Osnabrück

Der Clan vom Dorf: Jetzt spricht Familie Z. aus Ostercappeln

Mohamed Amjahid
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Von Mohamed Amjahid
| 20.09.2021 11:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 22 Minuten
Ein Bild aus Kindertagen der Brüder Hadi und Osman Z.. Heute stehen sie als mutmaßliche Clankriminelle im Fokus von Polizei und Justiz. Foto: Foto: Reiß/NWM-tv
Ein Bild aus Kindertagen der Brüder Hadi und Osman Z.. Heute stehen sie als mutmaßliche Clankriminelle im Fokus von Polizei und Justiz. Foto: Foto: Reiß/NWM-tv
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Seit Jahren stehen die Brüder Z. aus Ostercappeln in Niedersachsen im Fokus von Polizei und Justiz. Sie sollen Clan-Kriminelle sein. Jetzt brechen Hadi Z. und seine Familie ihr Schweigen. Sie sehen sich als Opfer.

Hadscha* Z. nimmt eines der alten Bilder auf dem Esstisch in die rechte Hand, führt es wenige Zentimeter an ihre dicken Augenringe heran. Ihre Stimme stockt abrupt. Sie lächelt.

Auf dem Bild sitzt sie als junge Mutter mit langen schwarzen Haaren in einem blau-funkelnden Kaftan neben ihren beiden jüngsten Söhnen Hadi und Easman, genannt Osman. Die Kinder sind identisch gekleidet: weißes Hemd, etwas zu üppig geschneidertes, schwarz-weiß kariertes Jackett, eine Fliege, Topfhaarschnitt. Der Tisch ist mit Cola-Dosen geschmückt, in der Mitte thronen zwei fette Sahnetorten - eine mit fünf, die andere mit drei Kerzen verziert. Der Auslöser der Kamera wurde betätigt als Mutter und Söhne zum Auspusten ansetzten.

„Meine Babys waren unzertrennlich“, sagt sie. „Sie haben sich sehr geliebt. Sie waren gute Kinder. Ich weiß gar nicht, wie es so weit kommen konnte, dass beide nun getrennt in Gefängnissen sitzen.“ 

Hadscha Z. weint, während sie diese Worte sagt. Sie trocknet ihre Wangen mit den langen Ärmeln ihres schwarzen Gewands ab. Ihre Söhne könnten - je nachdem wie der Prozess am Landgericht gegen sie ausgeht - mehrere Jahre hinter Gittern eingesperrt bleiben. Wie konnte es so weit kommen? Das fragt sich die Mutter jeden Tag und jede Nacht. Auch weil es auf diese Frage keine einfachen Antworten gibt.

Im Wohnzimmer der polizeibekannten Familie Z.

Das Gespräch findet statt im Wohnzimmer einer der polizeibekanntesten Familien Niedersachsens. Dies ist eine Geschichte über den Kampf gegen sogenannte Clankriminalität in Deutschland, über eine „Null-Toleranz-Politik“ gegenüber sogenannten arabischen Großfamilien, die in einigen Fällen, so die Kritik, mehr als nur über die Stränge schlägt. 

Glaubt man manchen Innenministern und Innenpolitikern in Deutschland sollen viele, die entsprechende Nachnamen tragen, eine der größten Bedrohungen für die innere Sicherheit und die freie Gesellschaft in diesem Land sein.

Wer sind also diese Menschen, denen die Politik, Sicherheitsbehörden und Staatsanwaltschaften mit voller Härte begegnen? Wer ist diese Familie Z.? Und wie konnte aus dem dreijährigen Hadi mit dem Topfhaarschnitt ein Vierteljahrhundert später ein, wie die Staatsanwaltschaft nahelegt, mutmaßlicher Schwerkrimineller werden?

Hadscha bedeutet Pilgerin und ist auf Arabisch eine respektvolle Ansprache für eine ältere Dame. Der Vater der Familie wird demnach Hadsch* genannt. Er sitzt neben seiner Frau im Wohnzimmer des Hauses in Ostercappeln. Er klammert sich an seinen Rollstuhl, überprüft, dass sein Katheter am Urinbeutel richtig angebracht ist, hebt den rechten Finger und bringt erstmal kein Wort über die Lippen. 

