Verkehr

Autofreie Innenstadt: Wie machen es andere?

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 01.10.2021 19:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Raum für neue Möglichkeiten. Auf der Neutorstraße in Emden machen Autos Platz für Fußgänger, Radfahrer und bald auch eine Ausstellung. Foto: Päschel
Raum für neue Möglichkeiten. Auf der Neutorstraße in Emden machen Autos Platz für Fußgänger, Radfahrer und bald auch eine Ausstellung. Foto: Päschel
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Was hat Emden mit Bremen und Hannover gemeinsam? Alle drei Städte suchen Ideen für ihre Zentren und wollen den Autoverkehr zügeln. Die Umsetzung gestaltet sich schwierig. Ein Vergleich.

Emden - Die Städte unterscheiden sich, die Herausforderung aber ist für Emden, Bremen und Hannover identisch: Was passiert mit den Zentren, in denen der klassische Handel auf dem Rückzug ist? Wie lässt sich die drohende Verödung stoppen? Und vor allem: Wie lässt sich der frei werdende Raum mit neuen Ideen füllen? Die Suche nach Antworten führt in allen drei Städten zum Verkehr und damit mitten hinein in eine emotionale Debatte. Denn jahrzehntelang wurde vor allem vom Auto her gedacht. Es war und ist für viele das Fortbewegungsmittel Nummer eins. Dazu kommt: Konsumenten sollten möglichst bis vor die Geschäfte fahren können.

Was und warum

Darum geht es: in vielen deutschen Städten wird mit Ideen zur Mobilität und zum Nahverkehr experimentiert – gegen große Widerstände

Vor allem interessant für: Anlieger, Besucher und Nutzer von Innenstädten sowie diejenigen, die von lebendigen Zentren profitieren wollen und feststellen, dass der Autoverkehr eine elementare Rolle spielt

Deshalb berichten wir: In Emden diskutieren Bürger, Händler, Rat und Stadtplaner über das Versuchslabor Neutorstraße – eine der wichtigsten Verkehrsadern durch die Innenstadt. In Bremen und Hannover gibt es ganz ähnliche Initiativen.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Doch das ist Geschichte. „Das 100 Jahre alte System PKW ändert sich gerade“, stellte Emdens Stadtplaner David Malzahn jüngst in einer Ausschusssitzung fest. Die Zukunft soll also anders aussehen. Bloß wie? In Emden hat sich Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) mit seinem Stadtplaner und einer Handvoll überzeugter Mitstreiter im Rathaus auf eine heikle Mission begeben. Das Ziel: eine weitgehend autofreie Innenstadt. Der Weg: steinig und voller Widerstände. Um voranzukommen, setzte sich Kruithoff schon zweimal über große Teile des Rates hinweg und brüskierte so die, mit denen er als Verwaltungschef eigentlich zusammenarbeiten sollte.

Bis zum Stillstand verheddert

Weil sich die Politik in der Gemengelange unterschiedlicher Interessen von Bürgen und Händlern, Anliegern und Gastronomen bis zum Stillstand verheddert, verbannte Kruithoff mehr oder weniger eigenmächtig die Autos vom Neuen Markt und überraschte mit einem Experiment auf der Neutorstraße: An die Einbahnstraßenregelung auf der Verkehrsschlagader hatten sich wegen der monatelangen Baustelle der Neutor-Arkaden viele schon gewöhnen können – wenn auch nicht ohne Murren. Jetzt müssen sich Autofahrer zusätzlich in der Hierarchie hinter Radfahrern und Fußgänger einreihen. Statt freier Fahrt für Individualverkehr auf vier Rädern gibt es auf der Neutorstraße Versuche. Die Straße wird zur Ausstellungsfläche und Markierungen werden munter angepasst, um neue Radwege zu schaffen oder Fußgängerampeln außer Kraft zu setzen.

Der Ausgang dieser Experimente ist ungewiss. Um besser beurteilen zu können, was da in Sachen Verkehr in Emden eigentlich objektiv gerade geschieht, sollen in der nächsten Woche Messdaten vorgelegt werden. Im Auftrag der Stadt werden seit Wochen Zahlen erhoben, die Rückschlüsse auf die Belastung auf Ausweichstrecken, Stau oder Fahrtzeiten im Zentrum geben sollen. Die Auswirkungen auf das (Wohlfühl-)Klima lassen sich dagegen in einer Statistik kaum darstellen.

