Hamburg
Alexander Klar: „Ich bin ein bisschen anarchisch unterwegs“
Alexander Klar ist seit 2019 Chef der Hamburger Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart. Im Gespräch verrät der 53-Jährige, wie er noch mehr Menschen anlocken will – und warum Corona ihm dabei hilft.
Herr Klar, in drei Sätzen: Warum muss man in die Kunsthalle kommen?
Weil man Dinge sieht, die man außerhalb des Museums noch nicht gesehen hat. Wir sind ein Fenster in die Kunstgeschichte und ein Fenster in die Seele der Menschheit.
Wenn Sie eines der folgenden Gemälde für die Kunsthalle bekommen könnten, welches nehmen Sie: Mona Lisa, Der Schrei, Das letzte Abendmahl oder Guernica?
Guernica.
Warum?
Guernica ist das größte Historienbild des 20. Jahrhunderts. Es ist die gemalte Anklage der verbrecherischen Bombardierung Guernicas, die Pablo Picasso in ein zu allen Menschen sprechendes Bild verwandelt hat. Es ist die künstlerische Anklage verbrecherischen Tuns im Krieg, egal welcher Regierung. Das ist ein wahnsinnig tolles Bild. Ich habe es mehrfach gesehen und bin schon als Student dafür nach Madrid gepilgert.
Fehlt der Kunsthalle ein derartiges Megakunstwerk?
Wir haben ein ikonisches Werk, das jeder kennt, den „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich.
Der „Wanderer“ ist Ihre Mona Lisa?
Es ist schon anders hier als im Louvre. Im Caspar David Friedrich-Saal geht es meistens entspannt zu. Bei uns muss niemand Schlange stehen.
Welchen materiellen Wert hat das Bild?
Der Wert ist immer fiktiv. Bekannt wäre er nur, wenn wir das Bild auf den Markt geben würden und dann ein Preis dabei herauskäme. Am Ende müssen wir einen fiktionalen Wert ansetzen. Es würde aber mindestens eine zweistellige Millionensumme werden.
Gilt für die Kunsthalle „Der Star ist die Mannschaft“? Sprich, die Stärke liegt in der Breite?
Unsere Sammlung hat mit der Deutschen Romantik und der Sammlung des 19. Jahrhunderts einen weltweit beachteten Schwerpunkt. Dank Caspar David Friedrich, aber auch dank Philipp Otto Runge, Adolph von Menzel oder Anselm Feuerbach. Romantik ist weltweit ein Schlager, von Japan über Russland bis Amerika. Die Kunsthalle ist ein Ort, wo man dies in großer Breite und mit herausragenden Spitzenwerken sehen kann.
Spielt die Kunsthalle in der obersten Liga der deutschen und europäischen Kunstmuseen?
Das ist eine Frage der Maßstäbe. Wir sind eine der wichtigsten deutschen Sammlungen, bei den Besucherzahlen sind wir in Deutschland unter den „Top Ten“. Es gibt kein großes Haus auf der Welt, mit dem die Kunsthalle in den vergangenen 20 Jahren nicht Leihverkehr, eine Ausstellungskooperation oder eine wissenschaftliche Zusammenarbeit gehabt hätte.
Was tun Sie als Museumsdirektor eigentlich?
(lacht): Ich moderiere. Meine Aufgabe ist es, einerseits Kuratoren dazu zu inspirieren, interessante Themen zu finden und in Ausstellungen zu zeigen. Anderseits versuche ich, eine Sammlungsstrategie sichtbar zu machen, das heißt: Was wollen wir in den nächsten Jahren erwerben? Der Direktor sagt: In die Richtung will ich, und dann sucht er Alliierte, die das mitmachen: Sammler, Galerien, Künstler, auch das eigene Team.
Mit Erfolg?
Wenn man einen gewissen Schwung erzeugt hat, dann passieren Dinge von selber. Das könnte schon ein wenig gelungen sein.
Zum Beispiel?