Hadsch Z. zittert stark. Seitdem er mehrere Schlaganfälle erlitten hat, kann er nur noch abgehackt sprechen. Deswegen übersetzt seine Tochter für ihn, wenn er mitten im Satz aufgibt. Die 41-Jährige pflegt ihre betagten Eltern und spielt, wie alle Frauen in dieser vertrackten Familiengeschichte, eine wichtige Rolle.

Im Jahr 1990 flüchtete Hadsch Z. mit seiner Frau und seinen vier Kindern aus dem Libanon. Zehntausende verließen damals im Zuge des Kriegs zwischen libanesischen Kräften und der israelischen Armee die Region, viele von ihnen waren Jahrzehnte vorher schon staaten- und rechtlos geworden. Die Gewalt und die Hoffnung auf ein besseres Leben trieben sie zur Flucht. 

Sie leben heute in ganz Europa verstreut. In Deutschland vor allem in den vier Bundesländern Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Berlin - laut Innenministern heute die Hotspots sogenannter Clankriminalität.

Der Verteilerschlüssel für Geflüchtete loste für die Familie Z. Niedersachsen als neue Heimat aus. Sie ließen sich im Landkreis Osnabrück nieder, genauer gesagt in der kleinen Gemeinde Ostercappeln. Wenige Monate nach ihrer Ankunft kam Osman, annähernd exakt zwei Jahre später Hadi hier zur Welt. 

Von Geburt an staatenlos

Die beiden jüngsten Söhne feierten also schon immer gemeinsam in Deutschland Geburtstag. So wie auf dem alten Bild aus dem Jahr 1995. Dabei gab es bei der Familie wenig zu feiern: Alle Mitglieder lebten und leben seit ihrer Ankunft oder Geburt als Staatenlose mit Dauerduldungen in Deutschland, sie dürfen nicht arbeiten, keine Ausbildung machen, nicht studieren, nicht wählen, nicht heiraten, nicht frei reisen, zumindest offiziell wenig besitzen.

Für einen gewissen Wohlstand im Dorf im Osnabrücker Land reichte es dennoch schnell. Die Familie kaufte Ende der Neunziger Jahre das Haus, in dem sie bis heute leben, laut eigenen Angaben für 30.000 D-Mark. „Das Geld habe ich mühsam gespart“, sagt Hadsch Z. aufgeregt im Wohnzimmer, „es war eine Bruchbude. Ohne Dach!“ Er schnappt nach Luft. 

Der Vater renovierte es zusammen mit seinen älteren Söhnen und Freunden, erklärt seine Tochter. Heute gleicht das großzügige Grundstück einer Festung. Aus dem Wohnzimmerfenster sind der große Garten und ein zwei Meter hoher Zaun zu sehen, der besser als durchgehende Mauer aus grauem Kunststoff beschrieben werden kann.

Warum hat sich die Familie eingeschlossen? „Kamerateams filmen in unser Haus, ohne vorher zu fragen. Spiegel TV war auch da“, sagt die Schwester. Sie hätten dann diesen Zaun als Sichtschutz gebaut. Schlimmer als die vielen Journalisten seien aber die Razzien gewesen: Dutzende Polizisten seien  ins Haus gestürmt. Sie hätten Türen demoliert. „Beamte schrien mich an, seitdem kann ich nicht mehr normal schlafen und muss Tabletten nehmen“, sagt Hadscha Z..

Ihre Tochter kramt aus der Küche einen dicken Ordner hervor. Es ist ein Gutachten, das die Familie selbst in Auftrag gegeben hat. Dort sind Bilder des demolierten Hauses vom Sommer 2019 zu sehen. Im Wohnzimmer ist die Decke komplett heruntergerissen. Überall liegt Schutt. Beamte schlitzten das Sofa auf, warfen Möbel um. Ein spektakulärer Polizeieinsatz, der in der Region Aufsehen erregte. Es war aber nur einer von vielen im Zusammenhang mit den Z.s..

Denn die Familie steht schon länger im Fokus der Ermittler. Seit Jahren werden im Dorf groß angelegten Verkehrskontrollen mit Dutzenden Beamten durchgeführt. Angefangen hat es so richtig erst im Sommer 2019 mit einem Müllhaufen im Ostercappelner Wald.

