Antibiotikaverbot für Haustiere

„Nicht helfen zu können, erschreckt uns sehr“

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 10.09.2021 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Tierarztpraxis im Friesenhof aus Ochtelbur hatte am verkaufsoffenen Sonntag, 5. September, in der Auricher Innenstadt zu einer Demonstration gegen die EU-Tierarzneimittelverordnung aufgerufen. Lutz Bauerochse (rechts) hat die Aktion initiiert.
Die Tierarztpraxis im Friesenhof aus Ochtelbur hatte am verkaufsoffenen Sonntag, 5. September, in der Auricher Innenstadt zu einer Demonstration gegen die EU-Tierarzneimittelverordnung aufgerufen. Lutz Bauerochse (rechts) hat die Aktion initiiert.
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Müssen Haustiere sterben, damit Menschen leben können? Die neue EU-Tierarzneimittelverordnung will bestimmte Wirkstoffe für Tiere verbieten. Tierarzt Dr. Hansjörg Heeren aus Ihlow erzählt, warum er dagegen ist.

Ihlow - Die Tierarztpraxis im Friesenhof in Ochtelbur hatte am verkaufsoffenen Sonntag, 5. September, zu einer Demonstration gegen die neue EU-Tierarzneimittelverordnung aufgerufen. Sie soll im Januar 2022 in Kraft treten und regeln, dass Tiere nicht mehr mit allen Antibiotika behandelt werden dürfen. So soll die Gefahr reduziert werden, dass Keime Resistenzen entwickeln. Der Hintergrund: Solche multiresistenten Keime führen europaweit zum Tod von etwa 33.000 Menschen jährlich. Tierarzt Hansjörg Heeren berichtet, was ihn und seinen Kompagnon Lutz Bauerochse dazu bewogen hat, auf die Straße zu gehen.

Frage: Warum haben Sie demonstriert?

Hansjörg Heeren ist Inhaber der Tierarztpraxis im Friesenhof in Ochtelbur.
Hansjörg Heeren ist Inhaber der Tierarztpraxis im Friesenhof in Ochtelbur.
Hansjörg Heeren: Die Verordnung wird viele Tierleben kosten. Das ist der Punkt. Unsere Passion ist es, Tiere zu heilen. Dem größten Teil der Tiere können wir ohne diese Medikamente helfen, die jetzt verboten werden sollen. Bei einem gewissen Teil – ich schätze zwei bis drei Prozent – ist der Heilungsverlauf von diesen Medikamenten abhängig. Nicht mehr helfen zu können, erschreckt uns sehr.

Frage: Eigentlich zielt das Verbot auf Nutztiere ab. Sind Haustiere davon überhaupt betroffen?

Heeren: Aktuell ist nicht klar geregelt, dass Haustiere davon ausgenommen sind. Es soll Ausnahmegenehmigungen geben, sie sind aber nicht gesetzlich festgeschrieben. Einen Rechtsanspruch auf eine Ausnahme haben wir so nicht.

Frage: Es sind ja nicht nur Hunde und Katzen bedroht, sondern auf der anderen Seite auch Menschenleben. Ist es vor diesem Hintergrund vertretbar, für die Tiere auf die Straße zu gehen?

Heeren: Ich finde schon, aber es ist ein Dilemma. Die Antibiotika müssten zumindest bei den Kleintieren eingesetzt werden dürfen. Bei den lebensmittelspendenden Tieren werden diese Antibiotika nur noch sehr reduziert eingesetzt, der Gebrauch ist bestimmt um 90 Prozent zurückgegangen. Wie man bei ihnen verfährt, ist ethisch sehr schwierig zu beurteilen.

Frage: Es geht bei den Antibiotika, die zukünftig Tieren nicht mehr verabreicht werden sollen, um die sogenannten Reserveantibiotika. Sie kommen dann zum Einsatz, wenn andere nicht mehr wirken.

Heeren: Genau. Sie werden momentan auch bei Tieren eingesetzt. In speziellen Fällen, benötigen sie das Medikament. Die Gabe vom Antibiotika bei Tieren ist seit der letzten Verordnung bereits sehr restriktiv geregelt. Bevor ein Reserveantibiotika eingesetzt werden darf, muss erst einmal der Erreger bestimmt werden. So wird festgestellt, ob das ausgewählte Antibiotikum überhaupt wirksam ist. Das ist eigentlich ein Wissen, das wir als Ärzte aus unserer beruflichen Erfahrung mitbringen. Das reicht dem Gesetzgeber nicht mehr. Deshalb wird zusätzlich der Bakterienstamm bestimmt.

