Osnabrück

Literaturnobelpreis: Wer bekommt wichtigsten Kulturpreis der Welt?

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 04.10.2021 18:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Kandidatin für den Literaturnobelpreis? Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie (rechts) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen mit dem Direktor des Humboldt Forums Hartmut Dorgerloh (links) bei der Eröffnung der ethnologischen Sammlungen im September 2021. Foto: Britta Pedersen / POOL / AFP Foto: BRITTA PEDERSEN
Kandidatin für den Literaturnobelpreis? Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie (rechts) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen mit dem Direktor des Humboldt Forums Hartmut Dorgerloh (links) bei der Eröffnung der ethnologischen Sammlungen im September 2021. Foto: Britta Pedersen / POOL / AFP Foto: BRITTA PEDERSEN
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Wer bekommt den Literaturnobelpreis 2021? Eine Autorin aus Afrika oder Skandalautor Michel Houellebecq? Die Entscheidung wird Debatten aufwerfen, ganz sicher. Zuletzt wurde um den Preis für Peter Handke gestritten.

Louise - wer? Im letzten Jahr sorgten die Juroren der Schwedischen Akademie für eine faustdicke Überraschung, indem sie die amerikanische Dichterin Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis auszeichneten. Ihren Namen hatten auch Experten nicht auf der Rechnung, von der großen Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Die Juroren waren spürbar darum bemüht, mit dieser Preisvergabe alles richtig zu machen - kein Wunder nach den handfesten Skandalen und heftigen Debatten, die es rund um den Literaturnobelpreis in den letzten Jahren gegeben hat. Hier weiterlesen: Literaturnobelpreis ging zu Recht an Bob Dylan - Literaturwissenschaftler Dirk von Petersdorff im Interview.

Skandal um sexuelle Belästigung

Ob der Skandal um sexuelle Belästigung, der die Akademie erschütterte und den Literaturnobelpreis in seinem Ansehen gefährdete, oder den heftigen Disput um die Vergabe des Preises an Peter Handke 2019 - mit Louise Glück war auf jeden Fall eine honorige Kandidatin gefunden. Der Preis für so viel Unauffälligkeit: Der Literaturnobelpreis 2020 hat die Öffentlichkeit nicht wirklich bewegt. Das war in den Jahren zuvor anders. Die Debatten um Bob Dylan und Peter Handke haben gezeigt, dass der Literaturnobelpreis weiterhin als der wohl wichtigste Kulturpreis der Welt zu gelten hat und dass Literatur ein zentrales Medium der gesellschaftlichen Selbstverständigung ist - trotz digitaler Medien und zuletzt schwächelnder Verkaufszahlen auf dem Buchmarkt.

Protest gegen Peter Handke

Die Auszeichnung Peter Handkes 2019 löste deshalb einen Proteststurm aus, weil das Verhältnis von Literatur und Moral zu verhandeln war. Kritiker kreideten dem österreichischen Autor an, sich während des Balkankrieges serbischen Kriegsverbrechern wie Slobodan Milosevic gemeingemacht zu haben. Außerdem soll Handke in Texten wie seiner „Winterlichen Reise“, einem Reisebericht aus der Zeit des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien, fahrlässig an den Fakten des Völkermords an bosnischen Muslimen vorbeigeschrieben haben. Er sei sich keiner Schuld bewusst, versicherte Handke erst noch in diesen Tagen. Gespalten reagierte die Öffentlichkeit auch auf die Auszeichnung des Songwriters Bob Dylan 2016. Was die einen für einen Akt der Befreiung vom Joch der Hochkultur hielten, kritisierten andere als Frevel an ernsthafter Literatur. Die Debatte um Dylan fand ihren thematischen Kern in der Frage nach den Grenzen von Literatur und Popkultur.

Nobelpreis war in Gefahr

Von Dylan und Handke abgesehen, sorgten die Skandale um das mittlerweile ausgetretene Akademiemitglied Katarina Frostenson und ihren Ehemann Jean-Claude Arnault dafür, dass die Akademie in Auflösung geriet und der Literaturnobelpreis in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen drohte. Frostensen und Arnault sollten Preisträger vorab ausgeplaudert haben. Viel schlimmer: 18 Frauen brachten gegen Arnault Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe vor. Inzwischen ist der Mann wegen Vergewaltigung rechtskräftig verurteilt. Die Debatten haben klargemacht, dass der Literaturnobelpreis immer mehr ist als die Auszeichnung einer Autorenpersönlichkeit. Die Entscheidung für eine Person wird auch als politische Richtungsentscheidung gewertet.