Petra D. ist nicht nur die Nachbarin der Familie Z., sondern auch ihre Mieterin. Sie wohnt wenige Schritte von der Festung der Familie in einem anderen Haus, das der Tochter der Familie gehört. Im Juni 2019 soll aus diesem Haus heraus Bauschutt in einem nahegelegenen Waldstück illegal entsorgt worden sein. 

Laut Ermittlungsakten handelte es sich um drei leere Eimer, sechs leere Dosen, fünf leere Tuben Lack und Farbe, ein Drucksprühgerät, einige abgebrochene Fliesen und Steine und eine Abo-Zeitschrift mit der aufgedruckten Adresse von Petra D. Grund genug für die Polizei, ihr einen Hausbesuch mit einem Durchsuchungsbefehl zu erstatten. Heute ist bekannt, dass die Polizeiinspektion Osnabrück eine eigene Ermittlungskommission gründete: Die EK Bauschutt.

Petra D. schüttelt den Kopf. Sie hat eine laute, rauchige Stimme, sie trägt einen Pullover mit der neongelben Aufschrift „Good Girl“ und erzählt, wie mindestens acht „unfreundliche Polizisten“ Anfang Juli 2019 bei ihr im Haus standen. Sie habe Hadi Z. gerufen. Der habe sich mit den Polizisten gestritten. Hadi Z. wird kurze Zeit später Beamte im Wohnhaus seiner Familie stehen haben, denn im Fokus der EK Bauschutt stand er selbst und nicht der Müll im Wald.

Die niedersächsischen Sicherheitsbehörden hatten beschlossen, alle Register zu ziehen, die der Rechtsstaat bietet: Sie hörten Telefonate von Hadi Z. und seiner Familie ab, installierten Wanzen in einem Auto von seinem Freund René K., registrierten Mobilfunkdaten und erstellten Bewegungsprofile, analysierten Bilder von Überwachungskameras, befragten Dutzende Zeugen, intensivierten die verdeckten Ermittlungen, suchten nach Gründen, um eine Razzia im Haus der Familie durchzuführen. 

Gute Nachbarn und das „Klima der Angst“

Bei Nachbarn, die Kontakt zur Familie haben, wurden die Wohnungen durchsucht. In der Siedlung Bergfrieden in Ostercappeln liegen die Nerven blank. Auch, weil es nicht nur Fürsprecher der Familie gibt. Andere aus der Nachbarschaft sprechen von einem „Klima der Angst“, das von der Festung der Z.s ausgehe.

Auf einem Video, das Hadi Z. aufgenommen hat, ist zu sehen, wie mutmaßliche Beamte in zivil Überwachungsdrohnen über das Haus der Familie aufsteigen lassen, sich im nahegelegenen Wald verschanzen. Später wird mit diesen und vielen anderen Überwachungsmaßnahmen die Ermittlungsakte gegen die Familie mehr als 4000 Seiten umfassen. 

Darin ist gut dokumentiert, was Hadi Z. und seiner Familie von den Sicherheitsbehörden und der Staatsanwaltschaft vorgeworfen wird. Es besteht folgender Tatverdacht: „Durch die Ermittlungen des eingerichteten „EK Bauschutt“ (…) konnten bislang insgesamt 32 Straftaten ermittelt werden. (…) Es handelt sich um Fälle des besonders schweren Fall des Diebstahls, Wohnungseinbruchdiebstahl, sowie Raub und Schwerer Raub.“

Als Hauptverdächtige gelten: der vorbestrafte Osman Z. (als angeblicher Anführer der Bande), Hadi Z. (als Bruder des Anführers), ihre Schwester (als mutmaßliche Verwerterin des Diebesgutes), Rene K. (als mutmaßlicher Handlanger) und Anatoli N. (als ein weiterer mutmaßlicher Handlanger). Den Gesamtwert der Beute beziffern die Ermittler auf 400.000 Euro. 

Obwohl dem deutschen Rene K. und dem Deutschrussen Anatoli N. viele der 32 Straftaten zumindest mit zur Last gelegt werden, steht der Clan-Charakter im Vordergrund der Ermittlungen: Der Staat gegen die Familie Z., so könnte auch die Überschrift dieser Geschichte lauten. 

