Naturschutz
Warum der ostfriesische Wald zu kämpfen hat
Den ostfriesischen Wäldern machen nicht nur die Borkenkäfer und die Trockenheit der vergangenen Jahre zu schaffen. Sogar die Corona-Pandemie hinterlässt im Wald ihre Spuren.
Ostfriesland - Umgeben von verästelten Brombeersträuchern und hohen Nadelbäumen fasst Erich Delfs an die Baumkrone einer schulterhohen Fichte. „Die ist noch sehr jung, etwa sieben bis zehn Jahre alt“, sagt Delfs, der als Bezirksförster bei der Forstbetriebsgemeinschaft Ems-Jade arbeitet und für etwa 320 private Wälder in den Kreisen Leer, Aurich, Wittmund und Friesland sowie in den Städten Wilhelmshaven und Emden zuständig ist. Kritisch schaut er zu den älteren Fichten rüber, die etwa 40 bis 55 Jahre alt sind und unmittelbar neben den jüngeren Bäumen stehen.
Was und warum
Darum geht es: Ob Spaziergänge mit dem Hund oder die Fahrradtour mit Freunden. Wälder sind beliebte Naherholungsziele. Aber wie geht es ihnen?
Vor allem interessant für: Naturinteressierte und alle, die gerne in den Wäldern unterwegs sind. Deshalb berichten wir: In den vergangenen Jahren hatten die Wälder mit großer Trockenheit zu kämpfen. Wir haben uns gefragt, wie es den ostfriesischen Wäldern aktuell geht. Die Autorin erreichen Sie unter: n.kraft@zgo.de
Besonders die Fichten seien vom Borkenkäfer stark betroffen. „Der Borkenkäfer bohrt sich besonders gerne in die Rinde ein, um sich dort zu vermehren.“ Normalerweise beginne der Baum daraufhin mit der Harzproduktion. Denn so wie Menschen als Abwehrreaktion auf Wunden bluten, würden Nadelbäume harzen. „Die Fichte harzt den Käfer ein, sodass er stirbt und sich nicht weiter vermehren kann“, so Delfs. „In Ostfriesland kommen wir, was den Borkenkäfer angeht, noch recht glimpflich davon. Je südlicher man blickt, desto stärker der Befall“, so Delfs. In den Wäldern, die er betreut, seien manchmal nur wenige Bäume betroffen. Seine Kollegen im Harz müssen mit mehreren Hektar Wald kämpfen, die der Käfer befalle.
Feuchtigkeit wichtig für Harzproduktion
Für den Harzvorgang braucht der Baum Feuchtigkeit. Es habe dieses Jahr zwar viel Wasser in den Oberflächen gegeben, nur könne die Fichte als Flachwurzler nicht genug Wasser aufnehmen, um in der Folge ausreichend Harz zu produzieren. „Wird der Käfer dann nicht mehr vom Harz des Baumes gestört, bohrt er zu viele Gänge in den Stamm, wodurch die Wurzeln nicht mehr mit Nährstoffen versorgt werden können und der Baum abstirbt“, so der Förster.
Neben Trockenheit und dem Borkenkäferbefall gefährden die ostfriesischen Wälder aber auch andere Faktoren. „An den Bäumen hat es zum Teil Kahlfraß durch die Eichenwicklerfraßgesellschaft gegeben“, sagt Wibeke Schmidt, regionale Pressesprecherin West der Niedersächsischen Landesforste für die Forstämter Ahlhorn, Ankum, Neuenburg und Nienburg. Hierbei hätten Insekten wie Schmetterlingsraupen ihr Unwesen im Blatt getrieben. Das führe zu einem Blattverlust, der wiederum den Baum schwäche. Allerdings habe sich die Eiche durch den Johannestrieb, einen zweiten Blattaustrieb im Juni, davon wieder erholen können, so Schmidt.
Corona-Ausflüge in die Wälder
Aber nicht nur die Schädlinge, sondern auch die Zweibeiner machen den Wäldern zu schaffen. „In Coronazeiten sind die Wälder auch abseits der Wege von der Bevölkerung teilweise stark in Anspruch genommen worden“, sagt Schmidt. Das betreffe insbesondere Wiesen, die unter Naturschutz stehen. Auf den Flächen sei häufig gepicknickt worden, was die Lebensräume von besonderen Pflanzen und Tieren störe.
Generell geht es dem ostfriesischen Wald nicht schlecht. Schmidt berichtet, dass der Waldumbau in artenreiche Mischwälder, der bereits vor Jahrzehnten begonnen habe, gut weiterlaufe. Bäume würden gepflanzt, die flexibler in ihren Standortansprüchen seien und besser auf den Klimawandel reagierten. Hierfür würden Varianten der hiesigen Klassiker ausgesucht. So würden die Esskastanie oder Buchenarten, die sonst südlich der Alpen vorkommen, in Ostfriesland gepflanzt werden. „Im Wald laufen die Dinge langsam“, so Schmidt. Daher müsse man für einen Erprobungszeitraum etwa 60 Jahre rechnen.
Küstennähe zahlt sich aus
Durch die Nähe zum Meer seien klimatische Wetterextreme wie Spätfröste oder Dürresituationen in Ostfriesland selten, sagt Schmidt. „Obwohl wir dieses Jahr mehr Niederschläge haben, ist der Grundwasserstand der Vorjahre noch nicht wieder hergestellt.“
Diese Trockenheit merkt man. „Im Sommer vor zwei Jahren konnten wir bei Messungen etwa 20 Prozent Feuchtigkeit im Fichtenholz feststellen“, so Delfs. Der Baum habe zwar noch gelebt aber nicht mehr die Kraft besessen, zu harzen, sagt er. Ein Feuchtigkeitsanteil von etwa 50 Prozent wäre gewöhnlich gewesen. Im Wald hört man Vögel und den Wind in den Blättern rauschen. Immer wieder schaut Delfs nach oben, in die Baumkronen, und zeigt Harzaustritte an Stämmen.
Normalerweise sorgt im Boden ein System von feinen Röhrchen dafür, Wasser zu halten, aus dem Pflanzen Feuchtigkeit ziehen. Dieses System, auch Kapillarität genannt, sei in trockenen Böden nicht mehr intakt, erklärt Delfs. „Ohne die Kapillarität nimmt der Boden das Regenwasser nicht mehr auf, sodass es oberflächlich wegfließt. Das war beispielsweise eine der Ursachen, durch die es zu den jüngsten Sturmfluten kam“, so Delfs.