Berlin
VW für Tempolimit: Warum der Konzern jetzt umschwingt
Im Vergleich zu anderen Autobauern war VW bei umweltfreundlichen Innovationen immer einen Schritt hinterher. Nun heißt es, immer mehr Elektroautos und keine Angst vor Tempolimits. Wird das Unternehmen jetzt grün?
Angesichts der aktuell in München stattfindenden Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), bei der Autohersteller ihre neuesten Produkte und innovativen Entwicklungen vorstellen, sind Veränderungen in der Verkehrsbranche große Begleitthemen. Der Chief Executive Officer (CEO) der Marke Volkswagen Pkw, Ralf Brandstätter, äußerte im Interview gegenüber dem „Tagesspiegel Background Verkehr & Smart Mobility“, dass er keine Tempolimits fürchte.
Die Debatte um das Tempolimit 130 auf deutschen Autobahnen habe Brandstätter zufolge eher „Symbolcharakter“, in Zeiten der Elektromobilität würde sich die Diskussion erübrigen. E-Autos würden ohnehin langsamer fahren, da sich sonst die Reichweite verkürze. Bei einem E-Auto würde aber auch eine Geschwindigkeit von 150 oder 180 keinen Unterschied machen, da sowieso kein CO2 ausgestoßen würde.
Tempo 30 in Innenstädten - Genauso wie SPD und Grüne es fordern?
Der CEO befürwortet ein langsames Fahren dort, wo Menschen leben. Auch der Stadtverkehr würde davon profitieren und flüssiger werden. Ein „intelligentes Verkehrsmanagement“ sei dafür aber zusätzlich erforderlich, welches über eine Temporegulierung hinausgehe.
Dem VW-Konzern wird von Umweltaktivisten wie Greenpeace immer wieder vorgeworfen, die Verkehrswende nicht schnell genug anzugehen. Gegen den Vorwurf wehrte sich der VW-Markenchef und betonte, dass Mitarbeiter des Unternehmens sowie Zulieferer nicht auf der Strecke bleiben dürften, sondern zunächst Rahmenbedingungen angepasst werden müssten. Der Ausbau der E-Mobilität könne nur Hand in Hand mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien voranschreiten, anders könne eine CO2 Reduzierung nicht stattfinden.
Konzern bereits wegen geschlechtergerechter Sprache in Kritik
Bei dem Konzern gab es kürzlich bereits einige Modernisierungen zum Zweck der Imagepflege. So verbannte der Konzern die Currywurst zur Reduzierung des Fleischkonsums aus seine Kantine in Wolfsburg, was unter anderem Ärger bei Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) hervorrief. Auch der Beschluss zur Einführung der geschlechtergerechten Sprache führte zu einer Klage eines Mitarbeiters.
Was bedeutet ein Tempolimit auf Deutschlands Straßen?
Ein Tempolimit in deutschen Städten und auf Autobahnen würde den CO2-Ausstoß verringern, wenn auch nur in einem geringen Ausmaß. Laut Berechnungen des Umweltbundesamtes würde Tempo 130 auf den Autobahnen 1,9 Millionen Tonnen CO2 einsparen, während beispielsweise im letzten Jahr im gesamten Verkehrsbereich ein CO2-Ausstoß von 146 Millionen Tonnen produziert wurde.
Weiterhin würde das Tempolimit zu einer saubereren Luft beitragen. Miriam Dross vom Umweltbundesamt zufolge könne Tempo 30 auch zu einer Minderung des Schallpegels um drei Dezibel führen: „Das entspricht einer Wahrnehmung, als wenn nur die Hälfte der Fahrzeuge auf einer Straße fahren.“ Somit würden Unterhaltungen auf offener Straße wieder angenehmer werden.
Besonders einkommensschwache Menschen könnten vom Tempolimit profitieren, da sie häufiger an stark befahrenen Straßen leben würden. Zuletzt erhoffen sich Befürworter von Tempo 30 in Städten eine Entlastung der Straßen, weniger Staus und vor allem auch weniger Verkehrsunfälle. Im Jahr 2020 gab es deutschlandweit 2719 Verkehrstote.