Kassel

Documenta 15: Alte Hierarchien der Kunst werden abgeräumt

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 08.10.2021 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Künstlerliste in der Straßenzeitung: Daniella Fitriab (l-r), Iswanto Hartono (beide vom Künstlerkollektiv ruangrupa), Stefan Marx (Verkäufer der Straßenzeitung „Asphalt“), Reza Afisina (ruangrupa) und Volker Macke (Redaktionschef „Asphalt“) präsentieren vor dem ruruHaus die Oktober-Ausgabe der „Asphalt“ mit der kompletten Künstlerliste der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler der «documenta fifteen». Die 15. Weltkunstausstellung findet vom 18.6.-25.9.2022 statt. Foto: Uwe Zucchi/dpa Foto: Uwe Zucchi
Künstlerliste in der Straßenzeitung: Daniella Fitriab (l-r), Iswanto Hartono (beide vom Künstlerkollektiv ruangrupa), Stefan Marx (Verkäufer der Straßenzeitung „Asphalt“), Reza Afisina (ruangrupa) und Volker Macke (Redaktionschef „Asphalt“) präsentieren vor dem ruruHaus die Oktober-Ausgabe der „Asphalt“ mit der kompletten Künstlerliste der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler der «documenta fifteen». Die 15. Weltkunstausstellung findet vom 18.6.-25.9.2022 statt. Foto: Uwe Zucchi/dpa Foto: Uwe Zucchi
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Die Documenta 15 hat bereits ihre Signatur: Sie publiziert ihre Künstlerliste in der Straßenzeitung. Alte Hierarchien der Kunstwelt gelten nicht mehr.

Ob ausgerechnet die Kunstwelt nervös auf die nächste Documenta schaut? Der Grund: Die geplante 15. Ausgabe der Weltkunstschau (18. Juni bis 25. September 2022) wird womöglich ohne große Teile des etablierten Betriebes der Art World auskommen. Eine ihrer Wahrnehmungsroutinen hat die Leitung der Documenta 15 jedenfalls schon einmal gebrochen, als sie ihre Künstlerliste jetzt in der Straßenzeitung „Asphalt“ publizierte. Keine Ankündigung, kein glamouröser Pressetermin: Das war ein Stilbruch, gemessen an der Feierlichkeit, mit der die Bekanntgabe der Künstlerliste in früheren Jahren zelebriert wurde. Hier weiterlesen: Mit Ruangrupa übernimmt einer Künstlergruppe die Documenta. Was bedeutet der Kurswechsel.

Das Genie zählt nicht mehr

Ruangrupa: Die indonesische Künstlergruppe leitet die nächste Documenta. Und sie schickt sich an, die Fetische des Kunstbetriebes abzuräumen. Prominenz und Marktwert großer Namen zählen mit einem Mal ebenso viel wie der Künstler als Star, Außenseiter oder Genie - nämlich fast nichts. Das Kollektiv dominiert. Auch Kunstexperten suchen auf der Künstlerliste der nächsten Documenta nach vertrauten Namen. Sicher, Jimmie Durham ist vertreten, der Künstler, der schon 2012 in Kassel dabei war und den die Biennale von Venedig 2019 mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk auszeichnete.

Comiczeichnerin aus Berlin

Ebenfalls vertreten sein wird Richard Bell, der als einer der politischsten Maler Australiens der Gegenwart gilt. Dabei sind auch die Berliner Comiczeichnerin und Illustratorin Nino Bulling, die philippinische bildende Künstlerin, Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin Kiri Dalena, die aus der Türkei stammende und in Berlin lebende Künstlerin Pinar Ogrenci sowie die aus Beirut stammende Künstlerin und Filmemacherin Marwa Arsanios. Und sonst? Fachleute rätseln jetzt, ob sich hinter den Namen der in der Liste aufgeführten Künstlerkollektive noch der eine oder andere prominente Name verbergen mag.

