Psychische Belastungen
Aufholen nach Corona: Bitte nicht noch mehr Druck
Wie können Schüler Lernstoff aufholen, den sie wegen Corona verpasst haben? Das ist die falsche Frage, sagt der neue Leiter der Kinder- und Jugendpsychologie in Papenburg.
Papenburg - Kinder und Jugendliche haben während der Corona-Pandemie eine große Last getragen: Unterricht von zu Hause, deutlich weniger Kontakte zu Gleichaltrigen, keine Treffen im Verein und fehlende Freizeitangebote waren nur einige der vielen Einschränkungen. Nun wird häufig die Frage laut, wie vor allem Schüler den verpassten Lernstoff aufholen können. Doch: „Das ist die falsche Frage“, sagt Werner Königschulte, neuer Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) in Papenburg. Vielmehr ginge es nun darum, das soziale Miteinander zu stärken.
Was und warum
Darum geht es: Durch die Pandemie mussten Kinder- und Jugendliche oft zurückstecken und haben viel verpasst. Die Lernrückstände sind dabei oft das kleinere Problem, sagt dazu ein Psychologe.
Vor allem interessant für: Familien mit Kindern, Jugendliche, Schulen
Deshalb berichten wir: Wir haben bereits mehrfach über Kinder und Jugendliche als Verlierer der Pandemie berichtet. Nun haben wir uns die Frage gestellt, was für sie getan werden sollte. Die Autorin erreichen Sie unter: u.nobel@zgo.de
„Das letzte, was junge Menschen jetzt brauchen, ist noch mehr Druck, nach dem Motto: Ihr habt einen Rückstand, ihr müsst jetzt aufholen“, sagt Königschulte. Selbstverständlich gebe es da Unterschiede, einige hätten deutlich größere Defizite als andere. „Aber für die breite Masse würde ich sagen, es geht nicht um die Lerninhalte. Das sozial Erlebbare muss nachgeholt werden.“ Der Bildungsrückstand sei im Großen und Ganzen vielleicht gar nicht so gravierend, weil er alle gleichermaßen betrifft. Es sei wichtig, dass nun niemand von einer „Generation Corona“ spreche und Kindern, Jugendlichen und auch Eltern damit vermittle, sie seien gescheitert. „Familien sind wahre Krisen-Bewältigungsspezialisten. Und man kann auch mal ganz klar sagen: Familien haben in dieser schwierigen Zeit Hervorragendes geleistet.“
Pandemie war große Belastung
Nichtsdestotrotz sei die Pandemie eine große Belastung für viele junge Menschen gewesen. „Studien zeigen, dass sich viele sehr einsam gefühlt haben“, so der Chefarzt. In der Papenburger Klinik habe er gesehen, dass die Belastungen von Lockdown zu Lockdown zugenommen hätten. Konkrete Zahlen könne Königschulte allerdings nicht nennen. „Dafür bräuchte es eine empirische Erhebung.“ Und ganz wichtig sei ihm, dabei zwischen einer beispielsweise verminderten Lebensqualität und damit verbundenen Ängsten und einer psychischen Erkrankung zu unterscheiden. „Nicht alle, denen es in der Pandemie schlecht ging, waren oder sind gleich psychisch krank.“ Klar zu erkennen sei aber, dass es Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien während der Pandemie härter getroffen habe.
Für alle sollte es nach Meinung des Chefarztes nun dementsprechende Angebote geben, um fehlende soziale Kontakte wieder aufzubauen, das Miteinander und damit auch den Selbstwert zu stärken. „Dann würde ich sagen: Ja, selbstverständlich kann man das wieder aufholen. Kinder und Jugendliche können unheimlich viel. Aber man muss sie dabei unterstützen.“ Seiner Meinung nach sei es gut, dass nun die Kinder- und Jugendgesundheit in den Fokus gerückt ist. „Ich hoffe, das verhallt nicht so schnell wie das Klatschen für die Pfleger in der Pandemie.“
Entschuldigen reicht nicht
222 Millionen gegen den Corona-Frust
Angebot in Leer erweitert – neuer Oberarzt