Streit

Torfabbau treibt tiefe Gräben ins Dorf

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 18.09.2021 15:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Panoramablick über den Grünen Weg und die braune Wüste der aktuellen Torfabbauflächen dort. Weil diese in etwa drei Jahren abgetorft sind, sollen in der Nachbarschaft neue Flächen abgebaut werden. Foto: Cordsen
Ein Panoramablick über den Grünen Weg und die braune Wüste der aktuellen Torfabbauflächen dort. Weil diese in etwa drei Jahren abgetorft sind, sollen in der Nachbarschaft neue Flächen abgebaut werden. Foto: Cordsen
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Eigentlich sollten sich Marcardsmoorer bei einem Workshop mit Ideen in eine neue Lernwerkstatt Moor einbringen. Das kam aber gegenüber einem Grundsatzstreit über weiteren Torfabbau relativ kurz.

Marcardsmoor - Das Thema Torfabbau ist in Marcardsmoor ein bisschen wie ein Schwelbrand. Zuletzt hat er im übertragenen Sinne lange eher im Verborgenen gefressen. Am Donnerstagabend im Dorfgemeinschaftshaus aber brachen wild entflammte Diskussionen los und bittere Vorwürfe zogen wie beißender Qualm durch die Räume und erstickten die Chance, an etwas „weltweit Einzigartigem“ mitzuarbeiten, wie es Heike Brunken-Winkler, Biologin der Arbeitsgruppe für regionale Struktur- und Umweltforschung, nannte: Denn auf der Veranstaltung sollte es eigentlich darum gehen, welche Ideen Bürger einbringen möchten in eine Lernwerkstatt Moor, eingebettet in die Landschaft, „in der gleichzeitig die Entstehung des Moores, die Geschichte des Torfabbaus, die renaturierten Flächen und der aktuelle Abbau erlebbar werden“.

Damit lasse sich Marcardsmoor touristisch deutlich aufwerten, sagte sie, die in einem Team mit Geld aus EU-Töpfen gemeinsam mit einer Bürgerinitiative aus dem Dorf bereits Ideen vorbereitet und zur Diskussion gestellt hatte. Zur Mitarbeit daran, wie die Kulisse mit Leben gefüllt werden kann, war der Workshop angelegt. Lust dazu hatte aber nur ein Teil der Gäste, die sich dafür angemeldet hatten.

Torf-Abbauantrag liegt aktuell öffentlich aus

Warum? Im Wiesmoorer Ortsteil sollen ab Januar zwischen der Zweiten Reihe und dem Tannenweg weitere knapp 80 Hektar Hochmoorgrünland auf einer Gesamtfläche von etwa 100 Hektar über etwa 20 Jahre bis auf einen Resttorfkörper von etwa 50 Zentimeter Dicke abgetorft werden. Der Grüne Weg, über den Raupendumper bislang den Torf aus den bestehenden Abbauflächen in dem Gebiet zum Verladeplatz an der Wittmunder Straße bringen, soll mit fortschreitendem Abbau verlegt werden, damit größere zusammenhängende wiedervernässte Areale entstehen können. Weil die Strecken für den Torftransport zum Abladeplatz teils weit sein werden, soll auch wieder eine Lorenbahn zum Einsatz kommen. Aktuell sind die entsprechenden Unterlagen des Abbauantrages öffentlich in den umliegenden Rathäusern ausgelegt. Sie können auch online unter uvp.niedersachsen.de (Suchstichwort: Marcardsmoor) eingesehen werden. Dort können Betroffene auch noch bis zum 6. Oktober Einwendungen gegen die Pläne einreichen.

Vor Jahren noch waren im Ortsteil sogar mehr als 800 Hektar im Landesraumordnungsprogramm als Vorranggebiete für den Torfabbau vorgesehen. Nach wütenden Protesten von Dorfbewohnern mit dem Ziel jeglichen weiteren Raubbau und weitere braune Wüsten zu verhindern, einigte man sich auf einen Kompromiss, der in ein Integriertes Gebiets-Entwicklungs-Konzept (kurz: IGEK) mündete. Es begrenzt den Torfabbau auf elf Prozent der ursprünglichen Fläche – verbunden mit dem Versprechen, dass ausgekuhlte Flächen schnell wiedervernässt werden, die Lernwerkstatt Moor und ein eng damit verknüpfter Moorlehrpfad entstehen, der Ort über neue Radrouten touristisch angebunden und so touristisch aufgewertet werden soll.

