Trauma
Einrichtung bietet Kindern ein sicheres Zuhause auf Zeit
Gewalt, Drogen, Vernachlässigung: Nicht jedes Kind ist in der eigenen Familie immer gut aufgehoben. Im Kinderhaus Rosenhof in Friedeburg finden Drei- bis Sechsjährige darum eine vorübergehende Heimat.
Friedeburg - Mia ist vier Jahre alt. In ihrem kurzen Leben hat sie schon viel Schlimmes gesehen: Gewalt und Drogenmissbrauch der Eltern. Sie wurde vernachlässigt, ist traumatisiert. Die Erwachsenen sind so nicht in der Lage, ihr das zu geben, was sie für ein behütetes Aufwachsen braucht. Die Mitarbeiter des Jugendamtes haben das entschieden. Doch was passiert nun mit Mia, wenn sie – vielleicht vorübergehend, möglicherweise aber auch für immer – ihre Familie verlässt?
Was und warum
Darum geht es: Kleine Kinder, die in ihrer eigenen Familie nicht sicher sind und im Kinderhaus in Friedeburg ein Heim auf Zeit finden.
Vor allem interessant für: Familien
Deshalb berichten wir: Um für mögliche Hilfsangebote zu sensibilisieren. Konkret auch, um die Arbeit der Einrichtung in Friedeburg transparent zu machen. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
In Friedeburg hat Gesa Rickels mit dem Kinderhaus Rosenhof eine Zuflucht für solche Kinder geschaffen. Im Februar zog das erste von insgesamt fünf Kindern ein. Eine Mia lebt hier nicht – zum Schutz der Kinder und ihrer Familien bleiben Details der Erfahrungen der mittlerweile vier Kinder unkonkret. Nur so viel ist gewiss: Sie sind oft geprägt durch Gewalt, Drogen und Vernachlässigung. „Die Kinder waren teilweise massiver Gewalt ausgesetzt“, berichtet Rickels. Ihnen fehle das Urvertrauen. Strukturen oder ein daraus resultierendes Gefühl der Sicherheit kennen sie oft nicht. „Sie sind schwer traumatisiert“, erklärt Rickels. Sie müssten das Erlebte verarbeiten. Die Jungen und Mädchen kommen aus dem gesamten norddeutschen Raum nach Friedeburg.
Die Kinder fit fürs weitere Leben machen
In der Obhut von Einrichtungsleiter Oliver Wähner und seinem Team sollen die Kleinen wieder Vertrauen lernen. „Die Kinder müssen erst wieder Fuß fassen. Sie müssen ankommen“, berichtet Wähner. Seit 2004 unterstützt Gesa Rickels mit ihrer Zielpunkt GmbH die Arbeit der Jugendämter der Landkreise Wittmund und Friesland und der Stadt Wilhelmshaven durch ambulante Hilfe. Sie und ihre Mitarbeiter gehen dabei in die Familien, die Hilfe brauchen. Doch was, wenn das Zusammenleben mit den eigenen Eltern zur Gefahr für ein Kind wird? Rickels sagt, ihr habe in der Region ein qualifiziertes Angebot für traumatisierte Kinder im Kindergartenalter gefehlt. Für ihre Zielgruppe seien die selten. Das bringt auch Probleme mit sich: Qualifiziertes Personal wie Erzieher, Heilerziehungspfleger oder Pädagogen zu finden, ist nicht einfach, bedauert Rickels.
Die Jugendämter in Deutschland haben im Jahr 2020 rund 45.400 Kinder und Jugendliche vorübergehend in Obhut genommen. Das hat das Statistische Bundesamt (Destatis) ermittelt. 67 Prozent der Jungen und Mädchen sind demnach wegen einer dringenden Kindeswohlgefährdung in ihren Familien in sicheren Wohngruppen oder Einrichtungen wie dem Friedeburger Kinderhaus untergebracht worden. Ein Drittel dieser in Obhut genommenen Jungen und Mädchen war diesen Erhebungen zufolge jünger als zwölf Jahre, jedes zehnte Kind sogar jünger als drei Jahre.
Die Gründe für die Traumata sind vielfältig
Jedes Kind hat individuelle Bedürfnisse, sagt Wähner. Für traumatisierte Kinder treffe dies besonders zu. Die Drei- bis Sechsjährigen kommen mit Trauma- und Traumafolgestörungen, Bindungs- und Beziehungsstörungen, auffälligem Sozialverhalten oder Entwicklungsproblemen aufgrund des Alkoholkonsums der Mutter während der Schwangerschaft (Fetales Alkoholsyndrom) im Rosenhof an. Ziel der Pädagogen ist es, die Kleinen trotz ihrer Vorgeschichte wieder fit für ein „normales Leben“ zu machen: in ihrer eigenen Familie, einer Pflegefamilie oder einer anderen Einrichtung.
Die Verantwortlichen sehen ihr Kinderhaus als Zuhause auf Zeit. Die Struktur der Einrichtung ähnelt daher der einer Familie. Die Jungen und Mädchen haben ein eigenes Zimmer als Rückzugsort. Zudem gibt es Gemeinschaftsräume zum Spielen, Essen, Kochen. Zusätzlich gibt es mit Therapie- und Besprechungsräumen sowie Büros Bereiche, die das Kinderhaus deutlich von Familien unterscheidet. Auch ein Besuch im Kindergarten oder in der Grundschule kann Teil des Alltags dieser Kinder sein. Wenn die Kinder bereit für diesen Schritt sind. Ein Schützling besucht bereits eine Friedeburger Kita.