Der Schwester konnte bislang nichts nachgewiesen werden, zumindest reichten die Belege nicht, sie ebenfalls festzunehmen. Ihrem Bruder Osman droht als mutmaßlicher Kopf der Bande dagegen eine mehrjährige Haftstrafe, Hadi wird die Beteiligung an mehreren Verbrechen vorgeworfen. Der Prozess läuft seit einigen Wochen.

Bargeld, Kaffeeautomat, Korn

Die von den Sicherheitsbehörden zusammengetragene Liste der mutmaßlichen Straftaten ist lang: Da sind zum Beispiel Einbrüche in Kirchen an Weihnachten 2019. Zwar machten sie hier keine Beute. Dennoch spielen die Gotteshäuser in den Ermittlungsakten eine prominente Rolle. 

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juli 2019 sollen Mitglieder der Bande in einen Bettenladen in Paderborn eingebrochen sein, dort einen Kaffeevollautomaten, eine Digitalkamera und 1000 Euro entwendet haben. Einen Monat später sollen sie in einem anderen Bettengeschäft in Osnabrück 13.655 Euro in Bar gestohlen haben. 

Der Bande wird zum Beispiel auch vorgeworfen, aus Garagen Gartengeräte und Werkzeug, die Reifen von einem parkenden Auto oder Sneaker bei einem Einbruch in einem Privathaus entwendet zu haben. Nach einem Einbruch in einen Backshop in Steinfeld (Oldenburg) fehlten 1280 Euro in der Kasse und drei Flaschen Sputnik-Korn. Immer wieder, so die Ermittlungsbehörden, sollen bei den Einbrüchen mehrere Hundert bis Tausend Euro Sachschaden verursacht worden sein. 

Der schwerwiegendste Fall: Einer Rentnerin, die kurz vorher in Braunschweig 50.150 Euro bei einer Bank abgehoben hatte, wurde Ende März 2020 der Rucksack mit dem Geld aus ihrem Auto geraubt. Mit aller Kraft soll sich die Seniorin an den Rucksack geklammert haben. Doch der oder die Täter waren stärker.

„Die Deutschen wollen uns fertig machen“

„Jeder Mensch baut mal scheiße“, sagt Hadi Z.s Schwester. „Aber wir werden halt anders behandelt. Wir dürfen nichts im Leben und die Polizei wirft uns so viele Sachen vor, die wir nicht getan haben.“ Aus der Sicht der Familie gehe es nicht darum, was die Brüder gemacht haben oder nicht. „Die Deutschen wollen uns einfach fertig machen. Sie hassen uns. Sie führen Krieg gegen uns. Das ist so unfair“, sagt die Schwester.

Sie versucht erst gar nicht, sich und ihre Brüder als komplett unschuldig darzustellen. Und sie hat auch einen Grund dafür: Nach der Razzia bei Petra D. stehen Dutzende Beamte im Haus der Familie Z. in Ostercappeln mit einem gerichtlichen Durchsuchungsbeschluss. Sie finden dort den Kaffeevollautomaten, der zuvor im Paderborner Bettenladen entwendet wurde. Für die Ermittler ein voller Erfolg. 

Es folgte noch mindestens eine weitere große Razzia im Dezember. Osman und Hadi Z., Rene K. und Anatoli N. sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft. Die Brüder aus Ostercappeln sind zwischendurch sogar in Isolationshaft auf der Hochsicherheitsstation. 

„Mein Leben ist sinnfrei“

Es stellt sich für die Familie eine Frage, die einige Menschen in Niedersachsen und Deutschland provozieren könnte: Die nach der Verhältnismäßigkeit. „Selbst die israelischen Soldaten haben uns im Krieg mit Respekt und Menschlichkeit behandelt“, sagt Hadscha Z. auf Arabisch. Sie hatte behauptet, dass sie kein Deutsch verstehe, den Ausführungen ihrer Tochter auf Deutsch gelauscht. Es platzt dann aus ihr heraus: „Mein Sohn Hadi sitzt zu Unrecht im Gefängnis.“

Hadi Z. hat erstaunlich gerade und weiße Zähne. Wenn er lächelt kommt im grellen Neon-Licht sein symmetrisch angelegtes Gebiss voll zur Geltung. Seine hellbraunen Augen funkeln während er ins Mikrofon spricht. Eine Scheibe trennt ihn von seinem allerersten Besucher bisher im Gefängnis. Manchmal fährt er sanft mit seiner Hand über seinen langen Bart - den er, wie er später erklären wird, als Selbstverteidigung im Knast länger wachsen lasse. Er trägt ein original T-Shirt mit der Aufschrift „Versace“. Der 28-Jährige sitzt in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf am Rande von Göttingen.

