Düsseldorf
Der Maler George Braque und seine Revolution des Kubismus
1907 fällt die Welt in Scherben – zumindest auf den Bildern von Georges Braque. Der französische Maler erfindet den Kubismus und treibt damit eine Medienrevolution voran. Düsseldorf zeigt jetzt seine Bilder.
Ob Baum oder Brücke auf seinen Landschaftsbildern, Glas oder Gitarre auf seinen Stillleben - was der 1882 in Argenteuil bei Paris geborene Maler ab 1907 als Bildmotiv anfasst, verwandelt sich auf den Gemälden in eine Wirklichkeit, die so noch niemand gesehen hat. Der Realismus hat abgedankt. Braque zerlegt die Welt in ein Prismenglas simultaner Ansichten. Eine Wirklichkeit, die Sicherheit bieten könnte, gibt es in dieser Kunst nicht mehr. Die Welt scheint mit einem Mal ebenso grenzen- wie bodenlos. Hier weiterlesen: Georges Braque starb vor 50 Jahren.
Gemeinsam mit Picasso
Georges Braque ist einer der großen Erfinder der Kunstgeschichte und doch nicht so bekannt wie Pablo Picasso. Eine Ungerechtigkeit? Ja, denn Braque und Picasso erfanden im künstlerischen Parallelprojekt, was die Moderne auf Tempo trimmen sollte - den Kubismus und mit ihm eine Revolution des Bildes überhaupt. War Braque vielleicht sogar derjenige Künstler, der das allererste Bild im neuen Stil malte? Das Fotofinish dieses künstlerischen Zieleinlaufes mag unentschieden bleiben. In Düsseldorf hat Braque jetzt seinen großen Auftritt.
Rasante Zeitreise
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, das Haus mit einer der schönsten Sammlungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts überhaupt, inszeniert die Bilder Georges Braques jetzt als rasante Zeitreise, die zurückführt in die Zeit um 1900 und ihrer, der digitalen Umwälzung durchaus vergleichbaren Medienrevolution. Keine Spur von bequemer Retrospektive. Das kuratorische Team hat die Klee-Halle des Hauses selbst in ein kubistisches Bild verwandelt, so splittrig sind die Segmente dieser Schau gegeneinandergesetzt, in dunklem Marineblau für die Gemälde, in klinischem Weiß für die Exkursionen in ein Feuerwerk der Innovationen.
Röntgenstrahl und Flugzeug
Die Architektur der Ausstellung zeigt, warum Braque für Menschen von heute nicht nur interessant, sondern wirklich wichtig ist. Der Maler lebt, ebenso wie die Zeitgenossen der digitalen Umwälzungen, in einer Zeit, die vor Erfindungen nur so vibriert. Ob Film oder Kino, Freuds „Traumdeutung“ oder Simmels „Philosophie des Geldes“, Strawinskys Musik oder das Flugzeug, Röntgenstrahlen oder das Strahlungsgesetz von Max Planck - um 1900 rotiert der Teilchenbeschleuniger der Innovationen auf Hochtouren. Künstler sind vorn mit dabei. Georges Braque gelingt, ebenso wie Picasso, ein Quantensprung des Bildes.
Radikaler als Cézanne
Sie zeigen gewohnte Wirklichkeit eben nicht nur ein wenig anders, sie ordnen sie ganz neu. Zentralperspektive und Aufteilung in Vorder- und Hintergrund sind passé. Was der 1906 verstorbene Paul Cézanne vorbereitet hat, radikalisiert Georges Braque. Er löst das Bild konsequent von vermeintlicher Realität und bereitet damit vor, was für das Zeitalter von Kino, Computer und Internet selbstverständlich ist - dass das Bild nicht mehr als schlichte Widerspiegelung, sondern als eigene Wirklichkeit verstanden wird. In Düsseldorf ist nun zu erleben, wie Braque und mit ihm Picasso ihre Erfindung in schnellen Schritten vorantrieben. Zwischen 1907 und 1914 stellen sie das Bild neu auf. Kunst avanciert zur Raumkapsel des Medienzeitalters und seiner Bilderflut.
Zirkel der Kreativität
Die Düsseldorfer Ausstellungsmacherinnen belegen diesen Prozess mit besten Stücken aus dem eigenen Haus und ausgesucht guten Leihgaben. In Grafiken und Netzwerkdarstellungen führen sie vor, wie der Künstler Braque eingebunden ist in Beziehungsnetzwerke. Dieser Künstler ist, wie viele seiner Kollegen zur gleichen Zeit, eben nicht einsam im Atelier, sondern permanent unterwegs, ob in der Szenekneipe oder im Malerort am Mittelmeer. In Paris wird debattiert, am Meer produziert: So funktioniert der Zirkelschluss einer Kreativität, deren Vibrationen vor den Bildern von Georges Braque heute immer noch zu spüren sind.
Düsseldorf, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen: Georges Braque. Erfinder des Kubismus. Bis 23. Januar 2022. Di.-Fr., 10-18 Uhr, Sa., So., 11-18 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.