Ende einer Nomenklatura

An der Tendenz ändert das nichts. Die Künstlerliste der nächsten Documenta krempelt die Nomenklatura der Kunstwelt nachhaltig um. Auch die Form der Publikation spricht in dieser Hinsicht Bände. Die Verkäufer einer Straßenzeitung bringen Namen unter das Volk, um die im Vorfeld jeder Documenta ein großes Geheimnis gemacht wird. Jetzt scheinen sie mit einem Mal nicht mehr so wichtig zu sein. Viel wichtiger ist den Documenta-Machern von Ruangrupa eine andere Geste: Die Ausstellungsmacher kooperieren in der Frage einer zentralen Botschaft mit Menschen, die mit der Kunst und ihrem Business nichts zu tun haben. Kollaboration, eines der neuen Modewörter unter Kuratoren, greift hier ganz praktisch.

Kollektive hoch im Kurs

Mit dem Stichwort der Kollaboration verknüpft sich das Denken in Kollektiven. Was gerade unter jungen Ausstellungsmacherinnen als Arbeit in flachen Hierarchien Trend ist, setzt sich auch auf der großen Bühne der Documenta durch. Statt der einen großen Figur, auf die sich alle Erwartungen richten, sollen es jetzt Gruppen, ja Verbünde richten. Darin liegt mehr als eine Mode oder ein anderer Stil - dieser Punkt verweist auf einen grundlegenden Kulturwandel. Austausch und Zusammenarbeit sind wichtiger als jeder einsame Schöpfungsakt, den die Kunstwelt ansonsten kultisch verehrt.

Soziale Projekte statt Kunst?

Namen sind Nachrichten. Das gilt erst recht für die Documenta. Mit handelnden Personen hat gerade das Kasseler Weltformat die Kunst und ihre Rolle in der Gesellschaft immer wieder grundlegend verändert. Alle fünf Jahre krempelt die Documenta die Kunst komplett um. Das wird von ihr erwartet. Es spricht einiges dafür, dass dieser Wandel 2022 besonders drastisch ausfallen wird. Wer die Künstlerliste überfliegt, stellt sich die Frage, welche Kunst die aufgeführten Kollektive zeigen werden. Oder löst sich Kunst am Ende im sozialen Projekt auf? Ausgerechnet eine Documenta als Endstation der Kunst - welche Vorstellung.

Vorbild Joseph Beuys

Gerade im Jahr des 100. Geburtstages von Joseph Beuys ist allerdings auch klar, dass die Documenta in ihrer Geschichte schon mehrfach an solchen Kipppunkten gestanden hat - Endzeiterwartung inklusive. Als Beuys 1982 auf der Documenta 7 sein Projekt „7000 Eichen“ ins Werk setzte und den Slogan „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ ausgab, sprachen Kritiker auch von einem Ende der Kunst. Heute wird Beuys’ Projekt als Klassiker einer Kunst als tätiger Arbeit an und mit der Gesellschaft geschätzt. Im Kanon hat es längst seinen Platz.

Vorfahrt für Nachhaltigkeit

Wer von Joseph Beuys aus auf die sich abzeichnende Documenta schaut, sieht eher Kontinuitäten als Brüche. Der Jahrhundertkünstler mit dem Hut hat mit Fett und Filz, mit Aktionen und vor allem Schlagwörtern die Kunst folgenreich verändert. Sein berühmtestes Stichwort: Soziale Plastik. Das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa macht sich jetzt daran, diese Vorstellung in das neue Jahrhundert zu transportieren. Schon jetzt hat die Gruppe nicht nur Kooperationspartner aufgetan, sondern in Kassel auch Areale benannt, auf denen die neue Documenta zu erleben sein wird. Der Clou: Nach der Ausstellung geht es weiter im Sinn einer neuen Stadtentwicklung. Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung: Ruangrupa hat sich ein Programm auf die Fahnen geschrieben, das mit der Kunst auch die Gesellschaft meint. 2022 wird sich zeigen, wie glaubwürdig dieser Ansatz ist. Aufmerksamkeit verdient er allemal. (Mit dpa)

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