Unterstützung

222 Millionen gegen den Corona-Frust

Ute Nobel
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Von Ute Nobel
| 01.10.2021 20:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Pandemie war für viele Kinder und Jugendliche eine große Belastung. Foto: Paul Zinken/dpa
Die Pandemie war für viele Kinder und Jugendliche eine große Belastung. Foto: Paul Zinken/dpa
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222 Millionen Euro sollen in Niedersachsen in diesem und kommendem Jahr für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen. Ostfriesland will viel beantragen, es gibt aber Hürden.

Ostfriesland - Mit dem Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ wollen Bund und Länder Kindern und Jugendlichen dabei helfen, die Folgen der Corona-Pandemie aufzufangen. In den Jahren 2021 und 2022 stehen in Niedersachsen insgesamt 222 Millionen Euro zur Verfügung – 122 Millionen Euro stammen vom Bund, die restlichen 100 Millionen Euro vom Land. In Ostfriesland wurden bereits Fördermittel aus dem Topf beantragt – doch nicht immer läuft das reibungslos. Kritik gibt es außerdem vom Landeselternrat.

Was und warum

Darum geht es: Bund und Land haben tief in die Tasche gegriffen und ein Förderprogramm für Kinder und Jugendliche auf die Beine gestellt. Doch dabei gibt es einige Hürden und es kommt auch Kritik.

Vor allem interessant für: Kinder, Jugendliche, Vereine, Organisationen, Schulen

Deshalb berichten wir: Das Programm „Aufholen nach Corona“ wurde bereits im Juli beschlossen. Wir wollten wissen, ob in Ostfriesland bereits Gebrauch davon gemacht wird.

Die Autorin erreichen Sie unter: u.nobel@zgo.de

Nicht alle konnten Fristen einhalten

Ob für Jugendfeste, kreative Angebote, Unterstützung des Ehrenamts oder Personalaufstockung in Schulen: Das Programm ist vielseitig, gefördert werden kann so Einiges. Allerdings gibt es dabei Hürden. „Wir waren zum Glück noch rechtzeitig“, sagt Sandra Grau, Leiterin des Jugend- und Familienzentrums in Aurich. Das Zentrum hat sein Programm ordentlich aufgestockt. „Wir konnten unsere Konzepte schnell ausarbeiten, aber die kurze Vorlaufzeit war schon eine Herausforderung.“ Das Kabinett hatte das Programm im Juli beschlossen, ab September konnten einzelne Bausteine starten. Die Antragsfrist für Aktionen im Oktober und November ging aber nur bis Ende September. „Wir haben dafür 10.000 Euro bekommen“, so die Leiterin des Jugend- und Familienzentrums. Die Frist für Vorhaben darüber hinaus und hinein ins kommende Jahr laufe noch bis Dezember. „Da haben wir noch mal 19.000 Euro beantragt“, sagt Grau.

Kleinere Vereine mit einem nicht so guten Netzwerk könnten durch die kurzen Fristen aber Schwierigkeiten bekommen haben, meint Grau. So ging es beispielsweise dem Awo-Kreisverband in Leer. „Wir sind sehr daran interessiert, Fördermittel aus dem Topf zu beantragen“, sagt Remmer Hein, Leiter des Kreisverbandes. Für Aktionen in den Herbstferien habe es allerdings nicht gereicht. „Da waren die Fristen zu kurz – unser Team ist zu klein, um das so schnell umzusetzen.“

Landkreise können noch nicht beantragen

Landkreise und Städte mit eigenen Jugendämtern sollen ebenfalls Geld bekommen, zum Beispiel für Feste oder die Schaffung von Jugendplätzen. So steht es jedenfalls im Programm. Allerdings scheint es auch dabei einige Stolpersteine zu geben: Noch können die Landkreise und Städte die Mittel nämlich nicht beantragen. „Für einen beträchtlichen Teil des Gesamtpaketes gibt es auch nach nunmehr drei Monaten noch keine Förderrichtlinien oder nur begrenzte nutzbare Informationen zur Antragstellung“, schreibt beispielsweise das Projektförderbüro der Stadt Emden auf Anfrage.

Auch der Landkreis Leer konnte noch nicht alle Anträge stellen. „Die Förderrichtlinie liegt bislang nur im Entwurf vor. Nach Auskunft des Landes verzögert sich der Erlass, der für eine Beantragung der Fördermittel entscheidend ist“, erklärt Annika Smit, Pressesprecherin des Landkreises.