„Mein größter Fehler“, sagt er, „war, dass ich in entscheidenden Momenten nicht Nein sagen konnte. Mein Leben ist so oder so sinnfrei.“ Er habe sich im Gefängnis für ein Beschäftigungsprogramm angemeldet. Dort kann man simple Arbeiten für Firmen verrichten, Dinge zusammenschrauben zum Beispiel. „Ich habe noch keine Antwort bekommen, ob ich das machen darf. Neulich lag ich in meiner Zelle und dachte: Zum ersten Mal in meinem Leben dürfte ich überhaupt legal arbeiten, dafür musste ich aber vorher ins Gefängnis wandern. Nichts macht Sinn.“

Ein Justizvollzugsbeamter sitzt neben Hadi Z., während er spricht, und passt auf. Unter den Beamten gibt es solche, die nicht gerecht finden, wie angebliche Clankriminelle wie Hadi Z. vom Staat behandelt werden. Unter ihnen sind aber auch viele, die für eine harte Bestrafung sind.

„Mein Nachname verfolgt mich überall hin. Ich hatte mal einen Ausbildungsplatz zugesichert bekommen, dann hat der Chef des Unternehmens doch einen Rückzieher gemacht“, erzählt Hadi Z. beim Treffen im Gefängnis. Der Chef habe beim Familiennamen Z. ein schlechtes Gefühl bekommen. „Ich werde anders behandelt, weil ich einen falschen Nachnamen trage. Das erste, was ich tun werde, wenn ich hier rauskomme, ist, meinen Nachnamen zu ändern. Ich kann nicht mehr so leben.“

Der gute junge Hadi

Während er spricht summt eine dicke Mücke um den Körper von Hadi Z. herum. Sie setzt sich vor seinen Händen auf den Tresen mit dem Mikrofon. Er rührt sich nicht. Spricht ruhig, konzentriert weiter. Hadi Z. wird von seiner Familie, seinen Anwälten, Freunden und Bekannten als äußert ruhiger und freundlicher Mensch beschrieben. Er sei Vegetarier und zumindest laut seinem Freund Jochen B. äußerst tierlieb. Hadi, so der Eindruck aus solchen Gesprächen, ist ein guter Junge. Es gibt aber auch solche, die genau das Gegenteil behaupten.

Am 16. Juli 2020 schreibt Hadi Z. von sich aus eine Email an den Reporter: „Ich möchte ein Interview geben, über meine Erfahrung mit der Polizei. Da mich und meine Familie diese Vorwürfe schwer in meinem alltäglichen Leben belasten.“ 

Kurz darauf folgt das erste Telefonat. Hadi Z. sagt, er stehe im Garten seines Elternhauses. Er erzählt atemlos von Drohnen über seinem Kopf. Beamte würden sich im Wald verstecken, um die Familie rund um die Uhr zu beschatten, er habe einen Ausbildungsplatz nicht bekommen. Ist das ein authentischer Hilferuf oder eine Inszenierung als Opfer?

Jochen B. ist einer der engsten Freunde von Hadi Z. Oft verbrachten die beiden in den vergangenen Jahren lange Wochenenden auf seinem Pferdehof bei Münster. Die Liebe zu den Tieren, sagt B., verbinde sie. Das hat auch die Polizei mitbekommen und so wie bei anderen Kontakten der Familie gab es auf dem Hof von Jochen B. eine Razzia im Sommer 2020 mit Dutzenden Beamten. Die Polizei fand jedoch nichts. Die Ermittlungen gegen die Familie Z. machen Jochen B. nur wütend.

