Leipzig
Davidstern-Eklat: Gil Ofarim hat eine zweite Anzeige gestellt
Im Davidstern-Streit hat Gil Ofarim eine zweite Anzeige gegen den Angestellten eines Leipziger Hotels gestellt Wie jetzt bekannt wurde, wirft er ihm nicht nur Antisemitismus vor.
Gil Ofarim wurde nach eigenen Angaben in dem Leipziger Hotel „The Westin“ antisemitisch beleidigt. Nach dem Vorfall ist noch immer nicht geklärt, was genau passiert ist. Die Versionen gehen auseinander. Was geschah wirklich am Abend des 4. Oktobers?
Ofarim stellt zweite Anzeige
Gil Ofarim hat bei seiner Vernehmung in der vergangenen Woche in München gleich zwei Strafanzeigen gegen einen Mitarbeiter eines Leipziger Hotels erstattet. Wie die Leipziger Staatsanwaltschaft am Freitag mitteilte, stellte der Musiker eine weitere Anzeige wegen des Tatvorwurfs der falschen Verdächtigung. Bislang war nur bekannt, dass der Sänger wegen „aller in Betracht kommender Straftaten“ in Bezug auf die Antisemitismus-Vorwürfe Anzeige erstattet hatte. Hintergrund ist, dass der Hotelmitarbeiter Ofarim wegen Verleumdung angezeigt hatte. Zuvor hatte der „Tagesspiegel“ berichtet.
Hotel beendet eigene Recherche
Für das Hotel selbst ist die Untersuchung abgeschlossen. Am Mittwoch teilte man mit: „Es liegen keine objektivierbaren Anhaltspunkte vor, die es rechtfertigen würden, strafrechtliche und/oder arbeitsrechtliche Maßnahmen gegen den beschuldigten Mitarbeiter zu ergreifen.“ Auch Videoaufnahmen aus Überwachungskameras weckten laut Medienberichten offenbar Zweifel an der Aussage des Musikers.
Video: Antisemitismus-Vorwürfe: Videos von Ofarim werden gesichtet
Überwachungskamera: Trug Ofarim den Davidstern gar nicht?
Ofarim selbst schilderte in einem Instagram-Video, er sei beim Check-In von einem Hotel-Mitarbeiter aufgefordert worden, seine Halskette mit dem Davidstern einzupacken. Aufnahmen aus Überwachungsvideos zeigten laut der Berichte jedoch: Ofarim trug gar keine Halskette, zumindest war diese anscheinend nicht sichtbar. Darüber berichtete die „Bild am Sonntag“.
Der Sänger wehrte sich gegen die Vorwürfe, seine Geschichte sei nicht glaubhaft. „Man kann den Stern auch durch das T-Shirt sehen. Ich wurde als Jude angegriffen, weil ich den Stern trage“, erklärte Ofarim im Gespräch mit der „Bild“. „Ich habe nicht gelogen, ich trage den Stern immer. (…) Ich mache so was sicher nicht aus PR-Gründen. Ich mache über solche Themen keine Witze.“
Ofarim hätte gewusst, welche Wellen sein Instagram-Video schlagen würden. „Das Ausmaß, und dass ich vielleicht vom Opfer zum Täter gemacht werde, darüber habe ich mir jedoch keine Gedanken gemacht.“ Dennoch würde er immer wieder seinen „Mund aufmachen“, wenn er antisemitisch beleidigt werden würde.
Auch gegenüber dem „Spiegel“ betonte Ofarim, dass er seine Kette durchgehend getragen habe. „Ich verstehe nicht, warum jetzt darüber debattiert wird, ob ich die Kette anhatte oder nicht“, sagte der Musiker. Er halte es auch für denkbar, dass es zu den Beleidigungen gekommen sei, weil er sich regelmäßig in der Öffentlichkeit mit der Kette zeige, so Ofarim.
Polizei soll Zweifel haben
So oder so: Auch die Leipziger Polizei soll laut der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) erhebliche Zweifel an dem von Ofarim geschilderten Ablauf im Hotel haben. Der Musiker soll demnach bei seiner Vernehmung gesagt haben, er wisse nicht mehr sicher, ob er an dem Abend eine Kette trug. Die Videoaufnahmen werden noch von Polizei und Staatsanwaltschaft ausgewertet.
„Es sind mehrere Videos von den Überwachungskameras sichergestellt worden“, sagte ein Sprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Die Auswertung sei noch nicht abgeschlossen, daher könne man zum Inhalt keine Angaben machen.
Ofarim: Wusste, dass ich irgendwann als Lügner hingestellt werde
In einem Interview mit der LVZ bekräftigte Ofarim, dass er die Kette im Hotel getragen habe. „Das was bisher gezeigt wurde, sind nicht die kompletten Videoaufnahmen aus dem Hotel. Ich bitte diejenigen, die diese Bilder veröffentlicht haben, doch alles zu zeigen“, sagte er.
