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So denken die Kinder der Merkel-Ära

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Von den Redaktionen
| 23.09.2021 19:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Kanzlerin verabschiedet sich. Foto: Markus Schreiber/AP/POOL/dpa
Die Kanzlerin verabschiedet sich. Foto: Markus Schreiber/AP/POOL/dpa
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Sie kennen nur Angela Merkel als Kanzlerin. So denken die Kinder der Merkel-Ära: Junge Ostfriesen reden über Politik und ihre Erwartungen.

Ostfriesland - Als Angela Merkel 2005 Bundeskanzlerin wurde, waren sie kleine Kinder oder noch nicht geboren. Von Gerhard Schröder, Helmut Kohl oder Helmut Schmidt haben viele Jugendliche wahrscheinlich gehört – aber erlebt haben sie in dem Amt nur Merkel. Eine Welt ohne die Kanzlerin kennen diese jungen Leute nicht.

Nun – nach 16 Jahren – wird diese Zeit enden. Unsere Zeitung hat das zum Anlass genommen, Jugendliche in Ostfriesland zu fragen, was sie mit der Ära Merkel verbinden. Welche Wünsche und Erwartungen sie an den Nachfolger haben. Eins vorweg: Einig sind sich die jungen Ostfriesen nicht. Allerdings erhoffen sich viele von ihnen mehr Politik für die Jugend.

Aiko von der Lage, 17 Jahre, Norden

Aiko von der Lage
Aiko von der Lage
Aiko von der Lage aus Norden verbindet mit der Ära Merkel eine Zeit, in der viele Krisen bewältigt wurden – auch die Flüchtlingskrise. „Es war gut, dass die Menschen aufgenommen wurden“, sagt der 17-Jährige. Das entspreche dem christlichen Grundgedanken. Auch mit der Finanzkrise sei die Noch-Bundeskanzlerin gut umgegangen.

Von ihrem Nachfolger oder ihrer Nachfolgerin erhofft sich von der Lage jedoch „neuen Wind und neue Chancen“. Vor allem im Bereich Digitalisierung. „Da muss es vorangehen.“ Zwar sei auch der Umweltschutz wichtig, aber es bringe nichts, sofort alles Umweltschädliche zu verbieten, solange es noch keine wirklichen Alternativen gebe, meint der 17-Jährige. Ein Beispiel sei die Elektromobilität, auf die die neue Regierung schrittweise umstellen müsse. Von der Lage findet, dass auf Wasserstoffantrieb und nicht auf Batterien gesetzt werden sollte. Deren Herstellung sei nicht nachhaltig genug und man beute dafür Menschen in anderen Ländern aus.

Jette Rademacher, 15 Jahre, Wiesmoor

Jette Rademacher
Jette Rademacher
Die 15-jährige Jette Rademacher spricht von „Mutti Merkel“, die „uns immer durch viele Krisen gebracht hat. Und obwohl viele gegen sie sind, finde ich, hat sie ihr Bestes gegeben und dadurch zumindest meinen größten Respekt.“ Außerdem findet Rademacher, dass Merkel als erste Bundeskanzlerin den Feminismus gestärkt hat – das findet die junge Wiesmoorerin gut.

Vom neuen Kanzler/von der neuen Kanzlerin erwartet die 15-Jährige, dass Klima-, der Umwelt- und der Tierschutz ernst genommen werden. „Und natürlich, dass Gutes für Deutschland getan wird. Aber auch die Leidenden sollten nicht vergessen werden.“ Unabhängig von Herkunft, Religion oder Lebensverhältnissen: Der Nachfolger sollte für alles und jeden offen sein, und „vor allem mit der Bevölkerung zusammen arbeiten“, findet Rademacher.

Naomi Kalu, 17 Jahre, Emden

Naomi Kalu
Naomi Kalu
„Ausschlaggebend ist für mich ihre Rolle als ,Mama Merkel‘, wie sie sogar im Ausland bekannt ist“, sagt Naomi Kalu aus Emden. Im Vergleich zu den anderen Kanzlern habe die erste Kanzlerin eigentlich nichts Besonderes erreicht, erklärt die 17-Jährige. „Aber der Job ist nicht einfach. Und sie hat emotional mehr vermittelt.“

Für die Nachfolge hat Kalu klare Vorstellungen. Sie hofft, dass es eine Nachfolgerin wird und diese mehr für das Klima tut. Außerdem wünscht sich die junge Emderin eine Politik für junge Menschen und politische Bildung für jeden, „denn sonst bringt das Wahlrecht nichts“.