Sein schwarzes T-Shirt hat er in seine schwarze Jogginghose gestopft, er richtet seine graue Wollmütze und sagt: „Sie stürmen Häuser, so wie die Gestapo damals.“ Zu dieser Aussage passt auch, dass der 56-Jährige eine Facebook-Seite mit dem Namen „Die neuen Kristallnächte in Deutschland“ betreibt. Der unsägliche historische Vergleich soll wohl seiner Fassungslosigkeit Ausdruck verleihen. 

Auf der Seite teilt er Artikel über Rechtsextremismus und Rassismus in der Polizei. Er kritisiert die Berichterstattung über Familie Z. als Lügen. Jochen B. ist auch empört darüber, dass die Polizei seine Telefongespräche mit Hadi Z. abgehört hat. Er weiß nicht, dass ein Großteil ihrer Telefonate, die von Dutzenden Beamten ausgewertet wurden, in den Ermittlungsakten als „belanglos“ bezeichnet werden.

Selbst im großen Saal des Landgerichts Osnabrück wächst diese Skepsis gegenüber Medien und Rechtsstaat. Als Hadi Z. vermummt und in Handschellen beim Prozessauftakt Anfang Juni 2021 den Saal betritt, fokussieren sich die Fotografen und Kameramänner auf ihn. Als wenige Minuten danach sein Mitangeklagter Rene K. auftaucht, ist das Medieninteresse geringer. Später werden auf allen Kanälen fast nur Bilder der Brüder Z. zu sehen sein.

Wegen der Corona-Hygieneregeln und der höchsten Sicherheitsstufe stehen nur wenige Plätze auf der Zuschauertribüne zur Verfügung, einer der Anwesenden an diesem Tag ist der ältere Bruder Bilal Z. Seine lässige Körperhaltung auf dem unbequemen Stuhl suggeriert: Ich nehme das hier nicht so ernst. In einer Pause spricht er laut auf Arabisch zum Reporter, so dass selbst die Richterin am anderen Ende des Saals böse Blicke rüberschickt.

„Dieser Prozess ist ein Witz, ein Theaterstück, eine Farce“, sagt Bilal Z. „Vierzig Verhandlungstage sind angesetzt, so als ginge es hier um eine Mordserie. Wo sind die Menschenrechte der Deutschen geblieben, wenn es um Araber geht? Ich nenne das Unrechtsstaat. Deutschland lebt hier seinen Rassismus aus, mehr ist das nicht.“ 

Mittlerweile wurde Hadi Z. vor Gericht im schwersten Fall, es geht um den Raub an der Rentnerin in Braunschweig, weitestgehend entlastet. Es liegen den Justizbehörden GPS-Daten vom Handy des Angeklagten vor, die mutmaßlich zeigen, dass Hadi Z. zu dieser Zeit nicht in Braunschweig gewesen sein kann. 

Diese gesammelten GPS-Daten sind an sich aber nicht neu. Die Familie Z. und ihre Anwälte beklagen, dass das Gericht und die Staatsanwaltschaft in diesem und anderen Fällen nicht sauber arbeiten würden und die Haftbedingungen besonders unmenschlich seien. Es gibt Berichte über Ungeziefer in der Zelle von Hadi Z..

Bei der Lektüre der Tausenden Seiten Ermittlungsakte fällt auf: Während bei den Brüdern Osman und Hadi Z. stets der Clan-Hintergrund betont wird und dies als Motiv für ihre mutmaßlichen Straftaten auszureichen scheint, spielen beim deutschen Angeklagten Rene K. aus der Perspektive der Ermittler andere Erklärungen eine Rolle. 

So werde Rene K. laut Darstellung der Sicherheitsbehörden von den Brüdern kontrolliert und handle kriminell, um seine 60.000 Euro Schulden abzubauen. Obwohl Rene K. mehr Straftaten zur Last gelegt werden, nimmt er deutlich weniger Raum in den Ermittlungen ein im Vergleich zu Hadi Z.. K. hat mittlerweile einige der ihm zur Last gelegten Straftaten gestanden. Seine Mittäter hat er aber nicht verraten.

Bei einem zweiten Besuch im Haus der Familie in Ostercappeln nach dem Prozessauftakt ist die Stimmung gelöst. Hadscha Z. sitzt diesmal im locker-sommerlichen Leopardenmuster-Look im Wohnzimmer. Hadi Z.s Schwester hat groß aufgetischt und schaufelt Hühnchenkeulen, Frikadellen, Reis und Salate auf original verzierte Versace-Teller. 

