Kultur
„Kapitän“ der Emder Shanty-Gruppe tritt ins Glied zurück
Klaus Körber tritt an diesem Donnerstag nach 28 Jahren vom Vorsitz der angesehenen Emder Shanty-Gruppe ab. Solche Chöre sind vom Untergang bedroht, aber ein Hit gibt neue Hoffnung.
Emden - Sein Lieblingsshanty? Das ist „Adieu cher Camarade“, sagt Klaus Körber mit leiser Stimme. Adieu will der 79-Jährige noch nicht sagen, ein Abschied ist es trotzdem: Nach 28 Jahren gibt Körber an diesem Donnerstagabend den Vorsitz der Emder Shanty-Gruppe ab. Von Bord geht Körber nicht, auf eigenen Wunsch tritt er ins Glied zurück.
„Es ist gut gewesen“, sagt Körber. „Und wenn man dieser Meinung ist, sollte man es auch durchziehen“, fügt er hinzu. Er sei es seiner Frau und auch sich selbst schuldig, „nicht immer nur von Übungsabend zu Übungsabend zu denken und alle Pläne darauf auszurichten“.
Nachfolger steht fest
Bei der Shanty-Gruppe endet damit eine Ära. Als Vorsitzender führte Körber den Chor durch mehr als die Hälfte der 52-jährigen Vereinsgeschichte. Als Dritter in diesem Amt war der gebürtige Pfälzer 1992 auf Leo Lamschus gefolgt.
Jetzt wird Uli Goebel dieses Amt übernehmen. Der 84-Jährige ist seit der Geburtsstunde der Gruppe dabei und stand in den vergangenen Jahrzehnten als Manager schon immer mit in der vorderen Linie. „Er ist die Konstante schlechthin“, sagt Körber über seinen Nachfolger.
Auf sein Alter angesprochen kommt Goebel ins Schmunzeln: Er fühle sich „wie neu geboren“, der Aufgabe gewachsen und wolle seine Zeit „nicht im stillen Kämmerlein“ verbringen. Dennoch wirft dieser Führungswechsel ein Licht auf den Zustand der Shanty-Gruppe. Schon seit Jahren blickt sie wegen der Überalterung und eines Mangels an Nachwuchs sorgenvoll in die Zukunft.
Veränderungen sind nötig
Das treibt auch Körber um, zumal Emden als Seehafenstadt ohne eine Shanty-Gruppe für ihn „nicht denkbar“ ist. Er ist davon überzeugt, dass sich einiges ändern muss. Ein Modell für die Zukunft sieht er ebenso wie Goebel in einer kleineren Gruppierung mit mehreren Instrumentalisten. Viel Hoffnung setzt der scheidende Vorsitzend dabei in den musikalischen Leiter Robert Willms. Der Musikschullehrer und Gitarrist stieß Anfang 2019 zu der Gruppe und sorgt seitdem für frischen Wind unter den etwa 20 aktiven Sängern.
Rückenwind erhoffen sich die Verantwortlichen aber auch von dem Erfolg des Shantys „Wellerman“ von dem Schotten Nathan Evans, der in den vergangenen Monaten viral ging und die Charts eroberte. Der Song behandelt den Walfang in früheren Zeiten. Die Seeleute auf dem Walfänger „Billy of Tea“ hoffen darin, dass das Versorgungsschiff „Wellerman“ bald kommen möge – mit Zucker, Tee und natürlich Rum an Bord.
„Wellerman“ kam zur falschen Zeit
Aus Sicht der Shanty-Chöre sei dieser Hit aber in der Corona-Pandemie zur falschen Zeit gekommen, bedauert Hans Rodax. Der Herforder ist Präsident des Fachverbandes Shantychöre Deutschland (FSD), der die Interessen von 155 Singgemeinschaften mit etwa 5400 Mitgliedern vertritt.
Rodax weiß, dass viele Shanty-Chöre in Deutschland so wie die Emder Gruppe Zukunftssorgen haben. „Wir geben aber noch nicht auf“, sagt er. Eine Chance sieht er darin, sich so wie die Emder wieder stärker auf echte Shantys zu konzentrieren. Diese besondere Form von Arbeitsliedern wurden auf den Tiefwassersegelschiffen in der Zeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert gesungen.
Verband sieht Handlungsbedarf
Dabei ging es nicht um Wohlklang. Mit dem Rhythmus dieser Lieder konnten die Seeleute ihre schwere Arbeit an Deck koordinieren. Beim Lichten des Ankers, beim Setzen der Segel oder beim Schrubben des Decks sang der sogenannte Shantyman - auch Baas genannt - eine meist zweiteilige Teilstrophe vor, auf die die Mannschaft mit ihrem Gesang antwortete. Dieses Liedgut gehört seit 2002 zum immateriellen Kulturgut der Uneso.
Der FSD-Präsident sieht dringenden Handlungsbedarf. „Wenn wir nichts machen, können wir dieses Liedgut in 10 bis 15 Jahren ins Antiquariat stellen“. Sein Fachverband plane deshalb derzeit eine Werbekampagne, die vom Bund gefördert werden soll. Rodax bleibt zuversichtlich: „Kopf nach vorne, Segel setzen und den Rückenwind nutzen“. Das ist auch die Devise von Klaus Körber.