Diskussion in Emden

Berufstätige Mütter brauchen bessere Kita-Öffnungszeiten

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 02.10.2021 08:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Kindeswohl soll bei der Gestaltung von Kitas im Vordergrund stehen, aber auch die Bedarfe berufstätiger Mütter und Eltern decken. Fotos: Archiv
Das Kindeswohl soll bei der Gestaltung von Kitas im Vordergrund stehen, aber auch die Bedarfe berufstätiger Mütter und Eltern decken. Fotos: Archiv
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Viele berufstätige Mütter in Emden sind darauf angewiesen, ihre Kinder früh morgens schon zur Kita zu bringen. Viele Einrichtungen aber haben noch starre Öffnungszeiten. Sollte sich das ändern?

Emden - Für berufstätige Mütter ist es häufig schwierig, die eigene Arbeitszeit mit den Öffnungszeiten der Kindertagesstätte (Kita) abzustimmen. Für Alleinerziehende ist das umso drastischer. In Großstädten wie Berlin gibt es daher Einrichtungen, die rund um die Uhr geöffnet haben und so mit allen Berufsmodellen von Eltern vereinbar sind. In ländlichen Regionen wie Ostfriesland sieht das noch anders aus. Weil das Team des Emder Markuskindergartens die Sonderöffnungszeiten von 7.30 bis 8 Uhr sowie 12.30 bis 13 Uhr verstetigen lassen möchte, also langfristig so festlegen will, wurde im Jugendhilfeausschuss des Emder Rates kürzlich diskutiert. Dabei ging es nicht mehr speziell um die Einrichtung im Ortsteil Herrentor, sondern allgemein um das Für und Wider längerer Öffnungszeiten.

Was und warum

Darum geht es: Frauen wollen und müssen arbeiten. Haben sie Kinder, stellt sie das vor große Herausforderungen bei der derzeitigen Betreuungslandschaft.

Vor allem interessant für: Eltern, Menschen, die Kinder bekommen wollen, Arbeitgeber, Pflegefachkräfte

Deshalb berichten wir: Im Jugendhilfeausschuss führte ein Tagesordnungspunkt zu einer längeren Grundsatzdiskussion rund um Öffnungszeiten von Kitas.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Man dürfe es Eltern auch „nicht zu einfach machen“, ihre Kinder über einen längeren Zeitraum abzugeben, meinte Thomas Sprengelmeyer, Leiter des Fachbereichs Jugend, Schule und Sport. Unter Sechsjährige sollten nicht bis zu zehn Stunden in einer Einrichtung sein. „Gott sei Dank“ gebe es 24-Stunden-Kitas in Emden noch nicht, betonte er. Man gehe in Emden „sehr vorsichtig“ mit dem Thema um. Das Wohl des Kindes stehe stets an erster Stelle. Auch Albert Ohling, für die CDU im Ausschuss, drückte sein Unbehagen darüber aus, wenn Kinder um halb 5 aus dem Bett geholt und in die Kita gebracht würden. „Man sollte gucken, ob man das anders hinkriegt“, meinte er.

Aus der Praxis: Kinder werden schnellstmöglich abgeholt

Die Sorge, dass Eltern ihre Kinder bis zu zehn Stunden in Kitas "abladen" könnte, wenn sich Öffnungszeiten ändern, sieht die Kita-Planerin der Stadt Emden nicht.
Die Sorge, dass Eltern ihre Kinder bis zu zehn Stunden in Kitas "abladen" könnte, wenn sich Öffnungszeiten ändern, sieht die Kita-Planerin der Stadt Emden nicht.
Renate Bonn-Sommer, bei der Stadt zuständig für die Kita-Planung und im ständigen Austausch mit den Einrichtungen, begegnete den Sorgen der Männer: Dass das Kinderwohl im Vordergrund stehe, sei „völlig richtig“. Aber: Bei dem Emder Modellprojekt, das in der Kita „Dat Käferhuus“ beim VW-Werk umgesetzt werde, hätten sie nicht die Erfahrung gehabt, dass Eltern „die Zeit voll ausreizen“. Im Gegenteil würden die Kinder „im Rahmen der Arbeitszeit“ schnellstmöglich abgeholt, erklärte sie. Das Käferhuus in Emden ist die Kita mit den längsten Öffnungszeiten. Derzeit werden dort Kinder von 5.30 bis 16.30 Uhr betreut, wie eine Leiterin auf Nachfrage dieser Zeitung erklärt.

