Hamburg

Franz Wittenbrink: Ich wurde bei den Domspatzen nackt verprügelt

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 01.10.2021 10:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Franz Wittenbrink im Garten seines Hauses in St. Georg. Foto: Markus Lorenz
Franz Wittenbrink im Garten seines Hauses in St. Georg. Foto: Markus Lorenz
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Der Erfinder der Liederabende spricht über den Erfolg des Genres, seine Vergangenheit als Kommunist und über sexuellen Missbrauch in der Katholischen Kirche.

Franz Wittenbrink empfängt den Gast in seinem blühenden Garten in St. Georg - ein ziemlich unerwartetes Idyll mitten in der Großstadt. Der Pianist, Komponist, Arrangeur, Dirigent und Regisseur schuf ein neues Theater-Genre. Mit seinen Liederabenden „Sekretärinnen“, „Männer“, „Nachttankstelle“, „Die Comedian Harmonists“, „Mütter“ und vielen mehr begeisterte er die Massen. Im Gespräch mit Markus Lorenz lacht der 73-Jährige viel und herzhaft. Nicht immer in seinem Leben ging es so fröhlich zu.

Herr Wittenbrink, Sie haben gerade einen Liederabend über Corona gemacht. Früher mal einen zur Flüchtlingskrise. Schrecken Sie vor nichts zurück?

Nein. Das Leben schreckt ja auch vor keinem Thema zurück. Das Theater ist keine moralische Anstalt, eher eine unmoralische. Eine Anstalt, die wahnsinnig viel Moral im Mund hat und in der Realität fürchterlich, patriarchalisch, altbacken und widerlich ist.

Sie wollen aber unterhalten mit dem, was Sie tun?

Ja, klar. Ich sehe mich in der Tradition des frühen Brecht, der gesagt hat: Kunst muss immer unterhalten, das ist unser Ziel.

Sie gelten als Erfinder der Liederabende. Wie kamen Sie auf das Format?

Ich war in den 80er Jahren einer von zwei Bühnenmusikern am Theater Basel. Der andere war Christoph Marthaler. Wir saßen in der Kantine, haben Bier getrunken und gelästert - wie das so ist, wenn man sich unterfordert fühlt. Intendant Frank Baumbauer hat gesagt: Dann macht mal selbst. 

Warum gerade Liederabende?

Bis dahin gab es fast nur Tucholsky- und Brecht-Abende. Immer 30er Jahre, immer moralisch aufgeladen, mit Zeigefinger und mehr Sprechgesang als Gesang. Und es gab sogenannte erotische Abende mit Schauspielerinnen in Dessous und literarischer Altherrenerotik. Ich hab’ gedacht: Mein Gott, ist das billig und oberflächlich. Schauspieler können doch viel mehr.

Wie kamen Sie nach Hamburg? 

Zusammen mit Baumbauer, als dieser 1993 Intendant am Schauspielhaus wurde.

Die Liederabende brachten Sie mit. Den Hamburgern gefiel’s?

Ja. Vorher hatten alle zu mir gesagt: Die Hamburger sind so distanziert, die kriegst Du nicht. Ich habe das Gegenteil erlebt. Bei „Sekretärinnen“ sind die Menschen aufgestanden, haben mitgesungen und mitgeklatscht. Eine solche Entgrenzung des Publikums habe ich in der Schweiz nicht erlebt.

Wie viele Menschen haben Ihre Liederabende gesehen?

Sicherlich mehrere Millionen. Die meisten in Deutschland, aber auch viele im Ausland, bis nach Australien. Die tollste Fassung von „Sekretärinnen“ habe ich übrigens in Bratislava in der Slowakei gesehen. Die haben das Stück zweigeteilt, das war genial. Der erste Teil spielte im Kommunismus, der zweite im Kapitalismus. Es war toll zu sehen, wie die Kostüme bunt wurden, es für die Sekretärinnen aber trotzdem Scheiße blieb (lacht).

Was macht Liederabende erfolgreich?

Sie binden an Reflexe an. Wenn ich zum Beispiel auf der Bühne eine Melodie anspiele, glauben die Menschen zu wissen, welches Lied kommt. Dann führe ich sie in eine andere Richtung. Bei meinen Stücken kann man nicht wegdösen. Man weiß nie, wie’s weitergeht und ist neugierig.

Manche halten das für leichte Unterhaltung.

Es ist populäre Unterhaltung, aber schwer zu machen, weil man eine Geschichte im Kopf haben muss. Viele denken, ich mische zu einem Thema mal eben 20 Lieder zusammen. Völlig falsch. Im Fußballabend „Männer“ kommt zum Beispiel nur ein Lied mit Fußball vor. Die Geheimnisse liegen ganz woanders.

Welcher Liederabend war Ihr gelungenster?

