Osnabrück

Produktsicherheit: Handel fordert stärkere Überwachung von Geschäften im Netz

Nina Kallmeier
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Von Nina Kallmeier
| 28.09.2021 14:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
„Wir sind weiter online für sie da!“ steht an einer Schaufensterscheibe eines Modegeschäfts. (zu dpa «Bayerischer Handel erwartet Rekord bei Black Friday und Cyber Monday») +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Jens Kalaene
„Wir sind weiter online für sie da!“ steht an einer Schaufensterscheibe eines Modegeschäfts. (zu dpa «Bayerischer Handel erwartet Rekord bei Black Friday und Cyber Monday») +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Jens Kalaene
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Um dem Wachstum im Onlinehandel Herr zu werden, fordert der Handelsverband Deutschland eine digitale Ertüchtigung des Zolls. Ein Gespräch mit HDE-Vize Stephan Tromp über digitalen Handel, Marktplätze und Produktsicherheit.

Herr Tromp, die Corona-Pandemie hat dem Onlinehandel einen enormen Schub verpasst - auch in Bereichen, wo vorher stiefmütterlich bestellt wurde wie dem Lebensmittelhandel. Setzt sich diese Dynamik fort?

Die Dynamik ist unverändert. Wir gehen davon aus, dass Händler in diesem Jahr insgesamt 87,1 Milliarden Euro Umsatz (ohne Umsatzsteuer) über den Verkauf im Netz generieren werden. Das wäre noch einmal ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Pandemie hat viele stationäre Händler erstmals ins Internet gebracht. Allerdings nimmt insgesamt die Bedeutung eines eigenen Onlineshops ab. Stattdessen steigt vor allem die Bedeutung von Marktplätzen als Vertriebskanal.

Ist Amazon hier weiterhin der Platzhirsch?

Wenn man den Onlinehandel insgesamt betrachtet, ist Amazon mit einem Marktanteil von rund 50 Prozent weiter der Platzhirsch. Allerdings macht das eigene Geschäft nur rund 20 Prozent aus. Den übrigen Umsatz generieren andere Unternehmen, die Amazon als Marktplatz nutzen, darunter sehr viele Mittelständler. Interessant ist, dass in unserer aktuellen Umfrage unter Unternehmen, die Marktplätze nutzen, Ebay sogar noch häufiger als Amazon als Verkaufskanal genannt wurde.

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Was macht Ebay so interessant für den Mittelstand?

Ebay engagiert sich stark, unter anderem mit dem bundesweiten Projekt „Ebay, deine Stadt“. Hier gibt das Unternehme seine Gatekeeper-Funktion auf und erlaubt es den mittlerweile 20 teilnehmenden Städten und Kommunen, lokale Online-Marktplätze auf dem eBay-Marktplatz einzurichten, wo der Kunde dann wählen kann, ob er online bestellt oder doch das Produkt im stationären Handel direkt kauft. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Sind Online-Shops auf solchen Plattformen für den Handel relevanter als der eigene Online-Shop? Immerhin geht die Zahl der eigenen Shops zurück.

Ein Online-Shop ist unheimlich aufwändig und kapitalintensiv. Die Entwicklung, dass die Zahl der eigenen Shops gemessen an der Zahl der Händler, die online verkaufen, abnimmt, sehen wir seit 2010. Das liegt auch daran, dass immer mehr kleinere Händler online gegangen sind. Sie haben nur eine Chance, wenn sie über einen Marktplatz verkaufen.

Sie haben das Ebay-Projekt angesprochen: Braucht es Marktplätze auf kommunaler Ebene?

Ich bin da skeptisch. Was für den stationären Handel die Lage ist, ist für den Onlinehandel die Reichweite. Und genau die fehlt den lokalen Marktplätzen. Auch in dem Projekt kommt die Reichweite letztlich über Ebay. Wird die lokale Variante gespielt, funktioniert das nur, wenn die Stadt den Marktplatz als Stadtportal betrachtet und auch die Verwaltung darüber kommunale Dienstleistung anbietet und Dienstleister wie Friseure mit einbezogen werden. Dann entsteht ein lokales digitales Zentrum, wenn man so will. Nationale und internationale Marktplätze sind für den Händler deutlich attraktiver, da sie über den eigenen Kirchturm hinaus eine Reichweite bieten.

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Wird das Thema Marktplatz für Händler in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen?

Ich denke ja. Die Modelle werden jedoch diverser. Amazon hat den Full-Service-Gedanken. Zalando entwickelt sich zur Plattform und setzt auf connected retail. Öffnet sich also für stationäre mittelständische Händler, die einem ohnehin textilaffinen Publikum selbstständig ihr Sortiment anbieten. Ich gehe davon aus, dass der Marktplatzgedanke weiter wachsen wird.