Ihm sei von vornherein klar gewesen, dass er „irgendwann wohl als Lügner“ hingestellt würde. „Ich kann nicht mehr machen, als zu erzählen, was mir passiert ist.“ Er habe schon viele Auftritte in Leipzig gehabt, so etwas sei ihm noch nie in der Stadt passiert und es tue ihm leid, dass jetzt die ganze Region in einen Topf geworfen werde.
Antisemitismus-Vorwürfe: Was Gil Ofarim berichtet
Ofarim hatte Anfang Oktober in einem Video berichtet, dass ihn ein Mitarbeiter von „The Westin Leipzig“ aufgefordert habe, seine Kette mit Davidstern abzunehmen. In dem Beitrag schilderte der Sänger, wie er vor der Hotel-Rezeption zunächst in einer Schlange gestanden habe. Andere Gäste seien vorgezogen worden. Später sei er von einem Mitarbeiter des Hauses aufgefordert worden, seine Halskette mit dem Davidstern abzunehmen, um einchecken zu dürfen. Laut den Angaben von Ofarim wurde in der Hotellobby gerufen: „Pack deinen Stern ein!“, ein Mitarbeiter soll gesagt haben: „Packen Sie Ihren Stern ein.“
Instagram-Video: Gil Ofarim berichtet von Antisemitismus in Leipziger Hotel
Strafanzeige gegen Hotel-Mitarbeiter
Ofarim erstattete Strafanzeige gegen den Hotel-Mitarbeiter. Das teilte der 39-jährige Sänger auf seinem Instagram-Profil mit. „Ich habe heute meine Zeugenaussage gemacht und eine Strafanzeige gegen den Mitarbeiter des Westin-Hotels gestellt“, schrieb Ofarim.
Der Staatsanwaltschaft Leipzig lagen mehrere Anzeigen zu dem Vorfall vor - auch von dem beschuldigten Hotelmitarbeiter . Er schilderte nach früheren Angaben die Vorkommnisse anders als der Künstler.
Wie der beschuldigte Mitarbeiter reagiert
Zu den Vorwürfen hat sich der beschuldigte Hotel-Mitarbeiter bislang nicht öffentlich geäußert. Er stellte jedoch eine Anzeige gegen Ofarim wegen Verleumdung. Der Mann schilderte den Vorfall nach Polizeiangaben „deutlich abweichend von den Auslassungen des Künstlers“. Eine weitere Anzeige dieses Mitarbeiters, der von dem Sänger beschuldigt wurde, bezieht sich laut den Behörden auf Bedrohungen in den sozialen Netzwerken.
Der Mitarbeiter war vom Hotel beurlaubt worden - und soll künftig wieder beschäftigt werden. Doch nach den „massiven Anfeindungen, denen der Mitarbeiter nach wie vor ausgesetzt ist“ wolle man den Mitarbeiter nicht sofort wieder vollständig einzusetzen, heißt es in der nun veröffentlichten Mitteilung.
Sehen Sie im Video: Fall Ofarim: Jetzt stellt der Hotelmitarbeiter Anzeige
Polizeischutz für Gil Ofarim
Der Fall sorgt für Wirbel. Gil Ofarim sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Was mir widerfahren ist, passiert jeden Tag in Deutschland, aber oftmals Menschen, die vielleicht keine Plattform haben, um darauf aufmerksam zu machen.“ Betroffene hätten oft Angst, sich zu melden. Er habe damit gerechnet, dass seine Aktion Wellen schlage, das Ausmaß habe ihn dennoch überrascht. Die Folgen könne er für sich noch nicht abschätzen. Jüngst habe ihn die Polizei nach einem Auftritt zur Sicherheit eskortiert.
„Gift für die Gesellschaft“: So erlebt Gil Ofarim Antisemitismus
Für ihn sei es nicht das erste Mal, dass er mit Antisemitismus konfrontiert wurde, betonte Ofarim. „Nur aus der Mitte der Gesellschaft, in einem Hotel, in dem jeden Tag Menschen aus aller Welt willkommen geheißen werden - das habe ich so noch nicht erlebt.“ Er glaube nicht, dass das ganze Hotel und sein Personal diese Gesinnung habe. „Es sind immer einzelne Personen“, betonte Ofarim. Aber solcher Antisemitismus in der Gesellschaft sei Gift. Er hätte sich gewünscht, dass ihm in der konkreten Situation jemand zur Seite gesprungen wäre. Ofarim bezeichnet sich selbst als säkularer Jude.
Dem in Internetkommentaren häufig geäußerten Vorwurf, ihm gehe es um Aufmerksamkeit, wies Ofarim energisch zurück. Niemand würde sich freiwillig zur Zielscheibe rechter Gesinnungen machen, betonte er. Schon gar nicht für PR-Zwecke. Der Vorfall in dem Hotel sei kein spezifisches Problem für Leipzig, sondern ein gesellschaftliches Problem in Deutschland. „Ich war oft in Leipzig, ich liebe diese Stadt“, sagte der Sänger. „Es ist eine wunderschöne Stadt, vielleicht sogar eine der schönsten in Deutschland.“
Mit Material von dpa, afp, kna