Kritik
Urlauber: Barrierefreiheit endet bei den Toiletten
Eine Rollstuhlfahrerin aus Süddeutschland hatte große Probleme, bei ihrem Urlaub in Norden und Neßmersiel geeignete Toiletten zu finden. Woran lag das und wird schon etwas dagegen getan?
Norden/Neßmersiel - Karin Thomas ist laut ihrem Mann Ulrich zu 100 Prozent schwerbehindert und auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. Das hatte dem Ehepaar aus Jettingen (Region Stuttgart) kürzlich große Probleme bereitet, als die beiden Urlaub in Ostfriesland machten, berichten sie unserer Zeitung. Dabei meinen sie vor allem die in ihren Augen zu geringe Zahl an barrierefreien Toiletten in Norden und Neßmersiel – gerade in der Gastronomie.
Mit der Ferienwohnung in Neßmersiel sei zwar alles in Ordnung gewesen und auch ansonsten werbe die Tourismusregion Ostfriesland mit ihren behindertengerechten Angeboten. Auch gebe es ein paar barrierefreie Toiletten. Diese befänden sich im Falle von Neßmersiel aber im Hafen und nicht direkt im Ort. In Norden fehlten sie vor allem entlang der Fußgängerzone und man müsse schon zum Marktplatz ausweichen, wo es sie beim dortigen Café, beim Rathaus und in der Ludgerikirche gebe, kritisiert der 72-Jährige.
Alte Konzessionen und Denkmalschutz werden zum Problem
Die 69-jährige Karin Thomas leidet unter mehreren schweren Erkrankungen und muss mit ihrem Rollstuhl direkt in die WC-Räume fahren. Deren Türen sollten 90 Zentimeter breit sein und im Inneren werden Haltegriffe benötigt, erklärt Ulrich Thomas. Daran scheitere es ebenfalls manchmal, wenn Lokale behindertengerechte Toiletten ausweisen würden. Oder es fange schon damit an, dass die Rampe in das Gebäude zu steil sei.
Birgit Kolb-Binder ist die Vorsitzende des Bezirksverbands Ostfriesland des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga). Auf den Fall angesprochen, sagt sie, dass Restaurants und Cafés inzwischen komplett barrierefrei sein müssen. Die Regelung greife aber nur dort, wo neue Konzessionen ausgestellt werden. Handelt es sich um Traditionsgaststätten, die seit langer Zeit von denselben Personen geführt werden, müssen diese nicht nachrüsten. Ein weiteres Problem gerade in einer sehr alten Stadt wie Norden sei der Denkmalschutz, der es schwierig mache, bei den Behörden Genehmigungen für den Umbau zu bekommen. Kolb-Binder betont jedoch, dass jeder Gastgeber wolle, dass sich seine Kunden wohlfühlen und auch insgesamt betrachtet in Ostfriesland viel unternommen werde, um die Region möglichst barrierefrei zu machen.
Tourismus GmbH verweist auf ihr Infomaterial
Das versichern auch weitere Ansprechpartner, die unsere Zeitung zu diesem Thema kontaktiert hat. So verweist die Geschäftsführerin der in Leer ansässigen Ostfriesland Tourismus GmbH, Imke Wemken, auf das Zertifikat „Reisen für alle“, das mehrere Orte auf der ostfriesischen Halbinsel führen dürfen. Es sei bei jedem Angebot wichtig, nicht nur anzugeben, ob es barrierefrei ist, sondern auch, was das im konkreten Fall bedeutet. Die Voraussetzungen, mit denen die Betroffenen umgehen können, würden nämlich von Person zu Person schwanken, weiß Wemken.
Man sei stets darauf bedacht, weitere touristische Anbieter für das Thema Barrierefreiheit zu sensibilisieren und die Bedingungen würden besser und besser werden. Im Vergleich mit anderen Tourismusregionen in Niedersachsen sei man diesbezüglich landesweit führend. Auch erkundete kürzlich die Rollstuhl-Bloggerin „Wheelie Wanderlust“, alias Kim Lumelius, die Region im Auftrag der Tourismus-Gesellschaft. Abschließend verweist Wemken auf die Website der Ostfriesland Tourismus GmbH, wo ein eigener Bereich zum Thema Barrierefreiheit mit Übersichtskarten zu finden ist. Abrufbar ist er hier: http://go.zgo.de/6n0pv.
Günther Ulferts ist der Norder Beauftragte für Menschen mit Behinderung. Er versichert: „Die Stadt Norden gibt sich sehr große Mühe, in all ihren Gebäuden eine entsprechende Toilette vorzuhalten. Dies gelingt leider in einigen der historischen Gebäude nur bedingt und ist nicht immer zufriedenstellend.“ In der Gastronomie gelte die Barrierefreiheitspflicht für alle Baugenehmigungen nach dem Jahr 2002. Von Feriengästen, die über fehlende barrierefreie Toiletten klagen, wisse er zwar nichts, „aber natürlich würden sich auf Nachfrage alle ein viel größeres Angebot in Norden-Norddeich wünschen.“ Auch er selbst würde sich wünschen, dass die Stadtverwaltung etwas unternehme, damit Geschäfte, Cafés und Restaurants barrierefreier werden. „Dabei sind mir natürlich die Grenzen, finanzieller und baulicher Art, durchaus bewusst.“