Kopenhagen

Ab Freitag: Dänemark schwenkt auf Schwedens Corona-Sonderweg um

André Anwar
|
Von André Anwar
| 08.09.2021 21:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In Kopenhagen und in ganz Dänemark enden auch die letzten Corona-Beschränkungen, das öffentliche Leben ist wieder in vollem Gange. Foto: imago images/NurPhoto/Michal Fludra
In Kopenhagen und in ganz Dänemark enden auch die letzten Corona-Beschränkungen, das öffentliche Leben ist wieder in vollem Gange. Foto: imago images/NurPhoto/Michal Fludra
Artikel teilen:

Wie Island und bald Finnland schwenkt Dänemark ab Freitag auf Schwedens Sonderweg um. Dann fallen alle Restriktionen. Die Indikatoren sind den deutschen eigentlich ähnlich. Sind Dänen mutiger oder verantwortungsloser?

Ab Freitag fallen die letzten Corona-Restriktionen in Dänemark. Regierung, Opposition und Medien freuen sich. Die Stimmung im Volk ist - typisch dänisch - zuversichtlich, geziert mit Galgenhumor. 

„Wie am Meer. Welle auf Welle auf Welle. Dann immer neue Mutationen, gegen die unsere Impfstoffe nicht ausreichend Schutz bieten sollen. Ich habe genug“, sagt Hanna (25). Die meisten Dänen sehen das so und freuen sich auf die gänzliche Abschaffung aller Pandemie-Restriktionen am kommenden Freitag (10. September). Die Medien schreiben von einem historischen Tag, einer Zäsur.

„Ich weiß gar nicht, ob ich noch tanzen kann!“

„Alle, die krank geworden sind in meinem Umkreis, haben Corona wie einen leichten grippalen Infekt beschrieben. Aber dann hört man von den Kranken, von denen, die sterben“, sagt Hanna, wischt das aber gleich wieder weg. Sie freue sich, schmiede schon Pläne. Denn die Nachtclubs machen dann auf „seit Ewigkeiten“, wie sie sagt. „Ich weiß gar nicht, ob ich noch tanzen kann!“, scherzt sie etwas exaltiert.

Dänemark ging vor vielen anderen Ländern im März 2020 in einen strengen Lockdown und öffnete sich als eines der ersten Länder wieder schrittweise seit dem Frühling 2021. Die Maskenpflicht ist schon seit einigen Wochen weg. Dänemarks Schulen waren die ersten Europas, die wieder öffneten. Ausgenommen die schwedischen. Die waren durchgängig offen.

Standpunkt: Corona bedroht die Gesellschaft nicht mehr

Dänemarks sozialdemokratischer Gesundheitsminister Magnus Heunicke hat nun befunden, dass Covid-19 „nicht mehr kritisch für die Gesellschaft“ sei. Auch wegen der Impfdisziplin der Dänen. 

Über 70 Prozent aller Dänen sind geimpft. In Deutschland sind es über 60 Prozent. Zudem hat das Land auf die Impfstoffe von Johnson & Johnson und Astrazeneca verzichtet. Ersterer bietet einen schlechteren Schutz gegen die neuen Virusvarianten. Aber er verhindert zumeist schwere Verläufe, wie Island zeigte. 50.000 der 360.000 Isländer wurden mit Johnson & Johnson geimpft.

Mehr zum Thema:

Deshalb kam es dort kürzlich nach der Öffnung des Landes auch zu einer neuen Infektionswelle mit mutierten Viren. Doch über 90 Prozent der Neuinfizierten hatten kaum Symptome. Es blieb ruhig in den Krankenhäusern. Während in der ausländischen Presse Schreckensszenarien über Island verbreitet wurden. Dabei hat es inzwischen auch schon wieder Restriktionen gelockert.

Wie ist Ihre Meinung? Stimmen Sie ab:

Europameister im Impfen

Island ist Europameister im Impfen. Zudem hatten sich vor allem junge Menschen beim Feiern angesteckt. Todesrate und Krankenhausbelegungsrate stiegen nicht an, obwohl die Inzidenz in die Höhe schoss. Auch in Dänemark mit über fünf Millionen Einwohnern stecken sich derzeit 900 Menschen am Tag an, aber zu über 90 Prozent mit geringen oder keinen Symptomen.

Wie die Schweden von Anfang an, schauen Isländer und Dänen nun auch lieber auf Todesrate und Krankenhausauslastung statt auf die unsichere Inzidenzrate, bezüglich der Verlässlichkeit und auch der Validität, wie etwa Schwedens Staatsepidemiologe und Sonderweg-Architekt Anders Tegnell kritisiert. Auch in Deutschland wird der Blick auf andere Indikatoren als die Neuinfektionsrate gerichtet.

Derzeit liegt dieser unzuverlässige Wert pro 100.000 Einwohner im 7-Tage-Durchschnitt überraschend nah beieinander: in Deutschland bei 125, in Dänemark bei 114, in Schweden bei 100, in Island bei 149, in Österreich bei 165 und in Finnland bei 102. Dies laut der vom öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehen SRF aufbereiteten interaktiven internationalen Grafik basierend auf den Daten der renommierten Seite „Our World in Data: OWID“.

