dann vereinfacht werden. Der Konzernbetriebsrat fordert schon vorher ein E-Modell für den Stammsitz.

Wie sehen das Experten?

Nicht nur Volkswagen selbst sieht am Standort Wolfsburg Handlungsbedarf, Unterstützung kommt von Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer. „Ich glaube, es ist wichtig, gerade das Werk in Wolfsburg neu zu sortieren“, sagte er unserer Redaktion. Auch Dudenhöffer zieht den Vergleich mit US-Rivalen Tesla. Die steigende Konkurrenz durch dessen Werk in Grünheide südostlich von Berlin müssten alle deutschen Autobauer „sehr ernst nehmen“, erklärte der Automobilexperte.

Auch, wenn für das Tesla-Werk, noch keine Genehmigung vorliegt, geht es nach Firmenchef Elon Musk sollen spätestens im Dezember die ersten Autos vom Band rollen. Die Produktion werde in erheblichem Maße automatisiert sein, so Dudenhöffer. „Es ist wichtig, dass VW diese Zeichen erkennt und versucht, Wolfsburg wettbewerbsfähiger aufzustellen“, sagte der Brancheninsider und fügte hinzu: „Diess hat recht - VW muss den Gürtel enger schnallen und deutlich dynamischer werden.“

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