Bundestagswahl

Die Senkrechtstarterin will weitermachen

Imke Oltmanns
|
Von Imke Oltmanns
| 16.09.2021 15:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Siemtje Möller im Wahlkampf, hier vor dem SPD-Büro in der Wittmunder Fußgängerzone. Foto: Oltmanns
Siemtje Möller im Wahlkampf, hier vor dem SPD-Büro in der Wittmunder Fußgängerzone. Foto: Oltmanns
Artikel teilen:

Am 26. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Zehn Kandidaten wollen das Direktmandat für den Wahlkreis 26 (Friesland-Wilhelmshaven-Wittmund) holen. Heute: Die Titelverteidigerin.

Wittmund - Siemtje Möller geht als Titelverteidigerin in den nächsten Wahlsonntag. Die 38-Jährige gewann vor vier Jahren das Bundestags-Direktmandat im Wahlkreis 26 für die SPD und will das nun wiederholen. „Ich konnte zeigen, dass ich es wert bin“, sagt sie selbstbewusst. Die Parlamentserfahrung ist ohnehin ein Vorteil für die Sozialdemokratin: Keiner ihrer neun Mitbewerber um das Direktmandat ist oder war bisher Mitglied des Bundestags. Der Wahlkreis 26 umfasst die beiden Landkreise Friesland und Wittmund sowie die Stadt Wilhelmshaven.

Ein Maßstab für die Arbeit von Abgeordneten ist die Höhe der Fördermittel, die er oder sie in den eigenen Wahlkreis lenken kann. „Da knacke ich die 200-Millionen-Euro-Grenze“, sagt Möller. Damit liege der Wahlkreis 26 auch bundesweit ziemlich weit vorn. Das Geld sei in Museen und Sportstätten geflossen, in die Digitalisierung und zu einem sehr erheblichen Teil als Strukturwandel-Hilfe in die Stadt Wilhelmshaven. Die Jadestadt mit ihren zwei Kohlekraftwerken wird sich durch den beschlossenen Kohleausstieg teilweise neu aufstellen müssen.

Der Wahlkampf

Ein typischer Wahlkampf-Samstag in der Wittmunder Innenstadt: CDU, SPD, die Grünen – alle werben sie innerhalb weniger Meter voneinander um die Aufmerksamkeit der Passanten. Dieses Mal ist es aber anders als vor vier Jahren, erzählt die 38-Jährige bei einem Gespräch am SPD-Stand. Vor vier Jahren sei sie stets auf sich selbst angesprochen worden; wer sie sei, woher sie komme, was sie könne – die Leute wollten sich ein Bild von ihr machen. Das läuft dieses Mal anders. „Viele fragen mich nach der SPD und nach Olaf Scholz – die Bürger, so glaubt Möller, wollen sich ein besseres Bild machen vom möglichen neuen Kanzler. Außerdem: Ihr eigener Bekanntheitsgrad ist längst gewachsen. Jenseits der Sitzungswochen in Berlin ist die Abgeordnete viel in ihrem Wahlkreis unterwegs.

Unterstützung im Wahlkampf: Landesinnenminister und Parteikollege Boris Pistorius (Mitte) besuchte mit Möller zusammen Rettungskräfte, die im Hochwassergebiet geholfen hatten. Foto: Oltmanns
Unterstützung im Wahlkampf: Landesinnenminister und Parteikollege Boris Pistorius (Mitte) besuchte mit Möller zusammen Rettungskräfte, die im Hochwassergebiet geholfen hatten. Foto: Oltmanns

Möller selbst stammt aus Emden und lebt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Varel. Sie war Lehrerin bevor sie in den Bundestag einzog, ihr erstes Mandat überhaupt. Kommunalpolitisch war Möller bis dahin nicht in Erscheinung getreten; dafür war sie innerhalb der SPD stark engagiert und gut vernetzt. Sie ist dort seit 2010 Mitglied.

Der Bundestag

Die 38-Jährige gehört im Bundestag zwei Ausschüssen an: Verteidigung und Sport. Und sie hat sich innerhalb der SPD-Bundestagsfraktion offenbar viel Vertrauen erarbeitet: Nach drei Jahren wurde sie an die Spitze des Seeheimer Kreises gewählt, einer einflussreichen Gruppierung innerhalb der SPD-Fraktion, die für eine eher pragmatische und sachbezogene Umsetzung von Politik steht. Kurz darauf wurde Möller dann auch verteidigungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Siemtje Möller am Rednerpult im Bundestag. Foto: Pedersen/dpa
Siemtje Möller am Rednerpult im Bundestag. Foto: Pedersen/dpa

Nicht von ungefähr: Der Wahlkreis 26 ist bundesweit derjenige mit dem meisten Militär. Der Marinestützpunkt in Wilhelmshaven ist für sich schon der größte Bundeswehrstandort, dazu kommen die Luftwaffenstützpunkte in Schortens und Wittmund. Umgerechnet sind das mehr als 10.000 Dienstposten und Zivilangestellte. Hört man sich in Bundeswehrkreisen um, wird deutlich: Man ist einverstanden mit der Arbeit der SPD-Politikerin. Möller will auf alle Fälle weitermachen, am liebsten mit einem Direktmandat vom Wähler. Sie ist aber auch über den Listenplatz 6 abgesichert.

Die Regierung

Die Umfragen der letzten Wochen nähren bei den Sozialdemokraten die Hoffnung, die künftige Regierung bilden zu können, mit Olaf Scholz als Kanzler. Möller hat aus ihrer Unterstützung für Scholz nie einen Hehl gemacht; auch als es um seine erfolglose Bewerbung um den Parteivorsitz ging. Doch trotz der Umfragen: Eine Koalition müsste nach dem 26. September wohl gebildet werden. „Ich bin rot-grün geprägt“, stellt Möller dazu fest. Eine solche Mehrheit wünsche sie sich; wenn es sein müsse, auch mit der FDP.

Nicht unwahrscheinlich, dass die 38-Jährige im Herbst mit am Tisch sitzt, wenn es zu Koalitionsverhandlungen kommen sollte, an denen die SPD beteiligt ist. Als verteidigungspolitische Sprecherin gehöre sie dann praktisch qua Amt dazu, sagt Möller.

Eines aber ist schon vor dem Ausgang der Bundestagswahl so gut wie sicher: Der Wahlkreis 26 wird demnächst mehrere Abgeordnete im Bundestag haben. Sowohl Möller als auch ihre Mitbewerberin von der CDU, Anne Janssen aus Wittmund, haben auf den Landeslisten ihrer Parteien den sechsten Platz und sind damit so gut wie sicher im nächsten Parlament – egal, wer das Direktmandat gewinnt. Und der Kandidat der AfD, Ex-Bundeswehr-General Joachim Wundrak, führt die Landesliste seiner Partei sogar an. Sehr wahrscheinlich werden im nächsten Bundestag also mindestens drei Abgeordnete die Belange von Friesland, Wittmund und Wilhelmshaven vertreten.

Ähnliche Artikel