Dramatischer Niedergang

Mit ihrem zaghaften Versuch einer Mobilitätswende steht Emden nicht alleine da. Deutschlandweit wird gerade vielerorts experimentiert. Was in dieser Stadt die Neutorstraße ist, ist in Bremen die Martinistraße. Was in Emden der Neue Markt ist, ist in Hannover der Platz an der Markthalle. Und ein Blick in die beiden Landeshauptstädte zeigt, dass die Hoffnungen und Auseinandersetzungen einander gleichen.

Mathias Siebert beschreibt die Ausgangssituation in Bremen so: „Der Niedergang der Innenstadt ist dramatisch.“ Der Journalist verfolgt die Veränderungen für die Radio-Bremen-Redaktion von „buten un binnen“ und stellt fest, dass „in den letzten zehn Jahren kein tragfähiges Konzept“ gegen den Schwund von Kaufkraft gefunden wurde. Gleichzeitig wächst in der Hansestadt mit ihren gut 550.000 Einwohnern das Umweltbewusstsein und wandeln sich die Ansprüche an den Nahverkehr.

„Transformartini“ in Bremen

Die grüne Verkehrssenatorin Dr. Maike Schaefer nimmt diese Herausforderungen an. Ende Juli hat sie die Martinistraße, eine vierspurige Straße zwischen Schlachte und Innenstadt, in ein offenes Versuchslabor verwandelt. „Transformartini“ heißt das Projekt. Ähnlich wie in Emden gibt es mehrere Testphasen: Der Autoverkehr wird mal gedrosselt, mal einseitig gesperrt oder vollständig verboten. Fahrradfahrer sollen mehr Raum und Rechte bekommen. Mit Sitzgelegenheiten und mit Aktionen wie einer stehenden Welle für Surfer sollen Geschäfte belebt werden.

Ob und wie erfolgreich die von Schaefer gedeckten Ideen sind, ist umstritten, sagt Siebert. Kritiker sprechen von einer ungewollten Signalwirkung nach außen, dass die Innenstadt per Auto nur noch schwer zu erreichen ist. Bezweifelt wird auch, dass durch die Verkehrsberuhigung mehr Kunden gewonnen werden. „Am meisten Widerstand kommt von der Handelskammer“, so Siebert. Die grüne Senatorin bekomme es außerdem regelmäßig mit politischem Protest zu tun. Gleichzeitig stellt der Journalist fest: Von den Bürgern seien einige Angebote „gut angenommen“ worden.

Die Dominanz des Autos

Wie Schaefer in Bremen und Kruithoff in Emden gibt es auch in Hannover einen, der die Dominanz des Autos in der Innenstadt brechen will: Belit Onay. Der erste grüne Oberbürgermeister, der 2019 das Amt von der SPD übernahm, träumte bereits offen von einer autofreien Innenstadt, berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ). Offenbar unterschätzte er die Wucht solcher Ankündigungen und ruderte im Wahlkampf schnell zurück, heißt es in der Redaktion. „Er sprach dann nur noch von einer autoarmen Innenstadt“, sagt der Journalist Bernd Haase.

Onay versucht es jetzt mit kleineren Schritten. So wichen auf einem Platz 180 Parkplätze einem „Experimentierraum“. Die Stadt ließ Bänke aufstellen und animierte Bürger dazu, der Kreativität freien Lauf zu lassen. Die Resonanz war zurückhaltend. Die Gastronomen einer nahen Markthalle machten lange Gesichter. Starker Gegenwind schlug dem grünen Rathauschef auch aus dem Rat entgegen, als er ein Teilstück der Schmiedestraße am Rande der Altstadt für Autos sperren ließ. In der Summe, sagt der stellvertretende Chefredakteur der HAZ, Felix Harbart, seien Onays Vorstöße zäh: „Von einer autoarmen Innenstadt ist man noch weit entfernt.“

Ein Indiz dafür, dass das erklärte Ziel im Kern jedoch akzeptiert ist, sieht Harbart im Ausgang der jüngsten Kommunalwahl in Hannover. „Es gab einige, die gedacht haben, dass die Grünen abgestraft werden“, sagt er. Stattdessen wurde die Partei erstmals stärkste Kraft. In Bremen und Emden dürften Maike Schaefer und Tim Kruithoff solche Signale interessiert verfolgen.

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