Nach der Wahl in Emden

Von wegen Katerstimmung im „Kater“

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 13.09.2021 15:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Andreas ten Hove (rechts) ist eines der neuen Gesichter der SPD im künftigen Rat. Er zählte zu den Gewinnern des Wahlabends im „Kater“. Foto: J. Doden
Andreas ten Hove (rechts) ist eines der neuen Gesichter der SPD im künftigen Rat. Er zählte zu den Gewinnern des Wahlabends im „Kater“. Foto: J. Doden
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Die Bilder und die Stimmung im „Kater“ sprachen Bände: Die SPD hat sich in Emden mit einem starken Ergebnis rehabilitiert. Am Ende mischten sich auch andere politische Farben in die Feier.

Emden - Wenn es eines Symbolbildes für die Trendwende innerhalb der Emder SPD bedurfte, liefert es die Sitzverteilung im „Kater“. In diesem Lokal am Stadtgarten, in der die Partei und ihre Mitglieder zum Wahlabend zusammengekommen ist, sitzt ein einzelner Mann mit dem Rücken zum Rest der Gesellschaft: Hans-Dieter Haase. Die Botschaft dieses Anblicks ist unmissverständlich. Die Partei hat sich von ihrem langjährigen Strippenzieher, dem viele den Niedergang der SPD und den Verlust der absoluten Mehrheit in der Arbeiterstadt persönlich ankreiden, emanzipiert. Umgekehrt – auch diese Schlussfolgerung drängt sich auf – hat Haase sich endgültig abgewandt.

Was und warum

Darum geht es: Die Ereignisse des Wahlabends in Emden und die Rolle der SPD

Vor allem interessant für: politisch interessierte Emderinnen und Emder

Deshalb berichten wir: Der Sieg der SPD hat viele in der Stadt überrascht. Wir gehen auf die Gründe und den Verlauf der Geschehnisse rückblickend noch einmal ein.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Es ist allerdings nicht der Wolthuser allein, der mit seiner Platzwahl im „Kater“ Raum für Interpretationen lässt. Es ist auch die Anordnung an den Tischen, die Bände spricht. In der ersten Reihe, dort, wo die Zwischenergebnisse auf eine Leinwand geworfen und die Reden geschwungen werden, sitzen an diesem Abend der Unterbezirksvorsitzende Matthias Arends, die Fraktionsvorsitzende Maria Winter und etliche neue Gesichter, die bislang eher untergeordnete Rollen in der Partei spielen.

Im Schatten der einstigen Gallionsfigur

Der Tisch mit Haase ist der, der am weitesten vom Geschehen entfernt liegt. An ihm sitzen – im Schatten der einstigen Gallionsfigur Alwin Brinkmann und als geschlossener Kreis – durchweg ältere Semester und altgediente Genossinnen wie Berendine Bamminger. Die Frage ist naheliegend: Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die künftige Machtverteilung in einer Partei ableiten, die nach dem desaströsen Wahlergebnis 2016 und der haushoch verlorenen Oberbürgermeisterwahl 2019 quälend lange auf der Suche nach sich selbst war?

Glaubt man Maria Winter, ist die Sitzverteilung im „Kater“ das Ergebnis reinen Zufalls. „Wer zuerst gekommen ist, hat sich vorne einen Platz gesucht“, versichert sie. Dass Hans-Dieter Haase als später Gast den neuen Führungskräften vorne demonstrativ die kalte Schulter zeigt, hält sie dagegen für eine bewusste Geste, die ihr sauer aufstößt: „Das hätte er nicht machen müssen“, so Winter.

Politische Zeitenwende

Dass der Sonntag in Emden eine politische Zeitenwende markiert, lässt sich unterdessen nicht nur an der SPD festmachen. 18 von 40 Ratsmitgliedern ziehen als Vertreterinnen und Vertreter des Bevölkerung neu ins kommunale Parlament, darunter viele Junge und Polit-Novizen. Auch dieses Signal ist nicht zu übersehen: Die Zeichen stehen auf Veränderung. Der Rat der Stadt bekommt ein neues Gesicht aus vielen neuen Gesichtern.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Zum Ende der Wahlparty bekommt die SPD im „Kater“ unerwarteten Besuch. In die rote Glückseligkeit mischen sich nach und nach führende Christdemokraten, Liberale und Grüne. Sie sind nicht nur hier, um kurz aus Höflichkeit zu gratulieren. Manche bleiben bis weit nach Mitternacht und lassen die Wahl parteiübergreifend ausklingen.

Es kann keine Alleingänge geben

Man darf auch dieses Bild nicht überinterpretieren. Oder, wie Bernd Renken, der scheidende Fraktionsvorsitzende der Grünen, nüchtern festhält: „Ich sehe darin jetzt nicht ein Zeichen für eine neue Zusammenarbeit im Rat.“ Aber wenn sich erfahrene Politiker in Emden nicht daran erinnern können, dass es eine solche überparteiliche Zusammenkunft an einem Kommunalwahlabend in der Stadt je gegeben hat, sollte es auch nicht unterbewertet werden.

Wie wichtig in den kommenden fünf Jahren das Miteinander im Rat noch werden wird, wird mit einem Blick auf die Sitzverteilung offensichtlich: Trotz kraftvoller Zugewinne ist die SPD weit von ihrer früheren Dominanz mit der absoluten Mehrheit entfernt. In welcher Konstellation auch immer: Es braucht für jede Entscheidung Bündnisse, Koalitionen und Absprachen. Es gibt keine Alleingänge.

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