Osnabrück
Macho trifft #MeToo: Ist James Bond auch nur ein Vergewaltiger?
Vor der Premiere des neuen 007-Films „Keine Zeit zu sterben“ hat Regisseur Fukunaga kritisiert, der frühe James Bond sei „im Grunde ein Vergewaltiger“ gewesen. Ist es so einfach? Eine Expertin sagt: Es ist komplizierter.
Als der bislang letzte 007-Film „Spectre“ 2015 in den Kinos anlief, war die Hollywood-Welt noch „in Ordnung“ - wenn man den schönen Schein der Vor-#MeToo-Ära so nennen will. Sechs Jahre später muss sich auch der berühmteste Macho der Filmgeschichte einer Sexismus-Debatte stellen. Cary Fukunaga, Regisseur des neusten Films „Keine Zeit zu sterben“, hat den Bond der 1960er-Jahre unverblümt einen „Vergewaltiger“ genannt.
Physischer und psychischer Zwang
In seinem Verhalten gegenüber Frauen ließ James Bond früher öfter nicht nur seinen Charme spielen, sondern setzte auch physischen und psychischen Zwang ein, um zu bekommen, was er wollte. Die Filmwissenschaftlerin Elena Fingerhut von der Uni Paderborn, die sich in Forschung und Lehre mit dem Popkultur-Phänomen 007 beschäftigt hat, stimmt Fukunaga daher zu. Als Beispiel zieht sie eine Szene aus „Goldfinger“ (1964) heran, in der sich Bond (Sean Connery) Pussy Galore (Honor Blackman), einer Gehilfin seines Gegenspielers, aufdrängt.
„Das ist im Grunde eine Vergewaltigung“, sagt Fingerhut. Erschwerend komme hinzu, dass Pussy Galore tendenziell homosexuell sei: „Die Figur kann als lesbisch gelesen werden, und durch seinen Übergriff 'korrigiert' Bond hier ihre vermeintlich sexuelle Andersartigkeit.“
Ambivalentes Frauenbild
Zugleich ist Pussy Galore ein gutes Beispiel für die Ambivalenz des Bond-Frauenbilds: Am Ende muss sie den hilflosen James vor dem Superschurken retten. Generell gilt: „Die Filme müssen differenziert betrachtet werden“, betont Fingerhut. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Erwartungen seien die weiblichen Rollen zum Teil progressiver angelegt, als es damals üblich war. Das „Heimchen am Herd“ taucht jedenfalls kaum auf.
„Sicher waren die Frauenfiguren in den Bond-Filmen der 60er- bis 80er-Jahre zum Teil ihrer Zeit voraus: Sie verkörpern Unabhängigkeit, sind selbstbestimmt sexuell aktiv, sind berufstätig im weitesten Sinne und haben ähnliche oder ebenbürtige Fähigkeiten wie Bond“, führt die Expertin aus: „Aber wir dürfen auch nicht darüber hinwegsehen, dass Bond in den frühen Filmen Frauen schlägt.“
So etwas wäre heute auf der großen Leinwand undenkbar. Doch gänzlich unproblematisch ist die Darstellung der Geschlechter auch jetzt nicht. Zwar würden die Frauenrollen seit den 1990ern zunehmend einen höheren Realitätsanspruch haben. „Das hat etwas Emanzipatives“, gesteht Fingerhut der Reihe zu:
Selbst als Bond in der Zeit von „Goldeneye“ (1995) bis „Skyfall“ (2012) eine weibliche M (Judi Dench) als Chefin vorgesetzt bekam, konnten sich die Drehbuchautoren von Geschlecherstereotypen nicht ganz lösen: M tritt mit Kurzhaarfrisur und Whisky-Schwenker betont männlich auf, wird aber zugleich erkennbar als Mutterfigur inszeniert. Und wie selbstverständlich muss er sie im entscheidenden Moment schützen und retten.
„Judi Dench konnte nicht einfach Chefin sein, sondern musste zusätzlich in die Mutterrolle fallen“, analysiert Fingerhut Ms ersten Auftritt: „Sie darf Bond zwar zu Beginn wie einem ungezogenen Jungen vorhalten: 'Sie sind ein sexistischer Dinosaurier.' Aber gleichwohl ist es Bonds taktisches Vorgehen, das am Ende zum Ziel führt.“
Was hat sich unter Craig verändert?
In der zu Ende gehenden Daniel-Craig-Ära tauchen erstmals Frauen auf, die Bonds sexuellen Avancen widerstehen. Insbesondere die seit „Skyfall“ von Naomie Harris verkörperte Miss Moneypenny tritt, ganz anders als früher, trotz einiger schmachtender Blicke als selbstbewusster und eigenständiger Charakter auf.
Madeleine Swann (Léa Seydoux), Bonds Geliebte in „Spectre“ und auch „Keine Zeit zu sterben“, erscheint aber klassisch schwach. Tatsächlich findet sich in „Spectre“ sogar eine leicht modernisierte Wiederkehr des traditionellen Frauenbilds, das die alten Filme zugunsten von Bonds Promiskuität über Bord geworfen hatten: Am Ende fahren sie als Pärchen in den angedeuteten, eheähnlichen Ruhestand.
Der männliche Blick
In „Keine Zeit zu sterben“ wird immerhin Lashana Lynch als ebenbürtige Partnerin von Craig eingeführt. Bislang gleich geblieben ist aber der sexualisierte „männliche“ Blick auf das andere Geschlecht. „In der Tradition des klassischen Hollywood-Kinos hat sich früh eine Blickdramaturgie ausgebildet, die als aktiv männlich und passiv weiblich beschrieben werden kann“, erklärt Wissenschaftlerin Elena Fingerhut, exemplarisch deutlich gemacht an einem Bond-Klassiker: Ursula Andress in „Dr. No“ (1962).
Im Jubiläums-Bond „Stirb an einem anderen Tag“ (2002) wird die gleiche Szene noch durch Zeitlupe und die voyeuristische Verwendung eines Fernglases auf die Spitze getrieben:
Und so, wie Bond früher Honey Rider (Andress) oder Jinx (Halle Berry) anstierte, blickt er - und mit ihm suggestiv das Publikum - im Grunde auch noch in „Spectre“ auf Madeleine Swann:
„Dem Publikum wird unbewusst ein männlich konnotierter Blick angeboten, Frauen werden als passive Schauobjekte inszeniert“, sagt dazu Elena Fingerhut. Daran hat sich auch nach fast 60 Jahren Bond nichts geändert.