Auch Finnland geht den schwedischen Weg

Auch Finnland hat am Dienstag erklärt, dass es bis spätestens Mitte Oktober alle Restriktionen abschaffen will. Vielleicht, so die Regierung, auch viel früher

Dänemark und Finnland schwenken damit auf den in beiden Ländern lange viel kritisierten schwedischen Weg ab. Traditionell blicken beide Länder sehr genau auf Schweden. In vielen Bereichen, militärisch aber auch gesellschaftlich. Auch im Windschatten des schwedischen Sonderweges ist ihnen nun die Öffnung möglicher als Deutschland. Dänemarks und Finnlands Medien im Lockdown, wie Deutsche, naserümpfend über Schwedens Sonderweg berichtet. 

WHO verteidigt Schwedens Todesrate

Schweden beschränkte Restriktionen auf ein freiwilliges Minimum. Schulen blieben offen, keine Masken, die Todesrate war viel höher als in Dänemark. Das aber an der Strategie auszumachen, sei sachlich falsch. So argumentieren die WHO und auch das schwedische Gesundheitsamt mit teilweise plausiblen Erklärungen. 

WHO-Nothilfechef Michael Ryan hält es für falsch, Schwedens Grundstrategie mit der Anzahl der Toten in den Altenheimen zu verbinden. Länder mit scharfen Verboten und Lockdowns hätten ähnliche Probleme gehabt: „So wie viele andere Länder in Europa wurde auch Schweden von einer Ansammlung von Erkrankungen in der Altenpflege getroffen. Das ist tragisch, aber nicht einzigartig. 

Eine Reihe von Ländern haben das Gleiche erlebt. Das muss genau untersucht werden. Die Alten sterben in ganz Europa“. Schwedens Gesundheitssystem war nie überlastet. Auch starben relativ zur Gesamtbevölkerung weitaus weniger Schweden als Bürger in einigen harten Lockdown-Ländern.

Die Corona-Zahlen in Schweden

Schwedens 7-Tage-Todesrate ist seit Wochen zumeist unter der Deutschen - auch die Übersterblichkeit liegt weit unter Europas Durchschnitt. Zwar sind gerade Schweden, Finnland und Island viel dünner besiedelt, wird gern eingeworfen. Allerdings sind die Metropolen ungefähr genauso dicht oder dichter bevölkert wie in Deutschland, wird dabei vergessen.

Interessant: So besonders weit liegen Deutschland und Österreich eigentlich nicht von Dänemark entfernt. Sind die deutschsprachigen Politiker einfach weniger mutig oder verantwortungsvoller?

Die derzeitige Todesrate laut OWID im 7-Tage-Durchschnitt pro 100.000 Einwohner ist in Deutschland (0,36) höher als in Schweden (0,1), Dänemark (0,3), Österreich (0,3), Island (null). Nur Finnland liegt drüber (0,39). Bei der Krankenhaus-/Spitaleinweisung wegen Covid steht Deutschland am besten dar, mit 10,8 Personen pro 100.000 Einwohnern. Dänemark hat trotz seiner Öffnung 30,6 und Island 24,7 COVID-Fälle in Krankenhäusern laut OWID.

Geimpft sind pro 100.000 insgesamt (absolut) 732.000 Personen in Dänemark, 608000 in Deutschland, 580.000 in Österreich und 533.000, in Finnland. Im Grunde liegen alle Länder auch hier dicht beieinander. Sind die Dänen und Schweden einfach waghalsiger oder strategisch nachhaltiger?

Auf die gesamte Volksgesundheit schauen

Auch der 65-jährige Tegnell sieht seine Strategie nicht als gescheitert an. „Es gibt generell sehr wenig Evidenz für Maßnahmen gegen Pandemien. Es wurde oft unterstellt, dass Schwedens Modell noch weniger evidenzbasiert ist als die Lockdown-Modelle. Aber die Wahrheit ist, dass es auch für Effekte von Lockdowns kaum ordentliche, wissenschaftliche Erfahrungen gibt“, sagt er. „Zwangsmaßnahmen für das ganze Volk seien schwierig“. 

Man müsse auf die gesamte Volksgesundheit schauen, nicht nur auf Corona. „Beispielsweise auf die Selbstmordrate, oder auch auf die Folgen, wenn schwer kranke Menschen wegen eines Lockdowns nicht zum Arzt gehen. Für Menschen ist es zudem gesundheitlich schädlich, unfreiwillig isoliert zu werden.“, sagt Tegnell. Tatsächlich scheint Schweden hier besser gefahren zu sein. Die Selbstmordrate etwa ist im Jahr 2020 laut Statistikamt sogar zurückgegangen. Auch die Binnenwirtschaft brach nicht so stark ein.

Ähnliche Artikel