„Denn alle Lust will Ewigkeit“ über den Tod. Ein sehr ruhiger und musikalisch sehr hochstehender Abend. Und ein melancholischer. Bei mir ist immer Traurigkeit dabei. Wer einen guten Humor hat, ist innen drin melancholisch. 

Sie gehörten zu den Gründern des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW). Wie kam’s dazu?

Das war die übliche Affrontgeschichte. Ich kam aus einem katholischen Knabeninternat, den Regensburger Domspatzen. Die Universität war eine neue Welt, nach der ich mich gesehnt habe. Ich habe Soziologie studiert, bin in den SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund, d.Red.) eingetreten und wurde Kommunist.  

Stimmt es, dass Sie in der Zeit kein Klavier gespielt haben?

Ja, zwölf Jahre lang. Die KP Chinas hatte damals beschlossen, dass, wer klassische Musik spielt, dem Kapitalismus anheimfällt. Ich bin richtig ins Proletariat gegangen, habe eine Ausbildung zum Maschinenschlosser gemacht, war Fernfahrer, Drucker, Müllfahrer und schließlich Klavierbauer. 

Wann kam bei Ihnen die Erleuchtung?

Als ich gemerkt habe, dass ich in einem Haufen von Mörderunterstützern gelandet bin. Der KBW hat Militär-Lkw für Mugabe gekauft und Delegationen mit Blumensträußen zu Pol Pot geschickt. Wir haben Verbrecher und Massenmörder unterstützt, damit sie noch mehr Blut vergießen konnten. Als ich das erkannte, versuchte ich, möglichst viele Leute da wieder rauszulotsen. Ohne jeden Erfolg. Dann wurde ich mit Schimpf und Schande rausgeschmissen. Worüber ich sehr glücklich bin.

Was verbindet Sie mit Hamburg?

Ich bin Stück für Stück in diese Stadt hineingewachsen. In diese Hafenstadt, die seit Jahrhunderten mit Migranten und Menschen anderer Nationalitäten überhaupt kein Problem hat. Ich, der ich aus einer spießigen Existenz kam, dachte: wie wunderbar. Außerdem stellte ich fest: Wer in Hamburg ein Spinner im positiven Sinne ist, ist tatsächlich einer. In Berlin tun sie alle nur so, weil das gerade angesagt ist.

Sie haben 2015 einen Liederabend zum Thema sexueller Missbrauch auf die Bühne gebracht. Warum?

Das war „Schlafe, mein Prinzchen“ am Berliner Ensemble. Darin habe ich meine persönlichen Erfahrungen aus der Zeit bei den Regensburger Domspatzen verarbeitet. Mir hat das geholfen.

Sind Sie bei den Domspatzen selbst sexuell missbraucht worden?

Ich bin „nur“ nackt verprügelt worden. Ich musste keinen Penis eines Pfarrers anfassen, das mussten Klassenkameraden tun. Aber ich weiß von vielen aus dem Internat, dass sie gebrochene Persönlichkeiten sind und die Belastung im Alter immer schlimmer wird. Meine Rettung vor den schlimmsten Übergriffen war, dass mein Onkel Alfons Goppel hieß, damals bayerischer Ministerpräsident. Die katholische Kirche hatte Angst, dass ihnen die staatlichen Subventionen gestrichen werden, wenn sie es mit mir allzu arg treiben.

Reicht Ihnen die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch die Katholische Kirche aus?

Nein, das ist fürchterlich und rein formal. Jeder von den 300 missbrauchten Domspatzen hat zwar Geld  bekommen. Aber es hat zehn Jahre Kampf von uns gebraucht, bis die Kirche den Missbrauch überhaupt zugegeben und sich entschuldigt hat. 

Kürzlich hatte Ihr Corona-Liederabend Premiere am St. Pauli Theater. Warum dieses Thema?

(lacht): Weil mich Uli Waller (der Intendant, d.Red.) gefragt hat: Franz, willst Du nicht was zu Corona machen?

Sie wollten?

Nicht sofort. Ich hab gesagt: Ich habe keine Lust, in den Chor der Meckerer einzutreten, aber ich liefere einen Liederabend, der zeigt, was Corona mit den Menschen macht. 

Was ist die Botschaft?

Der Untertitel lautet „Liebe in Zeiten des Abstands“. Corona zwingt uns, neue Wege für unser Grundbedürfnis nach Nähe und Freiheit zu finden, das wir zur Zeit nicht erfüllen können. Wir erzählen das tragikomisch. Die Botschaft lautet: Versucht in der Tragik die Komik zu entdecken, sucht euch andere Wege und gebt die Hoffnung nicht auf.

Was hat Corona mit Ihnen gemacht? Waren Sie mal der Verzweiflung nahe?

Nein. Ich bin so privilegiert und habe gut verdient. Mir haben die Alleinerziehenden mit Kindern ohne Balkon leid getan. Aber besonderes Mitleid für uns Künstler? Nein. 

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