Mit dem Reporter setzt sie sich nach dem Essen auf die Terrasse im Garten. Sie zeigt auf das ungleichmäßig gemähte Gras: „Hadi hat das immer gemacht, ich kann das nicht so gut, habe mir immerhin große Mühe gegeben.“

„Nix dürfen wir machen“

Drinnen, vor ihren Eltern, spielt sie die starke Frau. Hier draußen im Garten kullern auch ihr die Tränen über die Wangen. In zwei extra beheizten, geräumigen Schuppen am Rande des Anwesens hielt ihr Bruder Hunde. Das Veterinäramt kam mit der Polizei vorbei und nahm die Tiere mit. Verstoß gegen das Tierschutzgesetz und illegaler Tierhandel, hieß es. 

„Nix dürfen wir machen“, seufzt die Schwester. „Wenigstens haben sie die kleine Taubenzucht von Hadi nicht angerührt.“ Eine Taube sei aber nach seiner Festnahme plötzlich gestorben. Sie wisse nicht, wie sie ihrem Bruder die traurige Nachricht beibringen soll.

Der Familie Z. wird auch Sozialbetrug vorgeworfen. Dabei geht es den Ermittlern darum, dass sie einfach zu viel besitzen würden, sagt die Schwester. Der Lebensstil passe nicht zu den offiziellen Einkommensverhältnissen. Die Familie hat zwei Häuser im Dorf und mindestens eine Wohnung in Osnabrück. In der Akte ist die Rede von Luxusurlauben der Brüder in Paris, Österreich und Griechenland. Extravagantes Geschirr, Kleidung und Accessoires. Allein die Kosten für die Anwälte, die die Familie beauftragt hat, gehen in die Zehntausende. Zwischendurch sollen einige Mitglieder der Familie Sozialleitungen kassiert haben.

Woher kommt das Geld?

Woher kommt all dieses Geld? Mit dieser Frage konfrontiert antwortet die Schwester von Hadi Z. mit einer Gegenfrage: „Wie können so ein paar Araber nur ein gutes Leben führen? Dieses Land will nicht, dass wir ein gutes Leben führen. Wenn wir arm wären, barfuß herumlaufen würden, dann wäre alles okay. Aber sobald ich ein bisschen Geld mache, egal wie, dann ist etwas falsch. Vor allem Osman hat deswegen eine eher kindliche Haltung zur Welt entwickelt: Jetzt erst recht!“

Um Hadi Z. zu verstehen, muss man auch Osman Z. betrachten. Die beiden Brüder sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Die Familie informiert, dass der 30-jährige Osman Z. anders als sein Bruder nicht mit dem Reporter reden möchte. Eins ist allerdings klar: Osman ist die Antithese von Hadi. 

Auf Fotos, die in den Akten zu sehen sind und die von seinem Handy stammen, posiert Osman Z. neben geschätzt 80.000 Euro in Bar. Er hat zuvor sein Bett und den Boden seines Schlafzimmers mit den unzähligen 100- und 200-Euro-Scheinen fein säuberlich ausgelegt. Man sieht seinen breiten Rücken und den trainierten Bizeps in einer Siegerpose. Auf anderen Bildern posiert er mit einer Waffe in einer Schießanlage , mit zwei Luxuswagen, mit einer schweren Goldkette, die so groß ist, dass das Versace-Logo den Betrachter förmlich anspringt.

Osman, so scheint es, spielt mit dem Image des Gangsters. Zumindest inszeniert er sich als Boss, so wird er von Bekannten auch genannt. Während sein Bruder Hadi den Gerichtssaal in Osnabrück beim Prozessauftakt vermummt, gebückt, ja ängstlich betreten hat, geht Osman mit erhobenem Haupt, eisernem Blick und nur mit einer dünnen OP-Maske vor Nase und Mund vor Gericht. 