Hansjörg Heeren mit seiner Tochter Hanna. Sie unterstützt ihn im Kampf gegen das Antibiotikaverbot für Tiere. Sie hat mit Kindern aus der Nachbarschaft Schilder gestaltet.
Hansjörg Heeren mit seiner Tochter Hanna. Sie unterstützt ihn im Kampf gegen das Antibiotikaverbot für Tiere. Sie hat mit Kindern aus der Nachbarschaft Schilder gestaltet.
Frage: Das betrifft nur diese Reserveantibiotika?

Heeren: Genau. Bei allen anderen Medikamenten und den „normalen“ Antibiotika entscheidet das der Arzt selbst. Der Test kostet Zeit und Geld. Er wird in ein Labor geschickt und es dauert etwas, bis das Ergebnis zurück kommt. Das ist bereits eine Einschränkung für uns. Der Test garantiert allerdings auch, dass diese Reserveantibiotika nicht einfach so verschrieben werden.

Frage: Kontrollieren Tierärzte in einer Massentierhaltung auch jede Medikamentengabe?

Heeren: Wenn zum Beispiel zehn Tiere krank sind, werden diese untersucht und dem Landwirt die Medikamente für die Behandlung zur Verfügung gestellt. Darüber gibt es einen Beleg und der Landwirt muss die Medikamentengabe exakt dokumentieren. Das wird von einer Behörde kontrolliert. Unkontrollierte Antibiotikagabe gibt es heute bei bei lebensmittelliefernden Tieren nicht mehr. Als ich vor 30 Jahren als Tierarzt angefangen habe, sah das noch ganz anders aus. Heute muss immer ein Tierarzt zurate gezogen und eine Diagnose erstellt werden. Dann erfolgt eine Behandlungsanweisung für den Landwirt. Die Landwirte nehmen den Umgang mit Antibiotika und die Dokumentation sehr ernst. Das sind Lebensmittelunternehmer. Sollten ihnen Unregelmäßigkeiten nachgewiesen werden ist das für die Landwirte ein Supergau. Die Strafen sind hoch und sie bekommen eine Zeit lang kein Geld für ihre Milch. So etwas bedroht ihre Existenz.

Frage: Ist es noch gängige Praxis, vorsorglich den ganzen Bestand zu behandeln, wenn einige Tiere erkrankt sind?

Heeren: Es kommt auf die Krankheit an. Bei bakteriellen Erkrankungen werden nur die kranken Tiere behandelt. Bei viralen Erkrankungen werden eher Impfstoffe eingesetzt. Es gibt aber auch Krankheiten, die sich durch einen Bestand durchschleichen. Dann stecken sich die Tiere immer wieder gegenseitig an. Ob man bei solchen vorsorglich den ganzen Bestand behandelt, kommt aber letztendlich auf den Erreger an.

Frage: Bei welchen Krankheiten werden die Reserveantibiotika überhaupt eingesetzt?

Heeren: Das sind bei Hunden zum Beispiel Gebärmutterentzündungen und Ohrenentzündungen. Bei Kühen können es Euterentzündungen sein. Wenn wir die nicht mehr behandeln können, müssen wir die Tiere einschläfern. Das finde ich hart und ethisch grenzwertig.

Frage: Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) hat gegen das Gesetz eine Unterschriftenkampagne ins Leben gerufen. Er fordert, dass auch in Zukunft alle zugelassenen Antibiotika weiter zur Behandlung von allen Tieren zugelassen werden.

Heeren: Ja, es gab etwa 350.000 Unterschriften. Unter die Reserveantibiotika fallen auch Medikamente, die wir dieser Gruppe nicht unbedingt zuordnen würden und die für unsere Arbeit wichtig sind. Wenn wird ein paar von denen weiter verwenden dürften, wären wir ja schon zufrieden. Die Einspruchsfrist gegen den Gesetzentwurf ist gerade rum. Wir werden sehen, was uns am Ende erwartet.

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