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Der Landkreis Wittmund plant nach eigenen Angaben ebenfalls, verschiedene Fördermittel zu beantragen. Aber auch von dort gibt es den Hinweis, dass bisher für einige Förderrichtlinien nur die Entwürfe vorlägen. „Eine Antragstellung ist daher abschließend bei den allermeisten Programmen noch nicht möglich“, heißt es aus dem Jugend- und Sozialamt des Landkreises.

Geld für Personal eine „Mogelpackung“?

Deutliche Kritik äußert der Landeselternrat (LER) Niedersachsen an der geplanten Förderung für weiteres Schulpersonal. Mit dem Programm sollen in Niedersachsen 25 Millionen Euro für Pädagogische Mitarbeiter und zehn Millionen Euro für Schulsozialarbeiter zur Verfügung stehen. Laut LER-Vorsitzendem Michael Guder klinge das zwar erst einmal gut, entpuppe sich bei näherem Hinsehen aber eher als Mogelpackung – gleich aus mehreren Gründen. „Die Unterstützung ist zeitlich befristet auf zwei Jahre“, sagt Guder. Das werde seiner Ansicht nach zum Problem bei der Personalfindung. „Wie attraktiv ist eine befristete Stelle für Bewerber?“, fragt er. Falls man jemanden für diese kurze Zeit fände, wäre der- oder diejenige laut Guder schnell wieder weg, „wenn ein besseres Angebot um die Ecke kommt“. Ein weiteres Problem gebe es mit dem Niedersächsischen Haushalt. Im Doppelhaushalt 2022/23 „sind bislang keine zusätzlichen Stellen für entsprechende pädagogische Fachkräfte vorgesehen“ – das geht aus einer kleinen Anfrage der FDP an die Landesregierung hervor, die der Redaktion vorliegt. Auch für die Einstellung von weiteren Fachkräften für schulische Sozialarbeit seien im Jahr 2022 keine Haushaltsmittel vorgesehen. „Das heißt, das Geld aus dem Aufholprogramm gibt es eigentlich gar nicht zusätzlich, sondern anstelle von“, sagt Guder. Den Grundgedanken eines Aufholprogramms finde er richtig – es müsse nur ganz anders umgesetzt werden.

Unbürokratischer Spaß an Grundschule

Andere Aktionen in Schulen scheinen allerdings sehr unbürokratisch bezuschusst zu werden. So sieht es jedenfalls Joachim Speckmann, Leiter der Grundschule Mittegroßefehn. Und ihm ist auch etwas anderes wichtig als das Nachholen von Lernstoff. „In den Kernfächern gibt es bei uns eigentlich keinen Nachholbedarf. Was die Kinder jetzt brauchen, ist Spaß“, sagt er. Denn der sei in den vergangenen Corona-Jahren viel zu kurz gekommen. „Feste, Veranstaltungen, Theater, Sport, das hat ja fast alles nicht stattgefunden“, so Speckmann. Deshalb habe er gemeinsam mit dem Kollegium bereits einige Dinge festgeklopft, die mit dem Geld gemacht werden sollen. „Wir planen zum Beispiel mit den größeren Kindern einen Ausflug zur Kletterhalle nach Aurich und mit den kleineren einen schönen Tag in Bensersiel.“ Außerdem sei die Überlegung, den Zirkus im Rahmen eines Projektes in die Schule zu holen. „Zur Stärkung der Persönlichkeit wollen wir auch wieder ein Reitprojekt anbieten und mit einer Jiu-Jitsu-Schule zusammenarbeiten“, sagt Speckmann.

Beim Nachholen von Lernstoff habe Speckmann mehrere Bedenken. „Zum einen hat eine Lernstanderhebung in unserer Schule ergeben, dass es keinen großen Nachholbedarf gibt“, sagt er. Zum anderen sei beispielsweise eine Nachhilfe schwer umzusetzen. „Wie viel Motivation ist bei den Schülern und den Eltern da, den Nachmittag damit zu verbringen? Und wenn man es in der Unterrichtszeit machen will, wo soll man das Personal hernehmen? Da muss man ganz klar Aufwand und Nutzen abwägen“, sagt er.