So als würde er sagen wollen: Mir kann das alles nichts anhaben. So als würde er den Sicherheitsbehörden, Staatsanwälten und Journalisten in Niedersachsen die volle Ladung „4-Blocks“ geben wollen. So als wolle er der Öffentlichkeit zurufen: Ihr wollt den Clankriminellen aus den Serien und Filmen und Dokus sehen? Ihr bekommt ihn!

Osman auf den Bauch tätowiert 

Osman Z. umgibt sich wie die Kunstfiguren in den Serien gerne mit Frauen. So auch mit Christina B.*. Die junge blonde Deutsche war dermaßen von ihrer Beziehung zu Osman Z. überzeugt, dass sie seinen Namen groß auf ihren Bauch hat tätowieren lassen. Zu sehen ist sie bauchfrei neben ihrem Liebhaber bei einem Luxusurlaub im Juli und August 2020 auf der griechischen Insel Santorin. 

Mit einem gemieteten Lamborghini sei Osman Z. mit seiner Geliebten damals in den Süden gefahren. Die EK Bauschutt hat nachgeforscht: In den Akten steht, dass er für die zehnttägige Reise 4900 Euro bezahlt habe.

Die Familie Z. sagt, dass „diese Christina“ sich seit der Verhaftung von Osman Z. nicht hat blicken lassen. Die Schwester, die anscheinend nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihre Brüder seelisch pflegt, hofft aber sowieso, dass sich Osman ab jetzt auf eine andere Frau konzentriere. Eine, die ihm gut tue, die ihn von seinem Sein als „großes Kind“ abbringe und in die Realität des Lebens zurückhole.

Filiz T. und Osman Z. kennen sich seit ihrer Jugend. Die 31-Jährige arbeitete zuletzt ausgerechnet im Bettengeschäft, das die Bande mutmaßlich in Osnabrück ausgeraubt haben soll. Die Ermittler gingen zeitweise davon aus, dass Filiz T. den Einbrechern geholfen haben könnte, ließen aber von dieser These wieder ab: keine Beweise. Emotional steckt die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren und den symmetrisch gestylten Augenbrauen auf jeden Fall tief drin.

„Ich liebe Osman“

„Ja, ich liebe Osman. Deswegen mache ich das alles mit“, sagt Filiz T. in ihrem Kleinwagen, der Mitten im Wald im Schlamm steckengeblieben ist. Es nieselregnet und Filiz T. wollte dem Reporter die Stelle zeigen, wo sich die Polizisten wochenlang verschanzt haben sollen, um die Familie zu beschatten. „Das ist doch verrückt, was der deutsche Staat hier treibt. Osman und ich wollen heiraten, aber er darf nicht. Das ist unglaublich“, sagt sie und drückt auf das Gaspedal. 

Auch in ihrem Elternhaus, wo sie wohnt, gab es eine Razzia, dort fanden die Polizisten: nichts. Es braucht mehrere Anläufe bis es der kleine VW aus dem Schlamm heraus auf eine Wiese und dann auf die Bundesstraße Richtung Osnabrück schafft.

Auf dem Weg erzählt Filiz T., dass sie sich um viele Dinge kümmert: Sie liest die Lokalpresse, spricht mit den Anwälten, tröstet zusammen mit Hadis Schwester die Eltern Hadscha und Hadsch Z., kauft den Brüdern und Rene K. Kleidung und spricht eben auch mit dem Reporter ausführlich. „Wir haben Angst, dass Hadi, das nicht durchstehen wird“, sagt sie. 

Es fällt auf, dass sie nur dann über Osman spricht, wenn sie auf ihn angesprochen wird. Für sie alle steht Hadi im Mittelpunkt, der softe kleine Bruder, der maximal ein paar Dummheiten mitgemacht haben und wegen der Clan-Fixierung deutscher Politiker und Gerichte nun hart bestraft werden soll. So stellt es die Familie zumindest dar.

Zum Abschluss des Besuchs im Gefängnis eine Frage an Hadi Z.: Wen würden Sie am liebsten in den Arm nehmen? „Meine Schwester. Sie versteht mich. Ich vermisse sie sehr. Meine Mama auch natürlich. Sagen Sie ihr aber bitte nicht, dass ich meine Schwester als allererstes genannt habe.“

*Namen von der Redaktion geändert

(Weiterhören: Der Fall Z. im Podcast „Stadt Land Clan“)

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