Bundestagswahl
Der CDU fehlt im Kreis Aurich ein Zugpferd
Die CDU ist im Landkreis Aurich mächtig unter die Räder gekommen. Sie hat deutlich stärker verloren als auf Bundesebene. Die SPD dagegen reitet auf der Erfolgswelle.
Aurich/Wiesmoor - Die SPD in Sektlaune, die CDU in Sack und Asche: So stellt sich nach der Bundestagswahl die Stimmung in Aurich und Umgebung dar. Die SPD hat überall kräftig zugelegt, in Wiesmoor sogar fast zweistellig. Dort kletterten die Sozialdemokraten bei den Zweitstimmen auf 42,3 Prozent (2017: 33,8 Prozent). Das beste Ergebnis erzielte die SPD mit 47,8 Prozent in Südbrookmerland, ihrer traditionellen Hochburg. In Aurich wurde sie mit 37,3 Prozent stärkste Kraft (plus 6,3 Punkte).
Hat es am Bundestrend gelegen? Am Zugpferd Johann Saathoff? An lokalen Themen? Vielleicht an allem ein bisschen. Auch Erfolg ist nicht immer leicht zu erklären. Johannes Kleen aus Wiesmoor ist Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion und gehört dem Rat seiner Heimatstadt an. Seine Erklärung für den kräftigen Zuwachs: „Das ist das Ergebnis des Zusammenhalts und der ruhigen und gelassenen Art und Weise, wie die SPD in Wiesmoor in den vergangenen Jahren agiert hat. Das war immer meine Linie, auch auf Kreisebene.“
„Wir haben einen super Wahlkampf gemacht“
Man dürfe sich nicht anstecken lassen „von irgendwelchen Fake News und populistischen Dingen“, sagt Kleen. „Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Das ist der Grundstein für alles: Sachlichkeit und eine vernünftige Art, miteinander umzugehen.“ Der Wiesmoorer hatte den Vorsitz der SPD-Kreistagsfraktion vor zweieinhalb Jahren von dem umstrittenen Landtagsabgeordneten Jochen Beekhuis aus Großefehn übernommen, der durch die Chat-Affäre in die Schlagzeilen geraten war. Beekhuis hatte Frauen, Schwule und Übergewichtige beleidigt und ist inzwischen aus der Partei ausgeschlossen worden.
Helene Krull-Weber ist Vorsitzende des SPD-Stadtverbandes Aurich und mit dem Wahlergebnis rundum zufrieden. „Wir haben einen super Wahlkampf gemacht. Die Leute waren alle sehr zufrieden und haben gesagt: ,Wir drücken euch die Daumen.‘“ Nicht nur der Direktkandidat Johann Saathoff aus Pewsum, auch der Auricher Landtagsabgeordnete Wiard Siebels habe sich reingehängt.
„Nicht den Kopf in den Sand stecken“
Bei der CDU hingegen ist nach zweistelligen Verlusten Wundenlecken angesagt. Allzu lange dürfe man sich damit aber nicht aufhalten, meint Klaus-Dieter Reder. Er ist Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes Wiesmoor. In seiner Heimatstadt ist die CDU bei der Bundestagswahl extrem abgeschmiert: von 33,2 Prozent der Zweitstimmen auf 20,4. „Erst mal hängt das natürlich mit dem Bundestrend zusammen“, sagt Reder. „Das hat uns an der Basis sehr zugesetzt.“ Dass es in Wiesmoor besonders durchgeschlagen habe, liege am starken SPD-Kandidaten Johann Saathoff.
Anders als im Landkreis Leer fehle es der CDU im Landkreis Aurich an gestandenen Persönlichkeiten wie Gitta Connemann oder Ulf Thiele, „die seit Jahren etabliert sind“. Das seien dann auch Zugpferde. „Machen wir uns nichts vor“, sagt Reder. „Unsere Region ist einfach sehr stark SPD-geprägt.“ Da könne man auch einen Zaunpfahl rot anstreichen und zur Wahl stellen. „Das bedeutet aber jetzt nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken“, betont Reder. „Ich hoffe, dass das ein Weckruf für die Bundes-CDU ist.“
Auf einen solchen Weckruf hofft auch der Auricher CDU-Fraktionschef Arnold Gossel. Die Spitze der Bundes-CDU brauche eine komplette Erneuerung und Verjüngung. In der Stadt Aurich haben die Christdemokraten ähnlich stark verloren wie in Wiesmoor: Sie stürzten von 32,7 auf 18,9 Prozent der Zweitstimmen ab. „Das Ergebnis ist eine Katastrophe“, sagt Gossel. „Da gibt es nichts zu beschönigen. Wir müssen jetzt überlegen, was wir falsch gemacht haben und was wir vor Ort besser machen können.“ Aber auch die Unzufriedenheit mit dem Kanzlerkandidaten Armin Laschet sei im Wahlkampf vor Ort ein Thema gewesen. Der CDU-Kandidat Dr. Joachim Kleen aus Großheide habe es schwer gehabt. „Politik ist wie Sport. Es macht nur Spaß, wenn man gewinnt.“