Freiheit des Wortes

Das war etwa 2015 der Fall, als mit der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch auch eine Stimme der demokratischen Opposition und eine Verfechterin der Freiheits- und Menschenrechte ausgezeichnet wurde. Literatur, die ihren Namen verdient, gibt es nicht ohne die Freiheit des Wortes. Diese Verknüpfung macht am Ende jede Vergabe eines Literaturpreises zu einem Politikum. Auf der Weltbühne des Wortes ist das unausweichlich.

Afrika ist im Fokus

Weitere Frage: Folgt die Preisverleihung einem Proporz der Länder oder Erdteile? Viele Beobachter sehen Weltgegenden wie Afrika oder Südamerika seit Jahren als benachteiligt an. Das könnte sich mit der Vergabe des Literaturnobelpreises 2021 endlich ändern. Ein Name wäre der von Ngugi Wa Thiong’o aus Kenia, einem Autor, der seit Jahren stark beachtet wird und der 2019 mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet wurde. Der kenianische Romancier und Literaturwissenschaftler hat sich mit seinem unerschrockenen Kampf gegen Kolonialismus und Gewaltherrschaft auch als Menschenrechtler einen Namen gemacht. Aus Nigeria stammt die Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, die mit Romanen wie „Blauer Hibiskus“ und „Americanah“ über Identität und Rassismus in der globalisierten Welt schreibt und dabei das Leben zwischen den Kulturen in den Blick nimmt. Sie trat am 22. September 2021 bei der Eröffnung des Ethnologischen Museums im Berliner Humboldt-Forum durch den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als Rednerin auf. Ein Zeichen für ihre Akzeptanz als Stimme Afrikas und seiner kulturellen Transformationen.

Houellebecq ein Kandidat?

Heißer Tipp für Hartgesottene: der französische Romancier Michel Houellebecq. Skandalträchtiges Enfant terrible oder nicht der legitime Nachfolger der französischen Aufklärer? Houellebecq hält den westlichen Gesellschaften radikal den Spiegel vor. In seinem Roman „Die Unterwerfung“ entwarf er das Schreckbild einer Unterwerfung Europas unter islamistische Direktiven, einer westlichen Gesellschaft, die sich ihrer Werte nicht mehr sicher ist. Auch in früheren Büchern wie „Elementarteilchen“ oder „Karte und Gebiet“ hatte der Romancier den Werteverfall einer in Sex und Konsum befangenen Gesellschaft immer wieder heftig kritisiert. Zuletzt setzte er die Reihe seiner provozierenden Bücher mit „Serotonin“ fort. Mit seinen provokanten öffentlichen Auftritten sorgt Houellebecq immer wieder für Skandale. Damit allein wäre er allerdings unterschätzt. Houellebecq schreibt lässig und brillant.

Geheimtipp Enzensberger

Und Deutschland? Mit Peter Handke erhielt zuletzt ein deutschsprachiger Autor den Literaturnobelpreis. 2009 wurde Herta Müller ausgezeichnet, 1999 Günter Grass. Auch heute hat die deutsche Literatur Autoren zu bieten, die preiswürdig erscheinen. Da ist der Romancier Martin Walser, der seit Jahrzehnten das Genre des Zeitromans mit dem Instinkt für Themen und mit unerhörter stilistischer Brillanz auf innovative Weise interpretiert. Ein Tipp von Literaturkritiker Denis Scheck ist der Lyriker, Essayist und Zeitkritiker Hans Magnus Enzensberger. Er ist das Musterbeispiel des intellektuellen Literaten in der Nachfolge Voltaires und Heinrich Heines, ein Autor, der mit Lyrik und Medienkritik, Zeitgeistessay und Versepos einen Mix der Gattungen und Stile bedient, wie es nur Enzensberger mit seiner quecksilbrigen Intelligenz vermag. Sein Problem: Ihm fehlt das eine, allgemein populäre Werk.

Wer erhielt den Preis nicht?

Der Literaturnobelpreis befördert Autorennamen endgültig in die Höhen der Prominenz. Bestes Beispiel dafür war Günter Grass, der die Auszeichnung 1999 vollkommen zurecht erhalten hat. Mit Büchern wie „Die Blechtrommel“ oder „Der Butt“ schrieb Grass Werke der Weltliteratur. Andere Träger des Nobelpreises sind heute kaum noch im allgemeinen Bewusstsein. Wer denkt noch an Dario Fo oder Le Clezio? Lang übrigens auch die Liste großer Autoren, die den Literaturnobelpreis nicht erhalten haben, die Literatur der Moderne aber dennoch maßgeblich mit geprägt haben. Erinnert sei hier nur an Marcel Proust, dessen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ die Signatur einer Epoche lieferte, oder an Astrid Lindgren, die mit Büchern wie jenen von „Pippi Langstrumpf“ ganzen Lesergenerationen zu einem gelungenen, weil selbstbestimmten Leben verhalf. 

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