Hamburg

Hamburgs erster Corona-Liederabend: Mit Humor gegen die Seuche

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 10.09.2021 16:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Da kann man schon mal auf trübe Gedanken kommen: Holger Dexne in „Nicht Anfassen!“ mit Fiebermesspistole. Foto: Oliver Fantitsch
Da kann man schon mal auf trübe Gedanken kommen: Holger Dexne in „Nicht Anfassen!“ mit Fiebermesspistole. Foto: Oliver Fantitsch
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Wollen wir uns Covid-19 eigentlich auch noch auf der Bühne antun? Wir wollen. Franz Wittenbrink und dem St. Pauli Theater sei Dank.

Kann die Sache so einfach sein? Mit Humor gegen die Seuche? Den Lockdown weglachen? Es kann. Mit dem Liederabend „Nicht Anfassen - Liebe in Zeiten des Abstands“ im St. Pauli Theater nimmt Franz Wittenbrink der Pandemie die Schärfe. Musik, Ironie, Schwung und ein lustvoll aufspielendes Ensembles vertreiben am Spielbudenplatz die düstern Geister nach anderthalb Jahren Ausnahmezustand. Bei der Premiere springen die Besucher begeistert von ihren Schachbrett-Sitzreihen.

Wittenbrink ist der „Erfinder“ solcher Liederabende und seit 30 Jahren gut im Geschäft. Millionen sahen „Sekretärinnen“, „Männer“, Lust“, „Nachttankstelle“ und viele mehr. Stets nutzt der 73-Jährige die Bekanntheit der Lieder als Vehikel in die Seele des Zuschauers. Er arrangiert neu, schreibt Texte um und formt daraus eine stimmige Erzählung in Szenenabfolge.

Auf diese Weise hat der Hamburger schon bleischwere Megathemen wie Flüchtlingskrise, Tod und Kindesmissbrauch auf die Musikbühne gebracht. Kein Stoff, vor dem er zurückschreckt. Nun also Corona.

Oma hinter Plexiglas

Das bewährte Rezept passt auch diesmal. Rund zwei Dutzend Lieder erzählen von den Unannehmlichkeiten des Social Distancing, die jeder kennt und jeder satt hat. Von Desinfektionsspray, Küssen mit Maske, Reisewarnungen, Fiebermesspistolen, Vereinsamung, Verzweiflung und von der langsamen Wiederkehr des Normalen. 

„Ich werde fett, so fett. Oh nein!“

Da ist die Oma im Altenheim, unerbittlich durch Plexiglas von der Enkelin getrennt („Es waren zwei Königskinder, sie konnten zusammen nicht kommen“). Da ist die vom Homeoffice in den Alkohol getriebene berufstätige Mutter („Oh, oh-oh-oh, Mama, wann kommst Du?“, frei nach Daliah Lavi). Und da ist der beleibte Hobbykoch, der seinen Corona-Frust im Essen erstickt und zu Michael Jacksons „Bad“ treffend swingt: „Ich werde fett, so fett. Oh nein!“

Als hätte jemand das Fenster geöffnet

Die Musikauswahl hat mehr zu bieten als Pop und Schlager. Die Lieder reichen von Oper („La Traviata“) über Volkslieder („Ich hab die Nacht geträumt“) und Comedian Harmonists („Onkel Bumba“) bis Tom Waits („I never talk to strangers“).

„Nicht Anfassen“ wirkt, als hätte jemand in der tiefsten Covid-Düsternis das Fenster aufgerissen, um Licht reinzulassen. Das Stück funktioniert, weil es ohne Anklage auskommt, ohne Suche nach Schuldigen oder gar Verschwörungsformeln. „Dann hätte ich es nicht gemacht“, bekennt Wittenbrink. Ihm gehe es darum zu zeigen, was Abstand mit uns macht - und dass es am Ende doch alles gut wird. Unterhaltsam, augenzwinkernd, kurzweilig.

Nach 75 Minuten wendet sich der Chor der sechs Schauspieler ans beschwingte Publikum. Und jubelt zu Gloria Gaynors „I will survive“ hörbar erleichert: „Ihr seid zurück.“ 

„Nicht Anfassen!“, St. Pauli Theater, Spielbudenplatz; bis 19. September, dienstags bis samstags 19.30 Uhr, sonntags 18 Uhr; www.st-pauli-theater.de

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