New York/Berlin
Ingeborg Joseph wurde Weg zur Arbeit im World Trade Center zum Verhängnis
Elf Deutsche sind bei den 9/11-Anschlägen gestorben – darunter auch die Berlinern Ingeborg Joseph. Ihr Weg zur Arbeit im World Trade Center wurde der 60-Jährigen am 11. September 2001 zum Verhängnis.
Es sind nur wenige Sekunden, in denen am 11. September 2001 die Entscheidung darüber fällt, dass die damals 60-jährige Deutsche Ingeborg Joseph bei den Terroranschlägen in New York ihr Leben verliert. Sie hat sich an diesem Tag verspätet, berichten später Kollegen, und nähert sich um 8.46 Uhr morgens dem Eingang zum Nordturm des World Trade Center. Dort arbeitet die gebürtige Berlinerin als auf Importe spezialisierte Angestellte im 32. Stock der US-Niederlassung der multinationalen Hamburger Spedition Rohde und Liesenfeld.
Brennendes Benzin
„Inga“ Joseph, wie sie von Verwandten und Freunden gerufen wurde, ist nur wenige Schritte von der Glastür des Wolkenkratzers und damit den Fahrstühlen entfernt, als 93 Stockwerke höher die von islamistischen Terroristen gekaperte American Airlines-Boeing mit der Flugnummer 11 in das Gebäude einschlägt. Ein Schwall brennenden Flugbenzins stürzt in die Tiefe und erfasst auch die Deutsche, die - so zeigt es ihre Kreditkartenrechnung - zuvor noch in einer nahen Drogerie am World Trade Center eingekauft hatte. Die ersten vor Ort eintreffenden Feuerwehrmänner nehmen sich der Schwerverletzten an, sie wird zunächst ins nahe Bellevue-Hospital gebracht.
Als gegen zehn Uhr morgens - 28 Minuten vor dem Einsturz des Nordturms - die Telefonnummer von Rohde und Liesenfeld in Suite 3271 in dem schwer beschädigten Bauwerk angewählt wird, hebt niemand mehr ab. Niederlassungsleiter Patrick Jacob, der damals das Amerika-Geschäft der Firma führte, schildert später von einem neuen Büro in Manhattan aus, warum von den 30 Beschäftigten bis auf zwei Menschen alle überlebten: Man sei durch Training auf einen Katastrophenfall vorbereitet gewesen und habe ohne Zögern evakuiert. Ein Überleben wäre sonst nicht möglich gewesen.
Selbst der als feuersicher geltende Safe der Niederlassung wird durch die Wucht des Einsturzes pulverisiert. Der Faktor Zeit bestimmt an diesem Morgen auch das Lebensende von Eduvigis „Eddie“ Reyes, der wie Ingeborg Joseph in der Importabteilung angestellt ist. Auch er ist etwas spät dran. Von dem 37-jährigen Vater dreier Töchter werden bei den Bergungsarbeiten keine Spuren mehr gefunden.
Ingeborg Joseph erliegt ihren Verletzungen
Knapp vier Wochen lang behandeln Spezialisten in New York die schweren Brandwunden von Ingeborg Joseph. Rund 70 Prozent ihrer Haut sind betroffen. Die Angehörigen in Berlin haben zunächst noch Hoffnung, und zwei Geschwistern - in aller Eile angereist - werden noch kurze Besuche gestattet.
Doch am 9. Oktober, fast vier Wochen nach den Terrorattacken, können die Ärzte nichts mehr für die Frau tun, die Englisch, Französisch und Spanisch sprach und auch in Paris, Brüssel und London gearbeitet hatte, bevor sie 1967 nach Manhattan zog. Ingeborg Joseph wird zum elften Terroropfer deutscher Herkunft. „Als sie den Job in New York bekam, war sie so glücklich,“ zitierte eine Zeitung unmittelbar nach der Tragödie ihren Bruder Lars. Heute sind die Angehörigen, die in Berlin ein Immobilien-Unternehmen betreiben, zurückhaltender gegenüber den Medien geworden und offenbaren nicht, wie sie den 20. Jahrestag begehen werden.
„Terroropfer vom 11. September 2001 in New York“, steht neben Ingeborg Josephs Namen auf der schlichten, von Kiefern überschatteten Marmorplatte über ihrem Grab im Berliner Stadtteil Frohnau.
Verwischte Erinnerungen in Manhattan
In New York hat der Lauf der Zeit unterdessen die Erinnerungen auch an dieses Terroropfer verwischt. Rohde und Liesenfeld hat die Niederlassung im „Big Apple“ schon vor Jahren geschlossen. Auch Patrick Jacob, der seine Mitarbeiterin Ingeborg Joseph gut kannte, ist deshalb nicht mehr in Manhattan zu finden.
Am ersten Jahrestag der Anschläge hatte es noch eine Schweigeminute in der Niederlassung gegeben, am zweiten Jahrestag waren es nur noch zwei Kerzen, die im Eingangsbereich des Büros für die beiden 9/11-Opfer brannten. „Business as usual“ gebe es nun, vertraute Jacob bereits damals, vor 18 Jahren, dem Korrespondenten an, „die Zeit heilt doch viele Wunden“. Und: „Wir sind als Unternehmen über die Ereignisse hinweg.“