Hamburg

Vorwürfe gegen Luke Mockridge: „Größter Medien-Skandal der letzten 20 Jahre“

| 08.10.2021 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Hazel Brugger, Maren Kroymann und Thomas Spitzer beim Deutschen Comedypreis 2021. Foto: imago images/Horst Galuschka
Hazel Brugger, Maren Kroymann und Thomas Spitzer beim Deutschen Comedypreis 2021. Foto: imago images/Horst Galuschka
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Der Fall Luke Mockridge erschüttert die Comedy-Branche. Immer mehr Promis melden sich zu Wort und beziehen Stellung. Ist das der Beginn vom deutschen #Metoo?

Im April 2019 sprachen Ines Anioli und Leila Lowfire in ihrem Podcast „Besser als Sex“ über toxische Beziehungen. Darin beschreibt Anioli, wie ihr Exfreund sie mal mit dem Oberkörper aufs Bett gedrückt haben soll, ihr die Hose runtergezogen und angefangen habe, an ihr „herumzuspielen.“ 

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„Boah, jetzt wollte ich dich einfach vergewaltigen“

Zuvor habe er sie heftig herumgewirbelt, obwohl sie mehrfach „Nein“ gesagt habe. Irgendwann habe er mit den Worten „Boah, ich wollte dich jetzt einfach vergewaltigen, aber habe es dann doch nicht gemacht“ aufgehört. 

Viele Monate passierte daraufhin gar nichts, doch schließlich tauchte der Ausschnitt dieses Podcasts in den Sozialen Medien auf und viele Fans von Ines Anioli vermuteten, dass es sich bei dem beschriebenen Ex um Comedian Luke Mockridge handeln soll. Die beiden Aktivistinnen und Feministinnen Jorinde Wiese und Bianca Groeber riefen die Initiative „SeidLAUT“ ins Leben und prägten den Hashtag #KonsequenzenfürLuke. 

Als die Vorwürfe immer lauter wurden und auch nicht mehr abrissen, meldete sich auch Luke Mockridge nach monatelangem Schweigen erstmals selbst zu Wort. Mockridge berichtete seine Sicht der Dinge: Vor drei Jahren habe er eine „emotionale Trennung“ von seiner damaligen Freundin durchgemacht. Monate danach habe sie ihn „wie aus dem Nichts“ angezeigt. 

Die Frau werfe Mockridge „versuchte Vergewaltigung“ vor, für eine Nacht, in der Mockridge Sex wollte, sie aber nicht und es dann auch nicht dazu gekommen sei, wie er berichtet. Juristisch sei der Fall längst begraben gewesen, als die Vorwürfe im Frühling in die Öffentlichkeit gelangten. Tatsächlich wurden die Ermittlungen wegen Verdachts der sexuellen Nötigung von der Staatsanwaltschaft eingestellt. 

Unter dem Posting meldeten sich zahlreiche andere Künstlerinnen und Künstler zu Wort - um entweder ihre Unterstützung zu verdeutlichen oder aber auch um öffentliche Kritik zu formulieren. So schrieb unter anderem die Autorin Sophie Passmann: „Jesus, wie hier die fünfeinhalb Medienmänner, die übrig geblieben sind, sich in den Kommentaren gegenseitig mit Herz-Emojis versichern, dass alles prima ist - ihr habt euch alle gegenseitig noch. Bis in die Bedeutungslosigkeit und noch viel weiter.“ Auch Model Stefanie Giesinger kommentierte: „Schön, zu sehen, wie viele Menschen sich hier manipulieren lassen und sich blind solidarisieren.“

„Ich glaube dir jedes Wort, mein Bruder“

Solidaritätsbekundungen erhielt Luke Mockridge unter anderem von Oliver Pocher, der ein rotes Herz postete. 

Auch der Sänger Pietro Lombardi kommentierte und schrieb: „Ich kenne dich mittlerweile seit vielen Jahren und ich glaube dir jedes Wort, mein Bruder. Wenn was ist, bin da, Bro. Meine Nummer hast du.“ Schauspielerin und Sängerin Yvonne Catterfeld positionierte sich ebenfalls auf der Seite von Luke Mockridge: „Ich fühl mit dir, auch wenn ich davon nichts mitbekommen hab. Hört eher auf die, die still sind als auf die, die sich laut kundtun. Das allein zeigt den, der wahrhaftig ist!!!! Halte durch, lieber Luke Mockridge.“

TV-Moderator Steffen Hallaschka bezeichnete das Video-Statement als „beeindruckend“ und wünschte dem Comedian „viel Kraft“. Teilweise lassen sich die Beiträge in der Kommentarspalte unter dem Video nicht mehr finden. Mehrere Medien haben jedoch über die Solidaritätsbekundungen berichtet und Screenshots in Artikel eingebunden, wie unter anderem Stern.de. 

Ines Anioli bricht Schweigen

Ines Anioli kündigte währenddessen in einer ihrer Stories auf Instagram an, sie werde nun nicht mehr schweigen. Und tatsächlich äußerte sie sich wenige Wochen später im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Der Text mit dem Titel „Die Akte Mockridge“ schlug hohe Wellen. Neben Anioli berichten zehn weitere Frauen von ihren Erfahrungen mit dem Comedian. In den Schilderungen seien immer wieder die Worte „aggressiv“ und „rücksichtslos“ gefallen, schreiben die beiden Autorinnen des Textes. Mockridge werde als jemand geschildert, der selbst auf halb öffentlichen Veranstaltungen die Kontrolle verliere und kein „Nein“ akzeptiere. Nach der Veröffentlichung dieses Berichts wurden auch die Reaktionen aus der Branche immer lauter.