Sascha Brinkmann, 14 Jahre, Emden

Sascha Brinkmann
Sascha Brinkmann
Sascha Brinkmann kommt ebenfalls aus Emden. Für ihn habe Merkel nie wirklich im Vordergrund gestanden, sagt der 14-Jährige. Nichtsdestotrotz habe die Bundeskanzlerin aber einen guten Job gemacht. „Es waren ein, zwei Fehler dabei – aber die macht ja jeder.“ Für die nächste Zukunft erhofft er sich, dass es weniger Lobbyismus gibt und mehr für die junge Generation, das Schulsystem und auch für Sozialschwache getan wird. „Ich bin für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens“, sagt der 14-Jährige.

Damian Thiemann, 16 Jahre, Borkum

Damian Thiemann
Damian Thiemann
Der 16-jährige Damian Thiemann ist Schülersprecher der Inselschule Borkum. Für ihn bedeutet die Bundestagswahl, dass sich viel in diesem Land ändern wird. Sehr wahrscheinlich könne man mit einer großen Umstellung rechnen, wenn die Politiker sich an ihre eigenen Versprechen halten, sagt er. „Ich erhoffe mir von der zukünftigen Kanzlerin oder dem zukünftigen Kanzler, dass sie oder er sich mehr für die Jugendlichen einsetzt und dass ihnen auch ein Platz in der Politik geboten wird, da die Jugendlichen in der Zukunft mit deren Entscheidungen leben müssen.“ Sie oder er solle sich auch für die Wahl ab 16 Jahren einsetzen.

Zum Abschied der Kanzlerin sagt er: „Irgendwie ist es schon komisch, dass man jetzt nicht mehr Frau Merkel im Fernsehen oder bei der Neujahrsrede sieht.“ Dabei sei es aber gut, wenn sich mal etwas ändere und man erkennen könne, was falsch laufe. „Denn jeder hat eine andere Meinung, wie man ein Land regiert und wofür man sich einsetzt.“

Katja Peper, 21 Jahre, Ostrhauderfehn

Katja Peper
Katja Peper
Seitdem sie denken könne, sei Angela Merkel Bundeskanzlerin, sagt Katja Peper aus Ostrhauderfehn. Zu Beginn sei Merkel für sie eine Politikerin wie alle anderen gewesen. „Politik hat mich nicht wirklich interessiert, nicht zuletzt durch die Schule, die das Thema eher uninteressant verpackt hat. Es war weit weg für mich“, sagt die 21-Jährige. Erst mit der Zeit und den Diskussionen in ihrem Verein Peer-Leader-International in Ostrhauderfehn habe sie angefangen, sich für Politik zu interessieren. „Ich erkannte schnell, dass man nicht daran vorbeikommt, wenn man strukturell was verändern möchte.“

Ungefähr ab 2013 habe sie Merkel als sehr diszipliniert, ruhig und gelassen aber auch menschlich und nahbar wahrgenommen. „Das zeigen meiner Meinung nach die Geflüchteten-Krise 2015 sowie die aktuelle Pandemie gut“, sagt die 21-Jährige. „Aber auch ihre andere Seite, die humorvolle, spaßige Merkel, beispielsweise zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 machte sie dann im Gesamtpaket zur ‚Mutti‘ von Deutschland“, so Peper. Merkel habe in sich als Person alles vereint, was Peper sich persönlich von einer Kanzlerin oder einem Kanzler wünsche.

Anneke Pollmann, 18 Jahre, Aurich

Anneke Pollmann
Anneke Pollmann
Ruhe und Gelassenheit verbindet Anneke Pollmann aus Aurich mit Angela Merkel. „Ich finde, sie strahlt immer etwas Mütterliches aus wie ,Alles gut, es wird schon‘“, so die 18-Jährige. Gleichwohl findet sie, dass es an der Zeit für einen Umbruch ist. „Merkel hat faktisch bei vielen Problemen nichts getan, um sie zu lösen, wie zum Beispiel bei der Klimakrise.“ Für Pollmann ist es wichtig, dass der nächste Bundeskanzler oder die nächste Bundeskanzlerin einen Umbruch wagt und nicht so weiter macht.

Thorben Sommer, 17 Jahre, Westerholt

Thorben Sommer
Thorben Sommer
Der 17-jährige Thorben Sommer ist mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin groß geworden, wie er selbst sagt. „Man merkt immer ihre Ruhe. Sie hat nicht alles perfekt gemacht, es gibt viel zu kritisieren. Aber sie hat die Stabilität und den Zusammenhalt im Land gewahrt“, erklärt der Jugendliche aus Westerholt. Er erwartet, dass diese Stabilität so gut wie möglich bewahrt wird. Der Nachfolger solle versuchen, die Ruhe selbst zu bleiben – „auch im Gespräch mit Leuten, die nicht gerade ,beste Freunde‘ sind“. Sommer selbst hofft ganz offen, dass nicht der CDU-Kandidat Armin Laschet Kanzler wird. Und: „Besonders bei Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) sollte oberste Priorität der Klimaschutz bei den politischen Entscheidungen haben. Das Wichtigste ist, die Klimakrise zu bewältigen.“

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