Osnabrück
Neues Album „On DSCH“: Igor Levit pflegt seine Liebe zum Extremen
Die Marketing-Maschine läuft seit Monaten; jetzt ist es so weit: Diesen Freitag kommt das Album „On DSCH“ von Igor Levit in die Läden und Online-Shops. Darauf enthalten: satte vier Stunden Musik.
Man kann es nicht klein reden: Igor Levit verlangt viel auf seinem neuen Album „On DSCH“. Vier Stunden hochkomplexe Musik. Die totale Überforderung, und das in jeder Hinsicht: Zunächst 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitri Schostakowitsch, dann weitere anderthalb Stunden mit der „Passacaglia on DSCH“ von Ronald Stevenson, eine Hommage an den russischen Komponistenstar. Das verlangt Hingabe von Pianist wie Zuhörer gleichermaßen.
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Los geht's allerdings ganz harmlos. Schostakowitsch lädt mit einer zärtlichen Geste auf seine Reise ein, und Igor Levit nimmt seine Hörer dafür leise bei der Hand. Intim klingt das kleine Stückchen, und doch mit einem immensen Spannungsbogen, den Levit unvergleichlich sensibel aufbaut. Die erste Fuge hebt schlicht an, wie ein Übungsstück für einen Klavierschüler im ersten Jahr. Tatsächlich benutzt das Stück nur die weißen Tasten des Klaviers; komplex wird’s, wenn die Stimmen nach und nach zusammenkommen.
Igor Levit spielt Schostakowitsch:
Dann beginnt die Reise durch die Welt der Emotionen: Ein Perpetuum Mobile lacht zornig auf, Marschmusik wird grimmig verzerrt, es geht zu traumverlorenen Nachstücken und intimen Gesängen. Levit führt in die tiefsten Kerker der Seele und hebt ab in Regionen irgendwo überm Regenbogen; manchmal fließen gleichsam Tränen, und manchmal, wie in der Fuge D-Dur lacht die Musik, man möchte meinen, mit wackelndem Bauch. Von einer „großen Enzyklopädie der Gefühle“ spricht der Begleittext im Booklet, und Igor Levit betont die Einzigartigkeit dieser „Verbindung von Wärme, Unmittelbarkeit und purer Einsamkeit“, nennt die Werke ein „Ritual der Selbsterkundung und -entdeckung, das intimste Fragen verhandelt.“
Igor Levit hat aber auch Sinn für Humor:
Schostakowitsch und Levit - könnte man da eine Seelenverwandtschaft vermuten? Levit ist ein Unzufriedener, er muss mit Drohungen umgehen, er liebt grotesken Humor - wie Schostakowitsch. Wichtiger aber dürfte sein: Die Präludien und Fugen sind einer der großen Klavierzyklen des 20. Jahrhunderts. Klar gibt es die Einspielungen von Keith Jarrett, die von Alexander Melnikov. Aber Levit hat dazu eben auch einiges zu sagen.
Im Keller des Klaviers und der Seele
Levit denkt Musik in Stimmungen, in Emotionen; er hat es in seinem Beethoven-Podcast zur Genüge dargelegt. Und er verfügt über die musikalische Reife und über die pianistische Exzellenz, diese Gefühle musikalisch Gestalt annehmen zu lassen. Die Resignation der fis-Moll-Fuge wird bei ihm zu einem einzigen Flehen, er schürft da im Keller des Klaviers und der Seele, im es-Moll-Präludium führt Levit die Hörer direkt ans Grab, tönende Eiseskälte und drohendes Tremolo, ein Moment trostlosester Finsternis.
Es ist ja ohnehin eine von Levits genialsten Gaben: dass Musik bei ihm einen geradezu sprachlichen Gestus annimmt. So formuliert er hochsensibel, baut Spannung auf, lässt Bögen ausschwingen, artikuliert mit frappierender Logik. Schostakowtischs Musik wird dadurch sinnlich wahrnehmbar, greifbar. Auch in den heiteren Momenten: In H-Dur lässt Igor Levit ein paar Gnome tanzen, versetzt aber die Heiterkeit mit einem Schuss Ironie und einem Quäntchen Grimm - und blendet von da weich über in einen Moment der Nachdenklichkeit. Und genau wegen solcher Details folgt man Levit geradezu atemlos.
Wer ist Ronald Stevenson?
Und die Achterbahnfahrt der Emotionen geht weiter: Die „Passacaglia on DSCH“ hat der britische Komponist Ronald Stevenson auf die Töne D - Es - C - H aufgebaut, also auf die musikalischen Initialen Schostakowitschs. Nachdem Levit 2015 den Variationenzyklus über „The People United will never be defeated“ des in diesem Jahr verstorbenen Amerikaners Frederic Rzewski aufgenommen hat, holt er nun ein weiteres Rahmen sprengendes Werk ins Licht.
Vordergründig ist das Virtuosenfutter erster Güte, und das zelebriert Levit mit Wonne: Hier zeigt ein Pianist, was er alles kann. Aber das alles hat ästhetische Substanz, weil das Werk selbst Substanz, Emotionen und Tiefe besitzt. Diese Tiefen leuchtet Levit aus, natürlich dank seiner überwältigenden pianistischen Klasse, vor allem aber dank seines Intellekts, seiner Musikalität. Dabei geht es auch hier um Stimmungen, auch um direkte Reaktionen auf Krieg und Gewalt. Denn das Stück ist in den 1960-ern entstanden, Stevenson war bekennender Pazifist und Kommunist, hat den Kriegsdienst verweigert. Die Zeit war ungestüm und der Protest laut. Eine frappierende Parallele zu Rzewskis Zyklus über das Revolutionslied „The People United“.
Die Grenzen des Klaviers
Rund 300 Variationen über das D-S-C-H-Thema reiht Stevenson aneinander, aufgeteilt in drei Abschnitte. Darin geht das Werk an die Grenzen des pianistisch Machbaren, und manchmal ertappt man sich bei der Frage, ob zwei Hände und zehn Finger reichen, um dieses Geflecht an Akkorden, Melodien, Stimmungen zu realisieren. Das Klavier selbst wird dabei zum Orchester, zur Trommel, zum Effektgerät, und es ist im höchsten Maß spektakulär, wie Levit Klanglandschaften entwirft, wie er am Klavier die schillernde Farbigkeit eines ganzen Orchesters entfaltet, von hauchzart bis ohrenbetäubend.
Wichtiger aber ist die Sinnlichkeit, die Levit dem Werk zukommen lässt. Der Beginn ist schon ein prägnantes Statement, und das gilt für die ganze Expedition: Es geht nicht um die polierte Klangoberfläche, sondern es geht ums Ganze, um den Ausdruck von Emotionen. Bis hin zum gewaltigen Schluss, in den Stevenson die Initialen von Schostakowitsch mit denen von Johann Sebastian Bach und dem „Dies irae“ der katholischen Totenmesse kombiniert. Existenzielle Musik, packend existenziell gespielt.