Wie sieht es denn mit Social Commerce aus - also den integrierten Shopping-Möglichkeiten über Instagram, TikTok und Co.

Social Commerce wird immer wichtiger, da muss man nur nach Asien schauen. Die Videoplattform Douyin, die chinesische Schwester des auch in Deutschland so beliebten Tiktok hat im vergangenen Jahr bereits einen E-Commerce-Umsatz von umgerechnet 65 Milliarden Euro gemacht. Wenn Amazon nicht aufpasst, könnte diese Form der Kundenbindung auch ihnen möglicherweise gefährlich werden.

Wenn man über Onlinehandel spricht, geht es auch schnell um Produktsicherheit. Gerade bei Bestellungen aus Asien.

Zumal sich mehr als die Hälfte der Kunden nicht immer bewusst ist, dass ihre Bestellung aus Asien kommt, wie unsere aktuelle Umfrage zeigt. Das gilt insbesondere für den Social Commerce. Pakete, die aus Drittstaaten in die EU kommen, werden viel zu wenig kontrolliert. Das liegt auch an der schieren Masse. Laut Zollgeneraldirektion werden allein an deutsche Haushalte schätzungsweise pro Jahr mehr als 300 Millionen Pakete aus Nicht-EU-Staaten geschickt.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte, um die Verbrauchersicherheit zu erhöhen?

Die seit Mitte Juli geltende Europäische Marktüberwachungsverordnung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sie legt unter anderem fest, dass Online-Marktplätze für die angebotenen Produkte haften. Das gilt nicht für alle Produkte, ausgenommen sind unter anderem Textilwaren. Insofern muss das künftig ausgeweitet werden. Zusätzlich muss der Zoll und die Marktüberwachung digitaler werden, um mit dem Wachstum im weltweiten E-Commerce Schritt halten zu können - zum Wohle des Kunden. Das gilt nicht nur für Deutschland.

Was bedeutet das genau?

Es muss möglich sein, jedes Paket, das in die Europäische Union hineinkommt, über einen RFID-Chip oder die Mehrwertsteueridentifikationsnummer maschinenlesbar auf dem Paket zu kontrollieren. Nur so können bestehende Gesetze auch durchgesetzt werden. Verbraucherschutz und fairer Wettbewerb hängen eng miteinander zusammen. Auch muss die Marktüberwachung in Deutschland stärker den Online-Handel kontrollieren. Die Marktüberwachung in den Bundesländern zieht lieber im stationären Handel Proben als Online-Testkäufe vorzunehmen. Wir brauchen hier zentrale Strukturen, die eine Überwachung des weltweit agierenden Online-Handels ermöglichen. Daher muss die digitale Ertüchtigung des Zolls und der Marktüberwachung auch Teil des Koalitionsvertrags einer neuen Regierung werden.

Wir haben jedoch auch in der Pandemie gesehen, wie schleppend die Digitalisierung voran geht…

Das ist ein langfristiges Ziel. Aber wenn man es erreichen will, müssen die ersten Schritte gemacht werden. Das ist bei den Parteien unstrittig und wir erwarten, dass die Politik dieses Thema auch auf die europäische Ebene tragen wird. Aus Sicht des Verbraucherschutzes und für einen fairen Wettbewerb braucht es diese Maßnahmen.

Der E-Commerce ist seit Jahren Treiber des Einzelhandelsumsatzes. Wir nachhaltig ist das zusätzliche dynamische Wachstum in der Pandemie?

Der Umsatz, der in der Pandemie vom stationären Handel ins Netz abgewandert ist, kommt nicht 1:1 zurück. Was man auch nicht unterschätzen darf: Durch Corona ist eine Klientel ins Onlinegeschäft gewechselt, die früher nicht dort war. Sie haben den Onlinehandel quasi gelernt. Meine Prognose ist: Versorgungskäufe werden weiter in den Online-Bereich abwandern. Wenn es um das Shoppen geht, Emotionen im Spiel sind, da wird der stationäre Handel auch weiter seine Stärken ausspielen können.

Auch das Lebensmittelgeschäft im Netz ist seit 2020 gewachsen. Wird auch hier die Dynamik bleiben?

Lieferdienste sind zu Corona-Zeiten mit der Auslieferung kaum hinterhergekommen. Wie sich das Geschäft weiterentwickelt, wird man sehen. Das Online-Geschäft macht nur rund 2 Prozent des Gesamt-Food-Umsatzes aus. Das liegt auch an der extrem guten Infrastruktur des Lebensmittelhandels in Deutschland. Die Motivation, online zu bestellen, ist also nicht so ausgeprägt. Das wird oft unterschätzt. Plus: Der Lebensmittelhandel in Deutschland ist sehr preissensibel und die großen Akteure tarifgebunden. Das bedeutet auch, dass es im Onlinegeschäft schwierig wird, eine Marge zu verdienen, die die Logistikkosten deckt.

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