Berlin

Analyse: Wie wir einen heftigen Corona-Winter verhindern können

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 04.10.2021 15:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Was tun gegen die vierte Welle? Die Gefährdeten schützen, aber nicht jede Ansteckung vermeiden. Foto: Michael Weber / Imago Images
Was tun gegen die vierte Welle? Die Gefährdeten schützen, aber nicht jede Ansteckung vermeiden. Foto: Michael Weber / Imago Images
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Der Winter wird eine enorme Herausforderung, da sind Virologen und Regierung ziemlich einig. Corona liebt das Leben in Innenräumen. Und die Grippe dürfte nach zwei Jahren Pause heftig grassieren. Wie bleibt die Lage trotzdem beherrschbar?

Das Virus nicht stoppen: 

264 Tage im Lockdown: Die australische Metropole Melbourne hat vorgemacht, wie die Corona-Bekämpfung in die Sackgasse führt. Das Virus ausmerzen, indem die Leute eingesperrt werden, statt auf allmähliche Immunisierung durch Impfung und Ansteckung setzten? Bitte nicht! Denn Übervorsicht führt dazu, dass die Normalität immer weiter in die Ferne rückt.

Die Briten stehen für das Gegenteil: Mit vollem Risiko öffnen, auf die rasche Durchseuchung setzen. Das hat im Verhältnis zur Bevölkerungszahl zu viel mehr Corona-Toten als bei uns geführt, allerdings wird Corona dort nun schneller „endemisch“, also eine Atemwegserkrankung wie viele - weil schon deutlich mehr Menschen auf natürlichem Wege immunisiert sind.

Die Lehre für Deutschland im Herbst 2021 muss daher lauten: Ansteckungen bei den Ungefährdeten zulassen, aber so viele Ansteckungen wie möglich bei den Gefährdeten verhindern. Von Kinderärzten bis zu Pandemie-erfahrenden Virologen wie Ex-WHO-Direktor Klaus Stöhr heißt das vor allem: Weg mit den Masken in Kitas und Schulen. 

Stöhr hält die Corona-Eindämmung bei Minderjährigen sogar für kontraproduktiv, weil diese dann auch nicht mit anderen Atemwegserkrankungen in Kontakt kommen, dabei gilt für sie: Je jünger das Alter bei Infektion, je besser wird das Immunsystem für das weitere Leben gestärkt. Zwar geben infizierte Kinder das Virus auch an Erwachsene weiter. Aber sind diese geimpft, ist das nicht weiter tragisch.

Gefährdete Gruppen durchimpfen:

Knapp 75 Prozent der Erwachsenen sind geimpft. Aber noch immer fehlen über drei Millionen Über-60-Jährige, denen bei Ansteckung eine schwere Erkrankung droht. Auch bei den Über-50-Jährigen klafft eine zu große Lücke. Die gegenwärtigen Corona-Intensivpatienten kommen fast ausschließlich aus diesen beiden Gruppen. 

Ärzte und Pflegekräfte klagen über jede Menge Verbohrte (und deren Angehörige), die die Impfung verweigern, sich dann auf den Intensivstationen rundum versorgen lassen wollen. Ein Großteil der Betroffenen kommt aber aus Kreisen, die von der Impfkampagne schlicht noch immer nicht erreicht worden sind: Sozial Schwache, Personen mit Migrationshintergrund und ökonomisch Benachteiligte. Impfbusse vor den Moscheen, in Brennpunktvierteln, vor Nachbarschaftseinrichtungen: Davon gibt es noch immer viel zu wenige.

Auch die Impfungen in Pflegeeinrichtungen sind lückenhaft. Hier wurde zu recht Anfang des Jahres mit den Immunisierungen begonnen, doch muss es jetzt mit Hochdruck weitergehen, jeder neue Bewohner muss ein Impfangebot bekommen, und diejenigen, die früh geimpft wurden, brauchen bald die Booster-Impfung. Darüber wird viel geredet, aber konkret vorbereitet ist noch wenig.

Pflegekräfte in die Pflicht nehmen:

Erschreckend aus Sicht von Pandemie-Experten ist auch die noch immer recht hohe Zahl an Pflegekräften, die nicht geschützt sind und so zur Gefahr für die ihnen Anvertrauten werden. Rufe nach einer Impfpflicht für diesen Personenkreis gibt es zuhauf, aber die Protestschreie sind noch lauter. Hier sind also die Betriebsärzte und Verantwortlichen gefragt, ihre Mitarbeiter - auch von mobilen Pflegediensten - in die Pflicht zu nehmen, denn hier lauert für Herbst und Winter die größte Gefahr.

Dringend geboten wäre auch eine Kampagne für Grippeimpfungen. Die Influenza dürfte ziemlich wüten, weil zwei Jahre lang praktisch niemand mit dem Virus in Kontakt kam. Allein das könnte mangels Impfungen zu Zehntausenden von Influenza-Intensivpatienten bis zum rettenden Frühjahr führen.

2G-Regel umsetzen:

Ob 2G oder 3G: Aus medizinischer Perspektive sind Zusammenkünfte von Menschen, die genesen, geimpft oder getestet sind, maximal sicher. Allerdings wird durch den Ausschluss Nichtgeimpfter (2G) für diese ein Anreiz geschaffen, sich doch immunisieren zu lassen, und das macht für den Winter dann eben doch einen Unterschied. 

Im Video: Städte fordern Ausdehnung von 2G-Zugangsregeln

Entscheidend bei den Zulassungsregeln ist allerdings, dass sie auch umgesetzt werden. Nicht nur in Berlin gibt es zahllose Kneipen oder Clubs, die sich weder Impfnachweis noch Tests zeigen lassen. Die Freiheit mag für die Betreiber und Nicht-Geimpften und Nicht-Getesteten momentan verlockend sein, aber auch das Virus freut sich darüber. Mit Blick auf die lange Zeit bis zum Mai ist es daher hochriskant, die 2G- oder 3G-Kontrolle schleifen zu lassen.

Quarantäne nur noch für Nichtgeimpfte:

Dass Nicht-Geimpfte bald keinen Lohn mehr erhalten, wenn sie in Quarantäne müssen, ist ein überfälliger Schritt. Medizinische Gründe, die gegen eine Impfung sprechen, gibt es bei weniger als einem von 1000 Menschen, das lässt sich im Einzelfall per Attest nachweisen. Warum sollte die Allgemeinheit oder der Arbeitgeber dafür bezahlen, wenn jemand aus Trotz den Impfschutz verweigert und dann daheim bleiben muss?

Ein weiterer Impfanreiz ließe sich schaffen, wenn Geimpfte selbst bei positivem PCR-Test nicht mehr 14 Tage in die Isolation geschickt werden würden. Für sie ist eine Corona-Ansteckung nicht dramatischer als eine Grippe. Bei Krankheit zu Hause bleiben, ja klar, aber ohne Symptome? Ab an die Arbeit. 

Hier gilt das gleiche wie unter Punkt 1: Es gilt, die Gefährdeten zu schützen, aber nicht, das Virus auszusperren. Sonst leben wir - siehe Melbourne - noch Jahre im Ausnahmezustand.

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