Wir haben gerade von Hamburger Bürgern große Arbeiten zum Amerikanischen Minimalismus geschenkt bekommen, eine von Robert Morris von Susanne und Michael Liebelt und eine von David Novros von der Familie Lafrenz. Das sind jeweils sechsstellig bewertete Arbeiten von musealem Rang. In Hamburg gibt es diese schöne und ausgeprägte Haltung zu sagen: Ich möchte meine Kunsthalle stärken. Die größte Kunst des Direktors ist es insofern, die Vorhaben seines Hauses mit Leuten zu verbinden, die Lust haben, diese zu erfüllen.
Sind Museumsdirektoren verkappte Künstler?
(lacht): Ich war nie daran interessiert, selbst bildende Kunst zu machen. Ich bin ein reiner Theoretiker, der sich Kunstgeschichte als historische Dimension erarbeitet hat. Aber ich habe eine große Nähe zu vielen Künstlerinnen und Künstlern. Ich kann künstlerische Prozesse sehr gut beschreiben, beobachten und paraphrasieren. Ich sehe gern bei der Entstehung von Kunst zu. Aber machen können andere das besser als ich.
Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?
Ich habe frühzeitig öffentlich gesagt, was ich angehen möchte, damit das Haus zu seiner alten Form auflaufen kann und das mit dem Team der Kunsthalle relativ schnell umgesetzt: Wir haben binnen eines Jahres den prächtigsten Raum der Kunsthalle, den Makart-Saal neu eingerichtet. Jeder Bürger, der da reingeht, sieht ziemlich genau, wo seine Steuergelder hingegangen sind. Es ist ein fantastischer Saal geworden mit dem Besten, das die Salonmalerei Europas zu bieten hatte. Der Beginn des Rundganges durch die Kunsthalle ist ein ästhetisches aber auch kunsthistorisches Erlebnis.
Auch in der Galerie der Gegenwart haben Sie etwas verändert...?
Ich habe den Eingang wieder geöffnet und mit der Öffnung der Fensterflächen wieder Licht in die Galerien gelassen. In dieser Raumsituation tritt selbst konzeptuelle und diskursive Kunst ganz anders auf, weil sie im sichtbaren Kontext der Stadt spielt. Überhaupt machen wir beides: Einerseits Kunst für den Bauch, ganz großes Kino sozusagen. Anderseits für den Intellekt und das gesellschaftliche Gefühl. Wir sind ein konservativ-bewahrendes Museum im Lichtwark-Bau. Und wir sind eine progressive, alle gesellschaftlichen Debatten aufgreifende Kunsthalle in der Galerie der Gegenwart. Dieser offensichtliche Gegensatz könnte mit meiner Person zu tun haben, weil ich ein bisschen anarchisch unterwegs bin.
Das heißt?
Was die Kunstgeschichte angeht, bin ich stockkonservativ. Wir machen da keine Mätzchen, das muss wissenschaftlich stimmen, keine Übertreibungen, wo sie nicht hingehören. Auf der anderen Seite habe ich in der Galerie der Gegenwart gern Feuerzauber. Da kommen auch Positionen rein, die erschrecken, verwirren, nachdenklich stimmen oder aufrütteln können. Diese Brechung hat was Knisterndes.
Wer kommt ins Museum? Durchschnitt Ü50?
Nein. Natürlich haben wir das klassische Publikum der Bildungsbürger wie ich wohl selbst einer bin. Aber uns besuchen auch viele junge Leute, viele Familien. Neugierige, die mal sehen wollen, was hier passiert.
Sie sind seit zwei Jahren in Hamburg. Sind sie warmgeworden mit den kühlen Norddeutschen?
Die sind gar nicht kühl. Hamburg hat als Hafen- und Handelsstadt eine große Offenheit für alle Zugereisten.
Sie leben im Blankeneser Treppenviertel und radeln zur Arbeit. Respekt ...
Ja, 16 Kilometer pro Richtung. Wenn es keine zu hohe Luftfeuchtigkeit gibt, fahre ich täglich mit dem Fahrrad. Da kann ich im Kopf schon einiges erledigen, bevor ich am Arbeitsplatz bin. Direkt an der Elbe entlang und bis zum Fischmarkt ohne Ampel.
Radfahren als Statement?
