Osnabrück
Großer Pflegereport: Zwei von drei jungen Menschen wollen helfen
Im Alter ins Pflegeheim? Millionen von Menschen wollen das nicht und werden zuhause gepflegt. Junge Leute übernehmen dabei bemerkenswert oft Verantwortung. Und es könnten noch viel mehr werden, so der DAK-Pflegereport.
Zwei von drei jungen Menschen (68 Prozent) können sich laut DAK-Pflegereport vorstellen, Angehörige zu pflegen. Von den befragten 16- bis 39-Jährigen, die bereits zu Hause pflegen, würden sogar 84 Prozent eine erneute Pflegetätigkeit aufnehmen. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die Krankenversicherung. Viele sind dem Pflegereport zufolge schon sehr früh engagiert. Mindestens 480.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren tragen Pflegeverantwortung, zitieren die Autoren aus einer Hochrechnung.
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Insgesamt geht es um Millionen von Pflegebedürftigen. 4,1 Millionen Menschen haben Ende 2019 Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten. 80 Prozent wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zuhause gepflegt. „Angehörige spielen hier eine entscheidende Rolle“, so die DAK. Vorstandschef Andreas Storm ergänzt: „Die hohe Bereitschaft junger Menschen, sich bei der Pflege zu engagieren, ist bemerkenswert.“
„Pflege für junge Menschen kein Tabu“
Das Thema Pflege ist nach den Worten von Storm unter jungen Menschen „kein Tabu, sondern bei vielen im Alltag verankert“. 29 Prozent der 16- bis 39-Jährigen haben Familienangehörige, die auf Pflege oder Hilfe im Alltag angewiesen sind. „Bei den über 40-Jährigen sind dies nur zwölf Prozent“, wie die Autoren des Reports festhalten.
Was treibt die jungen Leute an? „Die Bereitschaft, Pflegetätigkeiten zu übernehmen, wird von jungen Menschen nicht primär als moralische Pflicht gesehen“, erläutert Studienleiter Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg. „Wir beobachten vielmehr eine Generationenverbundenheit mit einer hohen Qualität. Die Kinder und Enkelkinder übernehmen Verantwortung auch wenn es um Pflege geht und lassen ihre Eltern, Geschwister und Großeltern nicht allein, wenn sie sich mit ihnen eng verbunden fühlen.“
Von den jungen Pflegenden, die bereits Angehörige pflegen, berichten 83 Prozent über positive Pflegeerfahrungen, 73 Prozent von negativen. Als positiv bewerteten 43 Prozent, dass das Verhältnis zu den Gepflegten noch enger geworden sei. Ebenfalls 43 Prozent gaben an, sie hätten trotz der schwierigen Situation auch schöne Momente zusammen erlebt.
Andererseits kann sich rund ein Drittel der jungen Menschen nicht vorstellen, Angehörige zu pflegen. Ein Großteil traut sich Pflegetätigkeiten nicht zu (63 Prozent). Für 49 Prozent ist die Pflege dem Report zufolge nicht mit dem Beruf vereinbar, 44 Prozent befürchten seelische Belastungen. „29 Prozent wäre die Pflege eines Angehörigen unangenehm, 26 Prozent wohnen zu weit entfernt und 22 Prozent haben Sorge vor einer zu starken finanziellen Belastung.“
Erhöhung des Pflegegeldes gefordert
DAK-Chef Storm appelliert deshalb an die kommende Bundesregierung, „eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu schaffen“. Sonst werde es in Zukunft weniger Menschen geben, die Angehörige zuhause pflegen wollen und können. Auch dürfe Pflege kein Armutsrisiko sein, so Storm weiter. Er forderte, pflegende Angehörige kurzfristig finanziell zu entlasten: „Die Erhöhung des Pflegegeldes um fünf Prozent und die Dynamisierung des Pflegegeldes wären richtige Schritte.“
Ähnlich äußerte sich die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele. Sie kritisierte, durch den Corona-Rettungsschirm sei eine Million nach der anderen für nicht belegte Heimplätze an die Pflegeeinrichtungen geflossen. „Für die häusliche Pflege gab es dagegen nichts. Wann wird endlich verstanden: Die Betroffenen wollen nicht ins Heim und die Angehörigen sind bereit sich an der Pflege zu beteiligen - aber sie brauchen Unterstützung.“
Auch Bentele forderte eine Erhöhung des Pflegegeldes. Außerdem müssten die Pflegeleistungen flexibilisiert und als Budgets ausgestalten werden. Ferner brauche es eine Pflegezeit mit einer Lohnersatzleistung. Überdies fordert der VdK Pflegemanager, die Angehörige neutral beraten und in schwierigen Lagen auch die Hilfen koordinieren.