Osnabrück

Berlins Humboldt-Forum und die hässliche Fratze des Kolonialismus

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 24.09.2021 17:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Mittelpunkt der Kontrovferse um Kolonialismus und Humboldt-Forum: Das Prachtboot von den Luf-Inseln. Foto: Stefan Boness/Ipon via www.imago-images.de Foto: Stefan Boness/Ipon via www.imago-images.de
Im Mittelpunkt der Kontrovferse um Kolonialismus und Humboldt-Forum: Das Prachtboot von den Luf-Inseln. Foto: Stefan Boness/Ipon via www.imago-images.de Foto: Stefan Boness/Ipon via www.imago-images.de
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Berlins Humboldt-Forum zeigt völkerkundliche Sammlungen. Die Debatte um Raubkunst des Kolonialismus bleibt blass. Dabei müsste es um sein Erbe gehen. Im Supermuseum bleibt es bei Beschwichtigungen.

Wir mögen die Masken aus Kamerun oder Papua-Neuguinea als exotisch, gar bizarr bestaunen - was uns mit ihnen in aller Fremdheit ebenso anschaut, ist die eigene Geschichte. Und die erzählt von Raub, Gewalt und europäischer Überheblichkeit. Das Berliner Humboldt-Forum eröffnet schrittweise seine Sammlungen. Manche Spötter witzeln schon über Berlins nächste Endlosbaustelle. Viel wichtiger: Exponate, die bislang im Abseits der Dahlemer Sammlungen schlummerten, sind jetzt in Berlins Mitte, ja in den Scheinwerferkegel der Weltöffentlichkeit gerückt. Dort bezeugen sie das fatale Erbe des Kolonialismus. Die Vitrinenwelt des Museums sieht hübsch übersichtlich aus. Masken, Totems und Kultobjekte, insgesamt rund 10000 Exponate in der neu eröffneten ethnografischen Sammlung. Zugleich verweist jedes dieser Stücke aber auf Verwicklungen einer hässlichen Historie. Hier weiterlesen: Besuch im Schlossneubau - wie gut funktioniert das Berliner Humboldt-Forum?

Blick auf eigene Zivilisation

Der Besucher schaut nun nicht einfach hinaus in die Fülle der Weltkulturen, er blickt vor allem der eigenen Zivilisation ins Angesicht. Und die kommt einem spätestens jetzt ebenso verzerrt und geisterhaft vor wie eine Kultmaske aus Afrika mit ihren grotesken Zügen. Das Prädikat „primitiv“, das Kolonialherren und Völkerforscher einst Kulturen Afrikas oder Ozeaniens selbstherrlich anhefteten, fällt mit einem Mal auf Europas koloniale Vergangenheit zurück. Hier weiterlesen: Das Berliner Humboldt-Forum und Debatten um Kolonialismus.

Gewalt und Ausbeutung

Das Berliner Humboldt-Forum bewirkt eine gewaltige kulturelle Schubumkehr, weil es mit jedem Exponat von jener Gewalt und Ausbeutung berichtet, die ihm unvermeidlich anhaftet. Das neue Berliner Supermuseum sollte nach dem Willen seiner Macher kein Museum des Kolonialismus sein. Es wäre aber besser, dieses Thema offensiver anzugehen. Ausweichen gilt im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr.

Kostbarer Thron gegen Orchestrion

Auf diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung, das Humboldt-Forum im Nachbau der alten Hohenzollern-Residenz zu etablieren, einfach nur fatal. Das beste Beispiel liefert der Thron Mandu Yenu, den der König Njoya des damaligen Königreiches Bamum im Hochland des heutigen Nordwest-Kamerun in Westafrika 1908 Kaiser Wilhelm II. zum Geschenk machte. Njoya gab den kultisch verehrten Unterpfand seiner Macht her, um den neuen Machthabern zu gefallen, und erhielt im Gegenzug ein Orchestrion und eine Kürassieruniform.

Fasziniert und beschämt

Abgesehen von diesem ungleichen Tausch - was ist von einem Geschenk zu halten, das unter dem Zwang kolonialer Herrschaft, also nicht aus freien Stücken gemacht werden konnte? Jetzt steht dieses Zeugnis wilhelminischer Selbstherrlichkeit im Klon der alten Preußenresidenz. Dem Betrachter bleibt vor diesem Thron wohl, im gleichen Moment ästhetisch fasziniert und moralisch beschämt zu sein. 

Wie in Tschernobyl?

Bénédicte Savoy trat 2017 aus dem Expertenbeirat des Humboldt-Forums mit dem Hinweis, das Projekt erinnere sie an den havarierten Atomreaktor von Tschernobyl: lauter verstrahltes Material unter einer hermetischen Bleidecke. Der Protest Savoys, einer Expertin für Fragen des Kunstraubs aus Kolonien, lastet bis heute schwer auf dem Humboldt-Forum. Ob Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, oder Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums - die Museumsplaner agieren hinhaltend, wenn es um die Frage der Rückgabe von Kunstobjekten aus ehemaligen Kolonien geht. Die einschlägige Debatte läuft am Humboldt-Forum vorbei.

Forum in der Defensive

 Den besten Beleg lieferte kürzlich der Historiker Götz Aly mit seinem Buch über das Prachtboot von der Südseeinsel Luf. Er deckte auf, wie das prunkvolle Fahrzeug, heute ein Vorzeigestück des Museums, den Ozeaniern wirklich abgenommen wurde. Diese Enthüllungen brachten die Lenker des Humboldt-Forums in die Defensive - wieder einmal. Die imperiale Architekturhülle des Humboldt-Forums erweist sich bei den anstehenden Debatten als kontraproduktiv. Das gebaute Zitat einer kontaminierten Geschichte weist zurück in eine problematische Vergangenheit, aber nicht nach vorn in eine Zukunft ohne koloniale Ausbeutung. Es scheint auch, als habe das Haus noch nicht die richtige Sprache im Umgang mit dem eigentlichen Thema seiner Sammlungen gefunden. „Koloniale Verflechtungen“: Solche Worthülsen bei den Beschriftungen verdecken eher, als dass sie aufklären.

Debatte beginnt erst

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die neue Sammlungspräsentation im Humboldt-Forum eröffnet. Ein Signal für Selbstzufriedenheit darf das nicht sein. Die eigentliche Debatte beginnt gerade erst. Sie kreist um Kolonialismus und jenes Denken in Kategorien der Ausbeutung und des Ressourcenverbrauchs, das zu aktuellen Krisen entscheidend beigetragen hat. Das Humboldt-Forum in der Hauptstadt sollte zum Ort solcher Debatten werden. Dann wäre es gelungen.

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