Osnabrück
Kunstskandal von Aalborg: Wann moderne Kunst Scharlatanerie ist
In Dänemark brennt ein Künstler mit 70.000 Euro durch und hinterlässt leere Leinwände. Der Skandal erneuert ein Vorurteil: Kunst ist Scharlatanerie. Richtig?
Der Mann hat Nerven: Künstler Jens Haaning sollte Geldscheine im Wert von 70.000 Euro auf Leinwände kleben. Das Geld hatte ihm das Kunsten-Museum im dänischen Aalborg ausgehändigt. Haaning liefert aber nur leere Bilderrahmen ab und türmt mit dem Geld. Der Clou der Dreistigkeit: Der 56 Jahre alte Haaning nennt seinen Raub auch noch Konzeptkunst. Worüber soll man jetzt mehr lachen - über Museumsleute, die gutgläubig so viel Geld aushändigen, oder über eine Scharlatanerie, die als Kunst etikettiert wird? Haanings dreister Coup ist jedenfalls nicht ohne Vorbilder.
Hier weiterlesen: Kunst muss weg - warum Kunstwerke von Banksy verhüllt werden.
Bild im Schredder
Der mysteriöse Kunststar Banksy sorgte 2018 für einen Skandal, als sich sein Bild „Girl With Baloon“ bei einer Auktion automatisch selbst zerschredderte. Eine europäische Sammlerin hatte das Bild gerade bei Sotheby´s in London für 1,1 Millionen Pfund ersteigert, als sich die Leinwand plötzlich senkte und durch einen unten am Rahmen angebrachten Schredder lief. Kunst als Geldvernichtung statt Werterhalt: Die Aktion warf ein grelles Schlaglicht auf den Kunstmarkt und sein Verhältnis zu den Superreichen, die prominente Kunstwerke jagen, als Luxusaccessoire und als stabile Wertanlage. Hier weiterlesen: Künstler prellt Museum um 70000 Euro.
Kaputtes Bild noch mehr wert?
Die Geschichte des Banksy-Bildes geht indessen weiter. „Girl With Balloon“ wird am 14. Oktober 2021 erneut versteigert. Sotheby's rechnet bei der Auktion mit einem Erlös von vier bis sechs Millionen Pfund (4,66 bis 7 Millionen Euro). Wetten, dass diese Schätzung noch übertroffen werden wird? Der Medienhype sorgt wohl dafür, dass das zerfetzte Bild am Ende mehr sein wird als das intakte, das es einmal war. Ein Widersinn? Nicht unbedingt. Der Wert eines Kunstwerkes hängt nicht am Wert des Materials, sondern am Wert medialer Aufmerksamkeit. Für Banksy gilt das auf jeden Fall.
Kann das alles weg?
Ob Banksy oder nun Haaning - solche Fälle bestätigen landläufige Urteile über moderne Kunst. Ist das überhaupt Kunst oder kann das weg? Der Kunsthistoriker Christian Saehrendt veröffentlichte 2012 ein Buch zur Geschichte der Documenta mit diesem Titel, der schnell in den allgemeinen Wortschatz einging. Ist das Kunst oder kann das weg? In dieser Frage steckt der Vorwurf, dass Kunstwerke eigentlich nur als wertvoll deklarierter Müll seien. Putzfrauen schrubbten 1973 in Leverkusen eine mit Mullbinden und Heftpflastern versehene Badewanne sauber. Sie hatten übersehen, dass es sich um ein Kunstwerk von Joseph Beuys handelte. Jahre später sorgte wieder Beuys für Krach. Das Münchener Lenbachhaus erwarb seine Installation „Zeige Deine Wunde“ 1979 für damals unfassbare 270.000 DM. Der Erwerb sorgte für eine bundesweite Debatte um den, so Kritiker, teuersten Sperrmüll aller Zeiten.
Streit um leeres Bild
Viel Geld für scheinbar nichts: Das provoziert regelmäßig Gelächter. Es scheint zu bestätigen, was viele für ausgemacht halten: Moderne Kunst ist Etikettenschwindel, leere Effekthascherei. So wie in Yasmina Rezas Erfolgsstück „Kunst“, das seit seiner Uraufführung 1994 zum modernen Klassiker avanciert ist. Die Hauptfigur ist ein Bild, „weiß mit weißen Streifen“. Drei Freunde, Marc, Yvan und Serge, zerstreiten sich, weil einer von ihnen, Serge, für die weiße Leere unfassbar viel Geld bezahlt hat. Kunst ist nichts als eine leere Behauptung - auch dieses Urteil ist Allgemeingut, nicht erst seit Rezas „Kunst“.
Der Klau heißt Konzept
Jens Haaning, der dreiste Künstler aus Dänemark, erneuert jetzt das Thema. Er nennt seinen Klau kurzum Konzept, adelt auch noch den Diebstahl zur Kunst. So ganz unrecht hat er nicht einmal, meint doch Konzeptkunst eine Kunst, die ohne Werk auskommt, weil sie eine Idee zur Kunst erklärt. Eine Idee hatte Haaning auch. Betrug ist aber Betrug und nicht durch Kunstfreiheit gedeckt.
Wer ist ein Kurator?
Der schlitzohrige Gauner macht sich zunutze, was Stärke und Schwäche der zeitgenössischen Kunst zugleich ist - die Dehnbarkeit ihrer Begriffe. Mit Konzept lässt sich viel bezeichnen, ebenso wie mit Objekt, Installation oder Diskurs. Und geht nicht auch jeder, der ein Bild an die Wand hängt, schon gleich als Kurator durch? Diese und weitere Begriffe zeigen, dass Kunst inzwischen überall ist und unser Leben prägt. Aber das ist ein anderes, großes Thema. Möge der selbsternannte Konzeptkünstler aus dem Norden bald gefasst werden. Dann kann er noch einmal ganz genau erklären, was es mit seiner Konzeptkunst auf sich hat.