Bundestagswahl

Keine Angst vor deutlichen Worten

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 16.09.2021 19:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Den Termin bei der Ostfriesen-Zeitung legte sie in die Mittagspause ihrer Wahlkampftour. Viel Ruhe gab es zwischen den Terminen nicht - dafür ein wenig bei den Fotoaufnahmen. Foto: Böning
Den Termin bei der Ostfriesen-Zeitung legte sie in die Mittagspause ihrer Wahlkampftour. Viel Ruhe gab es zwischen den Terminen nicht - dafür ein wenig bei den Fotoaufnahmen. Foto: Böning
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Die 39-jährige Richterin Sarah Buss aus Aurich will für die FDP in den Bundestag. Sie steht auf Platz 11 der Landesliste Niedersachsens und kämpft für jeden Prozentpunkt ihrer Partei.

Aurich - Ein Treffen an einem Lieblingsplatz? Dafür hat Sarah Buss keine Zeit. Die 39-jährige Strafrichterin am Amtsgericht Aurich ist im Wahlkampf und schiebt den Interviewtermin dazwischen. Sie ist in der Nähe und kommt in der Mittagspause vorbei. Den Wahlkampf nimmt sie ernst – sehr ernst. Ihre Hobbys haben Pause – für ihr Pferd hat sie eine Reitbeteiligung gefunden. Sarah Buss glaubt fest daran, dass sie auf Listenplatz 11 der FDP-Landesliste eine Chance auf einen Sitz im Bundestag hat. Mehr als 13 Prozent seien für die FDP möglich – dafür kämpft sie mit aller Kraft. Das hat sie schon im Juni bei der Abstimmung um den Platz auf der Landesliste angekündigt – und sie hält Wort.

Wenn es klappt, wäre sie innerhalb von drei Jahren durchmarschiert. So lange ist es her, seit sie in die FDP eingetreten ist. Bereits sechs Wochen später war Sarah Buss im erweiterten Landesvorstand der Partei. Dass es mit ihr und der FDP gut passt, wusste sie von Anfang an. Warum? Um die Frage zu beantworten, holt sie weit aus und beginnt bei ihrem Elternhaus. Ihre Eltern seien immer sehr liberal gewesen, jeder habe seine Meinung sagen können, ohne dass er darin begrenzt oder überzeugt wurde. Natürlich habe es Diskussionen gegeben, aber der Respekt für die andere Meinung sei immer da gewesen. Und genau das finde sie in der FDP. „Die FDP ist eine Partei, die sich immer wieder selbst hinterfragt“, sagt sie. In anderen Parteien gebe es keine so offene Diskussionskultur.

Berliner Politik kennt sie schon

Sarah Buss weiß, was sie will. Das Ziel ist klar, der Weg dorthin durchdacht. Wie die Politik in Berlin tickt, hat sie sich bereits mehrmals angesehen. Angst davor, was sie erwartet, hat sie nicht. Angst, ihre Meinung zu sagen, noch viel weniger. Wird sie gefragt, wer in der FDP ihr Vorbild ist – Christian Lindner oder Wolfgang Kubicki –, muss sie nicht nachdenken. „Ganz einfach: Ich bin Kubicki“, sagt Sarah Buss und lacht. Der FDP-Politiker und stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende ist bekannt für seine deutlichen Worte. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie auch nicht.

Strafrichterin Sarah Buss aus Aurich ist Bundestagskandidatin der FDP im Wahlkreis Aurich-Emden. Foto: Böning
Strafrichterin Sarah Buss aus Aurich ist Bundestagskandidatin der FDP im Wahlkreis Aurich-Emden. Foto: Böning

Für den Wahlkampf hat Sarah Buss Elternzeit genommen. Ihre eigenen Eltern und ihr Ehemann unterstützen sie. Die Eltern sind extra nach Aurich gezogen, wegen der Enkelin und wegen der politischen Karriere ihrer Tochter. Die Kandidatur ist ein Familienunternehmen. Anders ginge das nicht, ist Sarah Buss überzeugt. Ihre Mutter wird für die Enkelin in den Sitzungswochen da sein, wenn es mit dem Bundestag klappen sollte. Das ist alles geregelt. „Ich würde nicht kandidieren, wenn ich meine Tochter nicht in den besten Händen wüsste“, so Buss.

