Washington
So rechnen US-Medien mit Bundeskanzlerin Merkel ab
Die Wahlen in Deutschland spielen in den US-Medien nur eine untergeordnete Rolle. Manche Kommentatoren meinen: „Die Welt wird Merkel nicht vermissen.“
Die Bundestagswahlen spielen in den US-Medien nur eine untergeordnete Rolle. Schließlich haben es die Vereinigten Staaten schon immer bevorzugt, intensiv Nabelschau zu betreiben und die Vorgänge im Rest der Welt in ihrer Bedeutung zu minimeren.
Und Probleme haben die USA zweifelsohne genug: Ein starrköpfiger Teil von Impfgegnern sorgt dafür, dass viele Kliniken weiter an der Belastungsgrenze im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie stehen. An der Südgrenze spielt sich ein Migranten-Drama ab, das das Weiße Haus schlecht aussehen lässt. Und in manchen Metropolen wie Chicago bekommen die Behörden die Mordraten, die oft auch Jugendliche als Opfer sehen, einfach nicht in den Griff.
Bundestagswahl in TV-Sendern kaum Thema
Der Blick nach Deutschland spielt sich deshalb vor allem auf den analytischen Seiten von Tageszeitungen und Magazinen ab, während die TV-Sender das Thema gerne ignorieren. Doch wenn sich politische Experten dem ungewissen Wahlausgang und dem Abschied von der Kanzlerin widmen, so findet man immer wieder pointierte Ansichten.
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„The Atlantic“: Die Welt wird Angela Merkel nicht vermissen
Wie im politisch unabhängigen und viel beachteten Magazin „The Atlantic“ beispielsweise, wo Autor Yasha Mounk - ein Professor der Johns Hopkins Universität und Mitglied des „Council on Foriegn Relations“, jetzt zu dem provokativen Fazit kam: Obwohl der Abschied von der Bundeskanzlerin als historischer Moment daher komme, werde die Welt Angela Merkel nicht vermissen.
Merkel sei zwar an Humanität und Menschenrechten in ihrer langen Amtszeit gelegen gewesen, schreibt der Autor. Doch sie habe viel zu wenig getan, um diese zu verteidigen. Die nächste Person im Kanzleramt werde wahrscheinlich weiter diplomatische Gespräche mit einem Mangel an Nachfolgeaktionen kombinieren und bereit sein, ebenfalls „verrottete Deals mit Autokraten“ abzuschließen.
Mounk fügt dann hinzu, dass Merkel nur wenig Ambitionen hatte, ihre eigene politische Agenda zu definieren. Stattdessen habe sie die großen Debatten ihrer Regierungszeit solange ausgesessen, bis klar gewesen sei, in welche Richtung der Wind wehe.
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Und auch nach Merkel werde sich nicht viel in Deutschland ändern: Alle drei Spitzenkandidaten der großen Parteien seien Propagandisten eines starken Wohlfahrtsstaates, die zwar die USA als engen Verbündeten betrachten, aber keine Lust hätten, Deutschland mit stärkeren Militärausgaben zu einem ernstzunehmenden „Player“ auf der Weltbühne zu machen.
„WSJ“: Merkel hinterlässt hinterlässt abgekühlte Beziehungen
Auch das „Wall Street Journal“ stellt der scheidenden Bundeskanzlerin nicht gerade ein überschwänglich positives Zeugnis aus. Merkels politisches Vermächtnis seien auch „abgekühlte transatlantische Beziehungen“, schrieb das Blatt am Mittwoch. Die Allianz, die einst die USA und Europa eng verbunden habe, sei vor allem durch Jahre der Herausforderungen - inklusive des Umgangs von Deutschland mit China und Russland - geschwächt worden.
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Die Entfremdung habe sich auch durch kuriose Vorgänge manifestiert, so die New Yorker Zeitung. So habe Präsident Joe Biden nach seinem Wahlsieg seinen ersten Anruf der Bundeskanzlerin widmen wollen, um deutlich zu machen, dass man nach den Turbulenzen der Ära Trump zur Normalität zurückkehren wolle. Doch Merkel habe - so hätten es Eingeweihte geschildert - den beabsichtigten Anruf an einem Freitagnachmittag abgelehnt, weil sie lieber freie Zeit auf ihrem Landsitz bei Berlin verbringen wollte.
„WaPo“ schaut auf den „stolpernden Erben“ Laschet
Die „Washington Post“ konzentrierte sich beim Wahl-Thema darauf, wie Merkel in den letzten Tagen noch versuchte, dem CDU-Spitzenkandidaten auf die Beine zu helfen. Das Hauptstadt-Blatt sprach dabei mit Blick auf Armin Laschet und dessen Endspurt wenig wohlwollend von einem „stolpernden politischen Erben“, der mit seiner Performance auch die Hinterlassenschaft der Kanzlerin bedrohe.
Diesen Aspekt beleuchtet auch der wirtschaftlich orientierte Sender CNBC. Er formulierte jetzt in einer Analyse: Die Mehrheit der Europäer und auch der Deutschen rechneten damit, dass das „goldene Zeitalter“ - also der deutsche Einfluss und die Machtposition in Europa - mit dem Abschied von Merkel zu Ende gehen werde.
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