Ja. Ich habe einen Führerschein, leihe auch gern mal ein Auto aus. Aber ich bin ein großer Verfechter eines Lebensstils ohne Auto. Der Besitz als Statussymbol ist totaler Humbug, zumindest in der Stadt. Hamburg sollte überlegen, ob es den Autoverkehr in einem Umkreis von zehn Kilometern rund um das Rathaus nicht abschafft. Auch direkt vor der Kunsthalle. Das schönste Stück Hamburg wird hier für eine riesige Straßenkreuzung missbraucht.
Sonst noch Wünsche, etwa zur Kunsthalle selbst?
Ja. Wir müssen uns vergrößern, weil unsere Depots aus allen Nähten platzen. Ich kann mir einen Erweiterungsbau über dem Lombardsbrückendamm vorstellen, der genau diese Kreuzung überbrückt. Ein Gebäude mit einem großen Fenster zur Binnenalster und einem Park auf dem Dach, der Binnen- und Außenalster verbindet.
Die Kunsthalle setzt auf Digitalisierung. Haben Sie keine Angst, dass sich Menschen die Kunstwerke nur noch auf dem Smartphone angucken und wegbleiben?
Nein. Unsere Sammlung ist bereits weitgehend digitalisiert, das hat uns in der Corona-Zeit sehr geholfen. Wir machen Seminare online, vernetzen uns so weltweit. Und wir haben den größten deutschen Instagram-Account unter den Kunstmuseen mit 91.000 Followern. Aber ich sehe auch, dass die Aura des Originals ungebrochen ist. Irgendwann wollen die Leute, die alles digital gesehen haben, mal herkommen.
Verändert Corona die Kunsthalle auf Dauer?
Corona verändert alles. Intern ist der größte Sprung nach vorn das Arbeiten von zu Hause aus. Das funktioniert sehr gut und wird bleiben. Zugleich haben viele Besucher im Lockdown Vereinsamung erfahren und festgestellt, wie schön es ist, sich an einem Ort mit anderen zu treffen. Die wirklich interessanten Gedanken entstehen eben nicht in Zoom-Sitzungen. Inspiration geschieht im sich gegenseitig Sehen und Erleben von Angesicht zu Angesicht. Dass dieser Wert wieder hochgeschätzt wird, auch das haben wir Corona zu verdanken. Und das merken wir in der Kunsthalle.
Inwiefern?
Mehr Menschen nehmen dies hier jetzt als öffentlichen Raum wahr. Früher ging man in die Kirche, heute in die Kunsthalle. Und die Besucher gucken nicht nur, sie unterhalten sich. Das hat durch Corona eine kräftige Verstärkung erfahren. Unsere Besucherzahlen seit der Wiederöffnung sind exzellent.
Gibt es bereits Corona-Kunst in der Kunsthalle?
Es gab voriges Jahr die Ausstellung „Die absurde Schönheit des Raumes“. Dominik Halmer hat dafür in sein Doppelgemälde „Gabriel und Mary“ zur Verkündigungsszene ein Corona-Virus als Heiligen Geist gesetzt. Die zweite Arbeit ist die Leuchtschrift „I don’t believe in Dinosaurs“ auf dem Dach der Galerie der Gegenwart. Es thematisiert, dass es Leute gibt, die nicht bereit sind, das Offensichtliche zu glauben, etwa die Pandemie. Da gute Kunst aber nicht eindeutig ist, kann man darin auch lesen, dass es zur Natur des Menschen gehört, auch das Offensichtlichste zu hinterfragen.
Angesichts all der existenziellen Herausforderungen wie Corona, aber auch Klimawandel, Artensterben, Flüchtlingselend: Hat die Welt Kunst nötiger denn je?
Davon bin ich überzeugt. Kunst ist aber selbst existenziell, sie fragt nicht nach einer Daseinsberechtigung. Kunst ist eine fantastische Paraphrase des Lebens, der gesellschaftlichen Wirklichkeit, der Welt. Kunst ist ein Zeugnis einer Zeit und gleichzeitig unsere Verarbeitung dessen, was um uns herum ist.