Wie gut informiert waren die Anlieger?

Dieser Kompromiss ist seit Jahren ausgehandelt. Am Donnerstag nun sollten Anwohner sich im Dorfgemeinschaftshaus bei einem Workshop mit Ideen in die konkrete Ausgestaltung von Radrouten, Lernwerkstatt und Moorlehrpfad einbringen können. Doch zu konstruktiver Mitarbeit kam es nur bei einem kleinen Teil der Anwesenden, die stattdessen noch einmal ihrer Wut über den geplanten Abbau an sich Ausdruck verliehen. Die einstige Ortsvorsteherin Frieda Dirks wetterte mehrfach, die Anlieger seien außen vor gelassen worden, wichtige Informationen seien zurückgehalten worden. „Da passiert Erstaunliches“, sagte sie, schimpfte auf die Politik, die sich aus ihrer Sicht nicht gewehrt, den Torfabbau nicht verhindert und die Belange der Anlieger nicht berücksichtigt habe. Deren Flächen und Häuser seien durch die Entwässerung der Abbauflächen abgesackt, Mauerwerk reiße auf, weitere Gebäudeschäden träten auf, und der Ausblick auf braune Wüste hinter den Häusern schmälere deren Wert. Landwirt Wilhelm Brunen ereiferte sich über nach seiner Sicht illegal gezogene Entwässerungsgräben, die sein Land schon jetzt um anderthalb Meter hätten absacken lassen.

Andere Dorfbewohner unter den anfangs noch gut 30 Workshop-Teilnehmern konterten die Darstellungen insbesondere von Frieda Dirks. Sie selbst sei zur Vorstellung des IGEKs nach Hannover gereist, habe alle Infos gehabt und das Projekt gelobt. Die Marcardsmoorerin bestritt dies und schimpfte, sie sei insbesondere nach 2016, als sie ihr Amt als Ortsvorsteherin an Annemarie Martens habe abgeben müssen, vom Runden Tisch, der ihr Dorf vertritt, außen vor gelassen worden. Dem widersprachen andere Teilnehmer – darunter auch Martens – massiv, und Alt-Bürgermeister Alfred Meyer sagte: „Man kann doch nicht jedes Mal aufs Neue wieder alles infrage stellen. Und ohne diesen Kompromiss sähe die Situation hier ganz anders aus. Wir sollten das Gute, was sich daraus bietet, jetzt gestalten.“

Teile des Publikums verweigern Mitarbeit

Geplant sind in der Lernwerkstatt Moor samt Lehrpfad als außerschulischem Lernort und künftigem Ausflugsziel Areale, in denen gezeigt wird, auf welch verschiedene Weisen das Moor kultiviert oder ausgebeutet wurde, es soll Blühwiesen und einen Barfußpfad geben. Vogelwelt und Ökologie sollen erlebbar werden, von einem acht Meter hohen Turm aus soll man in wiedervernässte und Abbaugebiete gleichermaßen schauen können. Auch eine Erlebnisterrasse ist geplant. Teile der künftigen Abbaugebiete sollen im Hauruckverfahren nass gekuhlt werden, um sie umso schneller wiedervernässen zu können. Die als „Dritte Reihe“ geplanten Abtransportwälle sollen später begehbare Wanderwege werden. Klotzbeuten als uralte Form des Imkerns in alten Baumstämmen soll es ebenso geben wie einen Krickenten-Teich und den Nachbau eines auf Stelzen gegründeten alten Moorhauses.

Dies alles aber stieß Teilen des Publikums massiv auf. Immer wieder schritten die Moderatoren des Abends wie Ingo de Vries vom Landkreis Aurich ein, mahnten zur Mäßigung. Doch es brodelte weiter, die Schimpftiraden am Abend nahmen so großen Raum ein und zogen sich auch durch die Arbeit in den Einzelgruppen, dass die inhaltliche Arbeit an den Projekten, um die es an diesem Abend doch eigentlich gehen sollte, vergleichsweise kurz kam. Zahlreiche Gegner des Torfabbaus, die sich dafür angemeldet hatten, verabschiedeten sich teils wutschnaubend vorzeitig und verzichteten auf eine Mitarbeit. Der Umgang mit dem Torfabbau, so wirkte es an diesem Abend, hat das Dorf tiefer gespalten als irgendein Entwässerungsgraben in den Grund reicht.

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