Der Spiegel des Volkes

Ihre größte Stärke sei, dass sie keine Politikerin sei und auch keine werden wolle. Berufspolitiker sein können andere – auch die seien wichtig. Das Parlament müsse aber ein Abbild der Gesellschaft sein, findet Buss: „Die Menschen im Parlament sollten auch andere Dinge gesehen haben. Dort müssten alle vertreten sein: Von Menschen ohne Arbeit bis zum Professor. Das Parlament muss das Volk widerspiegeln, und das ist im Moment nicht so“, sagt sie.

Es gebe viele Dinge, die sie ändern möchte. Wenn sie sich Berliner Politik angucke, sehe sie Politik von Städtern für Städter. „Das muss aufhören. Sie können ein städtisches Konzept nicht über den ländlichen Raum stülpen. Es muss regionale Unterschiede geben dürfen – und die müssen auch in Berlin wahrgenommen werden. Dafür benötigt man jemanden, der keine Angst vor Gegenwind hat – und so jemand bin ich.“ Genau das brauche Ostfriesland in Berlin.

Drei Fragen an ...

Sarah Buss, Bundestagskandidatin der FDP im Wahlkreis Aurich-Emden

Frage: Warum sollte man Sie wählen?

Sarah Buss: Weil man mit mir eine unabhängige berufstätige Mutter in den Bundestag schicken kann, die unsere Region mit einer festen Stimme vertreten wird. Ich habe schon allein als Strafrichterin von Berufs wegen keine Angst vor Gegenwind. Vor allem meine Unabhängigkeit ist ein Pfund, mit dem ich wuchern kann. Ich trete nicht an, um die Meinung der FDP zu vertreten. Ich trete an, um mit der FDP meine Meinung zu vertreten. Das ist etwas anderes und ich glaube, dass Politik das braucht.

Frage: Was tun Sie politisch und persönlich gegen den Klimawandel?

Buss: Persönlich haben wir uns mit einer Photovoltaikanlage ausgestattet. Wir fahren ein Hybridauto und ich selbst fahre aus voller Überzeugung einen neuen Diesel, weil ich lange Strecken zurücklegen muss. Von der Gesamtumweltbilanz der Technologie bin ich überzeugt. Wir versuchen auch, unserer Tochter etwas über Plastikmüll und Spielzeugüberschuss beizubringen, aber was das angeht, haben wir Verbesserungspotenzial. Politisch bin ich ein großer Verfechter der Wasserstofftechnologie. Ich glaube, dass die Zukunft darin liegt. Ich halte es für fatal und verblendet, auf eine Elektrotechnologie zu setzen, die in der Gesamtumweltbilanz keinen Sinn macht. Vielleicht verbessert sie sich in Zukunft. In einer Region wie unserer könnte man überschüssige Windenergie in Wasserstoff umzuwandeln. Das ist keine Science-Fiction – der Landkreis Friesland macht das seit Monaten. Der gesamte öffentliche Nahverkehr wird mit Wasserstoff aus überschüssiger Windenergie betrieben. Die haben es einfach gemacht.

Frage: Aurich, Emden, Norden: Welches ist für Sie die schönste Stadt und warum?

Buss: Das ist tatsächlich Aurich. Es liegt sicherlich daran, dass ich hier lebe. Mir gefällt die Mentalität der Leute: freundlich, nicht aufdringlich und nicht oberflächlich. Das möchte ich aber auch von keiner der anderen Städte behaupten. Emden hat nach den Schäden im Zweiten Weltkrieg nicht den schönsten Weg des Wiederaufbaus gewählt. Norden lerne ich gerade im Wahlkampf immer besser kennen. Ich glaube, dass das Potenzial des Tourismus in Norden noch nicht voll erkannt wird. Es gibt dort einen Kampf der Tourismuswirtschaft gegen Einheimische. Das ist sehr schade und man müsste die beiden Parteien zusammenbringen.

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