Bei Kitas, die den ganzen Tag über geöffnet sind, wird noch mehr auf die Kinder eingegangen, sagt eine Kita-Leiterin.
Bei Kitas, die den ganzen Tag über geöffnet sind, wird noch mehr auf die Kinder eingegangen, sagt eine Kita-Leiterin.
„Es ist niemand hier, der den Früh- und Spätdienst nutzt“, so die Leiterin. Für die Kita-Plätze seien bevorzugt Kinder von Eltern im Schichtdienst ausgewählt worden. Mütter würden beispielsweise bei VW und in der Pflege arbeiten, wo eine Frühschicht um 6 Uhr startet. Die Bringzeit um 5.30 Uhr werde „gut frequentiert“. In Dienstleistungsberufen würde die Schicht häufig aber auch schon um 7 Uhr beginnen. Die klassischen Kita-Öffnungszeiten von 8 bis 12 Uhr sei für kaum eine berufstätige Frau sinnvoll. „Wir haben zum Teil auch noch sehr kleine Kinder“, sagt sie. Für eine Frau sei es einfach schwierig, lange aus dem Job raus zu sein - sowohl finanziell als auch karrieretechnisch. Arbeitgeber drängeln, der Lebensstandard könne zudem oft nur durch zwei berufstätige Elternteile gehalten werden.

Fachkräfte fehlen: „dramatische Entwicklung“

Auf dem Markt beziehungsweise bei den Arbeitgebern müsste sich einiges ändern, um den Frauen und damit auch den Kindern die Situation zu erleichtern. Insbesondere in der Pflege, wo viele Fachkräfte fehlen, müsse man andere Modelle anbieten - also etwa Mittelschichten für Mütter - oder eben ermöglichen, dass Kinder auch früh morgens schon in die Kita können. Das bekräftigt auch André Göring, für die Grünen im Ausschuss und Geschäftsführer des Pflegedienstes Haus am Zingel. „Es braucht mehr Flexibilität für die Eltern“, meinte er.

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Okka Fekken, Gleichstellungsbeauftragte bei der Stadt, betonte, dass es bei „systemrelevanten Berufen“ im Krankenhaus oder der Pflege eine „dramatische Entwicklung“ gebe, was den Mangel an Fachkräften betreffe. Selbst wenn man Personal bekomme, könne man dieses nicht so einsetzen, wie der Bedarf sei, also etwa im Frühdienst, wenn nicht entsprechend Betreuungsplätze für Kinder vorhanden seien. „Ich höre immer wieder, dass der Bedarf da ist“, betonte Bonn-Sommer. Es sei sehr wünschenswert, dass mehr Kitas früher öffneten. Das zu beantragen, sei für die Einrichtungen nicht kompliziert. Aber: Auch hier müsse Fachpersonal vorhanden sein.

Das Kinderwohl sei ihnen sehr wichtig, heißt es vom Käferhuus. Früh morgens gebe es „keine starren Regeln“: Kinder könnten schon frühstücken oder noch weiter schlafen. Einige Kinder würden auch schlafend gebracht. „Es ist wichtig, dass wir darauf Rücksicht nehmen.“ Das sei Teil des Konzepts. Das ist, wie Bonn-Sommer erklärt, auch mit dem Landesjugendamt abgestimmt, dass die Sondergenehmigung erteilt.