Bohmte
Unterricht mit iPad: Kann das funktionieren?
Schule sollte auf Leben und Arbeitswelt vorbereiten. Welche Rolle spielt da die Digitalisierung? Wie werden die Milliarden, aus dem Digitalpakt eingesetzt? Ein Streifzug durch Norddeutschland.
Die meisten Schüler sind ins Wochenende verschwunden. Auf den Fluren hier und da Putz-Wagen. Es ist ruhig in dieser Schule in Norddeutschland. Das ist wichtig, denn was ein Lehrer hier heute zeigen will, würde seine Schulleitung wohl kaum genehmigen.
Der Mann öffnet eine Tür, dahinter eine jahrzehntealte Melange aus Teenager-Schweiß, Kreidestaub und ausdünstendem Plastikboden. Dieser Klassenraum könnte ein Museum für die Evolution der Bildungstechnologie sein: In der einen Ecke verstaubt ein Tageslicht-Projektor. Daneben eine Dokumentenkamera. Sie kann Arbeitsblätter abfilmen und an die Wand werfen. Unter der Decke thront die vermeintliche Krone der Schöpfung: ein Beamer, an dem ein kleiner schwarzer Kasten hängt. Apple-TV. Die Antwort vieler Schulen auf die Herausforderungen der Digitalisierung. Und hinter dem Pult hängt die grüne Tafel - wie ein Bildungsdinosaurier, den keiner mehr haben will. Wie viele Jahre sie wohl schon nicht mehr genutzt wurde? Interessehalber ein Griff zum Schwamm - er ist nass.
Den Lehrer wundert es nicht, dass viele seiner Kollegen noch in der Kreidezeit verharren und den Unterricht an der Tafel gestalten. Er selbst hat nichts gegen moderne Technik. Um Endnoten berechnen zu lassen, hat er sich eine Excel-Matrix gebaut. Den Unterricht bereitet er auf seinem PC vor. Dann gab die Schule vor einiger Zeit für alle Lehrer iPads aus. „Die ersten Monate habe ich damit nur Netflix geschaut“, sagt der Lehrer. An der Schule habe es schlicht keinen Plan gegeben, wie man mit den neuen Geräten unterrichten sollte. Heute, so erzählt es der Lehrer, könne man die iPads zwar theoretisch per Apple-TV mit dem Beamer verbinden. Aber nun kämpften er und seine Kollegen gegen Verbindungsprobleme und weiterhin fehlende Konzepte. Kein Wunder also, dass viele wieder zu Kreide und Schwamm griffen.
Hintergrund dieser paradoxen Entwicklung ist ein Plan aus dem Jahr 2016. Da entschieden die damaligen Kultusminister: Bis 2021 sollte jede Schülerin und jeder Schüler in der Schule wo es sinnvoll sei Internetzugang haben und eine „digitale Lernumgebung“ nutzen können. Digitaler Unterricht, qualifizierte Lehrkräfte: Kein eigenes Schulfach „Digitales“, sondern Anschluss an das Thema in jedem Fach. Analog zum Lesen und Schreiben, so das Ziel der Minister damals, sollte digitale Kompetenz in Mathe, Deutsch und Erdkunde einfach miterworben werden. Beginnend an den Grundschulen.
Viele Lehrer würden gerne digitaler arbeiten
Fünf Jahre später, im Jahr 2021, sieht die Realität anders aus. Die Universität Göttingen hat Lehrer an 174 Schulen befragt und stellte die Ergebnisse jüngst zusammen mit der Bildungsgewerkschaft GEW vor. Eine Erkenntnis: 77 Prozent der Pädagogen würden gerne digitaler arbeiten. Ihre Arbeitsumgebung gibt das aber oft nicht her.
Die Forscher ordnen in ihrer Studie ein Drittel der Schulen als „digitale Nachzügler“ ein; gut die Hälfte findet sich irgendwo im Mittelfeld. Die Forscher befürchten, dass die Nachzügler ihre Schüler schlechter ausbilden. Digitale Spaltung nennen das die Wissenschaftler. Die Folge: Die soziale Spaltung in der Gesellschaft vertiefe sich, sagte Anja Bensinger-Stolze, bei der GEW zuständig für den Bereich Schule, während der Pressekonferenz zur Studie.
Ein paar Tage später in Bohmte, im Landkreis Osnabrück, an einer anderen Schule: iPad-Stifte und Zeigefinger fliegen über Bildschirme. Der Beamer surrt. Die Siebtklässler sollen gerade in Englisch eine Speisekarte für ein gesundes Schulessen basteln.
