Hannover
Justizministerin Barbara Havliza hinter Gittern
Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza hatte als Richterin so einige „schwere Jungs“ eingebuchtet. Am Montag begab sich die Ministerin einen Vormittag lang selbst hinter Gitter - allerdings freiwillig.
Als Richterin hatte Barbara Havliza einst nicht nur Sexualstraftäter und andere Verbrecher ins Gefängnis geschickt, sondern zuletzt auch aufsehenerregende Terrorprozesse verhandelt. Am Montag nun hat Niedersachsens Justizministerin sich selbst hinter Gitter begeben und der Justizvollzugsanstalt Hannover einen Besuch abgestattet. Als oberste Chefin der Justizbehörden in Niedersachsen hat die CDU-Politikerin es einer Berufsschulklasse aus Hannover ermöglicht, sie zu begleiten einen Einblick in eine Justizvollzugsanstalt zu bekommen.
Zwei Ausbilungszweige
Dabei lernen die angehenden IT-Elektroniker aus ganz Niedersachsen um ihren Klassenlehrer Thomas Bechinie, dass viele der verurteilten Straftäter hinter den Gefängnismauern nicht nur ihre Zeit absitzen, sondern sich beispielsweise während des Strafvollzuges zum Metallbauer ausbilden lassen oder eine Tischlerausbildung machen. „Fast meine gesamte Büroausstattung wurde in einer JVA angefertigt“, erklärt die Ministerin bei ihrem Besuch, den sie aus Anlass des 75-jährigen Bestehens des Landes Niedersachsen unternahm.
Eines der größten Gefängnisse in Niedersachsen
„75 Jahre Niedersachsen sind auch 75 Jahre Justizgeschichte“, begründet die Juristin ihre Reise durch die Jahrzehnte niedersächsischer Justiz, während der sie insgesamt sieben Orte besucht, die einen Bezug zum jeweiligen Jahrzehnt haben. Nun also die JVA Hannover, die mit ihren rund 600 Haftplätzen zu den größten Gefängnissen in Niedersachsen gehört. Die JVA Hannover wurde 1963 an der Schulenburger Landstraße im Nordosten Hannovers in Betrieb genommen und nach den Worten von Sprecher Peter Landgraf ständig den aktuellen Sicherheitsanforderungen angepasst. Gleichwohl ist die JVA Hannover nach wie vor kein Hochsicherheitsgefängnis der Stufen eins und zwei wie etwa in Sehnde und Oldenburg, sondern gehört zur Sicherheitsstufe drei und schottet etwa Täter aus den Bereichen der Banden- und Beschaffungskriminalität für eine gewisse Zeit von der Außenwelt ab.
Gefangene befüllen Adventskalender
In den vielen Jahren ihres Bestehens waren in der JVA Hannover tausende Straftäter inhaftiert und wurde hinter den Gefängnismauern tausenden Gefangenen eine berufliche Bildung vermittelt. Was hinter den dicken Gefängnismauern so alles gefertigt und erledigt wird, halten Außenstehende kaum für möglich. Aktuell sind 15 bis 20 Insassen damit beschäftigt, Adventskalender mit Süßigkeiten zu befüllen. „Da nimmt manch einer das ein oder andere Kilo zu“, verrät Johannes Schmeißer, Leiter Ausbildung und Beruf in der JVA. 100 Tonnen süße Riegel würden hier jährlich bewegt. Auch Grills, Geländer und Tore sowie neben Büromöbeln auch Kanus werden in der JVA gebaut.
Corona-Tests und Pillenschachteln
Die Corona-Pandemie hat der JVA Hannover ebenfalls zusätzliche Beschäftigung gebracht. So wurden auch Corona-Testkits - bis zu 10.000 Stück am Tag - in der JVA bestückt und am nächsten Tisch ist ein großer, breitschultriger Gefangener gerade damit beschäftigt, Pillen zu verpacken. „Arbeit hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert“, betont die stellvertretende Anstaltsleiterin Claudia Brinkmann. Zum einen wollten die Inhaftierten ein bisschen Geld verdienen, zum anderen gehe es aber auch darum, sich sinnvoll zu beschäftigen und soziale Kontakte zu haben.
Respekt und Anerkennung im Mittelpunkt
„Bildung, Ausbildung und Arbeit schaffen für die meisten Gefangenen die besten Voraussetzungen, um nach der Haft ein straffreies Leben zu führen. Für die Schülerinnen und Schüler war es heute nach meinem Eindruck ein interessanter und lehrreicher Einblick in die Arbeitswelt eines Gefängnisses“, betont Ministerin Havliza nach dem Besuch. Viele seien überrascht gewesen, wie professionell die Handwerksbetriebe hinter Gittern ausgestattet sind. „Das muss so sein, wenn wir die Gefangenen vernünftig auf die echte Arbeitswelt vorbereiten wollen“, bekräftigt Havliza. Arbeit sei nicht nur Geld. Arbeit bedeute auch Respekt, Anerkennung und Struktur.