Auch Jörg Kachelmann positioniert sich

So twitterte zum Beispiel die Comedy-Autorin und Schriftstellerin Giulia Becker nach der Veröffentlichung des Artikels: „Was seid ihr eigentlich für beschissene Autoren wenn ihr aus Angst um eure Jobs zu Mockridge schweigt? Ja ich meine euch Männers, die ihr sonst die schnellsten seid wenn es darum geht auf die Bühne zu rennen um Preise einzusacken weil ihr auf das WiChTiGe ThEmA SeXiSmUs aufmerksam macht.“ Und weiter klagte sie an:

Moderatorin Marlene Lufen kommentierte ein Foto von Ines Anioli bei Instagram, das sie mit einem Hundekotbeutel zeigt und zu dem sie mit offensichtlichem Mockridge-Bezug schreibt: „Ich habe die Scheiße im Griff.“ Lufen, selber Sat.1-Mitarbeiterin, schrieb: „Sehr gut, liebe Ines.“

Auch Jörg Kachelmann äußerte sich und rief auf Twitter dazu auf, seinen eigenen Fall nicht für eine Argumentation zu benutzen. Er solidarisiere sich immer mit Opfern sexualisierter Gewalt: 

In seinem Podcast „Baywatch Berlin“ sprach schließlich auch Klaas Heufer-Umlauf die Causa Mockridge an - und bezog eindeutig Stellung. Unabhängig davon, „was jetzt in der Justiz passiert ist oder nicht“, müsse man deutlich sagen: „Es zeichnet sich da ein Bild von einem Verhalten, das man in jeglicher strengsten Form ablehnen muss.“ Er forderte, sich mit den Opfern zu solidarisieren - auch mit den potenziellen Opfern in der Zukunft. Und so die Hemmschwelle von „Leuten, die sowas für normal halten, noch höher setzt, um sowas in Zukunft potenziell zu verhindern“, betonte der 38-Jährige. 

Statements bei der Verleihung des Deutschen Comedypreises

Zuvor waren Vorwürfe dazu laut geworden, dass sich Männer aus der Branche, unter anderem eben Klaas, nicht zu der Causa äußerten. Darauf bezogen sagte der Entertainer: „Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, warum es so wichtig ist, dass man dazu etwas sagt - und sich selbst nochmal die Position klar macht“

Thomas Spitzer, Autor und Comedian, twittert sehr aktiv zu dem Fall. Unter anderem schrieb er: „Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was man sich so erzählt, ist das einer der größten Medienskandale der letzten 20 Jahre. Dabei ist es übrigens egal, wieviel davon 'justiziabel' ist. Machtmissbrauch und asoziales Verhalten muss nicht immer justiziabel sein, um falsch zu sein.“

Spitzer ist mit der Stand-up-Comedian Hazel Brugger verheiratet. Gemeinsam erschienen sie auf dem Deutschen Comedypreis mit T-Shirts auf deren Vorderseite stand „Konsequenzen für Comedian XY“ und hinten: „Künstler ohne Rückgrat sind Künstler ohne Geschmack.“ 

Dieses T-Shirt tragend hielt Hazel Brugger die Laudatio auf Maren Kroymann, die an diesem Abend den Ehren-Comedypreis erhielt. In ihrem gemeinsamen Podcast erklärten Brugger und Spitzer ihre Gedanken zu der Aktion: Sie seien überrascht gewesen dass sie fast die einzigen waren, die sich auf der Veranstaltung gegen sexuelle Gewalt positionierten, sagt Brugger. 

Und schließlich stand Maren Kroymann selber auf der Bühne und nutzte ihre Dankesrede für eine eindringliche Ansprache. Sie sprach von einer „Wolke“, die über dem Saal schwebe. „Ein Kollege von uns hat Übergriffe gemacht, und eine junge Kollegin hat das gesagt“, so Kroymann. Sie werde dafür ausgezeichnet, dass sie „lustige Geschichten“ erzähle, es gebe aber auch Frauen, deren Geschichten eben nicht lustig seien:  

„Wir wissen alle nicht, was da wirklich war und es gibt keine Beweise“

Der gemeinnützige Verein Viva con Agua hat die Zusammenarbeit mit Luke Mockridge mittlerweile beendet. Für die Organisation war der Comedian unter anderem in Nepal unterwegs. Die Nominierung seiner Serie "ÜberWeihnachten“ beim Deutschen Comedypreis wurde zurückgezogen und war ursprünglich in der Kategorie „Beste Comedy-Fiction“ vorgesehen. 

Wo bleibt das Deutsche MeToo?

Während in den Fall Luke Mockridge scheinbar vorerst etwas Ruhe zu kommen scheint, werden Rufe nach einem Deutschen #MeToo laut. So schrieb die Autorin, Feministin und Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokwoski in ihrem aktuellen Text, Fälle wie der von Luke Mockridge würden zeigen, in Deutschland habe #MeToo faktisch nicht viel geändert.

Verbrechen mächtiger Männer würden ins Private geschoben, so Stokowski, während Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, immer wieder hören müssten, dass sie es „aushalten müssen, wenn sie beleidigt oder abgewertet oder bedroht werden, weil sie sich ja für ein Leben als öffentliche Person entschieden hätten.“

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