„Früher hätten sie ein Stück Pappe und Stifte benutzt und viele Jungs hätten da schon keine Lust mehr gehabt“, sagt Mareike Siegmann. Die 54-Jährige ist stellvertretende Schulleiterin der Oberschule. Fächer: Englisch und Deutsch. Siegmann ist Digitalpionierin. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgt sie dem Hashtag „digitaleslehrerzimmer“. An ihrer Schule lagen die Ideen für digitalen Unterricht schon in der Schublade als die Bundesregierung beschloss, Bildung in Deutschland an Internet und Endgeräte anzuschließen. „Man muss ins wahre Leben schauen - und das ist digital. Da können wir uns als Schule nicht abschotten“, sagt Siegmann. Und warum ausgerechnet teure iPads? „Mir gefällt wie intuitiv die Geräte sind“, sagt die Lehrerin. Die Schüler dürfen Safari und Google nutzen - dadurch lernen sie nicht nur Englisch, sondern auch, seriöse Informationen von unseriösen zu unterscheiden. Instagram und Whatsapp werden in der Schule blockiert. „Die Faszination der Schüler für die Geräte hat schnell nachgelassen“, sagt Siegmann. „Für sie ist das ein Arbeitsgerät.“
Digitalisierung in der Schule ist wie hier im besten Fall nicht nur Modewort und Selbstzweck. Es geht hier nicht in erster Linie um Touchpads, bunte Oberflächen und Entertainment. Schüler, so beschreiben es die Göttinger Forscher in ihre Studie, sind darauf angewiesen, dass sie in der Schule lernen, wie man digitale Inhalte erstellt, aber auch prüft. „Denken Sie daran, was es bedeutet, wenn Schüler digitale Fake News nicht erkennen“, warnte Frank Mußmann, einer der Göttinger Wissenschaftler, bei der Vorstellung der Studie.
Heute basteln die Siebtklässler in Bohmte mit unterschiedlichen Apps digitale Speisekarten, die man ohne viel Anpassung in einem Restaurant verwenden könnte. Wo die eine in unterschiedlichen Farben handschriftlich arbeitet, wählt der andere die Texterfassung oder tippt die Worte auf der Tastatur.
Am Ende präsentieren die Schüler vom Platz aus. Finja meldet sich, verbindet ihr iPad in Sekundenschnelle mit dem Beamer. Der wirft gut leserliche, geschwungene Handschrift an die weiße Tafel, in Blau, Lila und Rot hat Finja ihre Speisekarte gestaltet. Englische Begriffe für Salat, Pasta mit Broccoli und Joghurt mit Erdbeeren wechseln sich ab mit Fotos der Gerichte.
Nach der Stunde trägt Siegmann einen abwesenden Schüler ins digitale Klassenbuch ein und hinterlegt, was die Schüler in dieser Stunde gelernt haben. „See you on Wednesday, Bye!“, verabschiedet sie sich.
Mehr Videoschalten durch Corona
In der Göttinger Studie zur Digitalisierung in der Bildung heißt es: Zwar habe die Pandemie einen Digitalisierungsschub an den Schulen ausgelöst - allerdings sei es eher darum gegangen, Lehrer und Klassen per Video zusammenzuschalten, als Unterricht wirklich digital zu denken. Nur 16 Prozent der befragten Schulen nutzen etwa digitale Lehrbücher. Dabei bieten Schulbuchverlage die seit Jahren an. Auf der anderen Seite klagen viele Lehrer über Technikprobleme und höhere Arbeitsbelastung.
Ralf Becker, bei der GEW zuständig für Berufsschulen, summierte: „Fünf WLAN-Balken bedeuten nicht unbedingt gute Bildung.“ Es brauche durchdachte Konzepte, Fortbildungen, IT-Personal. „Die Digitalpakt-Mittel müssen endlich in Form von Personen an den Schulen erscheinen“, forderte Becker. Die Bohmter Konrektorin Mareike Siegmann sieht es ähnlich: „Die digitale Didaktik ist in den Anfängen. Dabei kann es nicht nur um Präsentationen und Recherchen gehen. Sonst ist es nur Spielerei.“
Milliarden für die Digitalisierung
Viele Länder haben nun Digitalstrategien beschlossen. In NRW spricht die Schulministerin von einer „Aufholjagd“. Immerhin seien digitale Kompetenzen heute so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Zweimal pro Jahr berichten die Länder nun, wie viel Geld sie aus dem großen Topf Digitalpakt entnommen haben. Bis Juni 2021 waren es 852 Millionen Euro - von insgesamt fünf Milliarden. Mecklenburg-Vorpommern hat rund 11, Schleswig-Holstein 22 und Niedersachsen 65 Millionen Euro abgerufen. Im dreistelligen Bereich flossen die Millionen in den Süden des Landes - nach Bayern und Baden-Württemberg, gefolgt von NRW. Gründe für diese schleppende Praxis sind bürokratische Antragsverfahren, Konzeptlosigkeit, fehlendes Fachpersonal, Lieferengpässe - und befristete Mittel. Denn der Digitalpakt dient nur als Anschubfinanzierung. Für alles Weitere wären ab 2024 Länder und Kommunen zuständig.
Auf dem Weg zum Lehrerzimmer erzählt die Bohmter Lehrerin von ihrem Sohn, der gerade ebenfalls Lehramt studiere. Digitalisierung? Sei da bislang kein Thema. Die Schule, an der er gerade zur Ausbildung gewesen sei, setze weiter auf Tageslicht-Projektoren.