Berlin
Laschets letzte Joker: Zwei Coups und mehrere Unbekannte
Armin Laschet präsentiert acht Köpfe, der bekannteste von ihnen ist Friedrich Merz. Können sie den Abwärtstrend in den Umfragen drehen?
Zwei echte Coups und einige Unbekannte: Armin Laschets Zukunftsteam verkörpert Neuaufbruch und Vielfalt. Aber es hat auch Schwächen. Die Analyse:
Die Bekannten: Friedrich Merz ist der Bekannteste im Team und der Einzige, der seit Monaten gesetzt war. Der 65-jährige frühere Fraktionschef der Unionsfraktion im Bundestag ist Laschets Zugeständnis an den wirtschaftsliberalen Flügel der Partei. Nachdem Merz im Kampf um den Parteivorsitz unterlag, aber viele Stimmen bekam, hatte Laschet versprochen ihn einzubinden. Jetzt braucht er ihn dringend als Zugpferd. Zuletzt sagte Laschet, Merz sei „das Gesicht“ der Wirtschafts- und Finanzpolitik der CDU. Sollte Laschet Kanzler werden, wäre Merz als Finanz- oder Wirtschaftsminister seines Kabinetts gesetzt.
Auch die stellvertretende Bundesvorsitzende Silvia Breher aus Niedersachsen gehört nicht zu den überraschenden Köpfen. Die 48-jährige Juristin und Mutter von drei Kindern - Markenzeichen blonder Irokesenschnitt - steht für eine moderne CDU mit Frauen in der ersten Reihe. Inhaltlich blieb sie als Laschets Stellvertreterin bislang allerdings blass. Trotzdem könnte sie in seinem Kabinett Familienministerin werden.
Die einzige CSU-Vertreterin in Laschets Team ist gleichzeitig die einzige Vertreterin des aktuellen Kabinetts. Die 43-jährige Dorothee Bär ist seit 2018 Staatsministerin für Digitales und verspricht jetzt einen Turbo bei der Digitalisierung. Bleibt die Frage, warum sie den in den vergangenen Jahren nicht schon gezündet hat.
Laschets Coups: Kein Terroranschlag, nachdem nicht Peter R. Neumann auf allen Bildschirmen sachlich und fundiert die Lage erläutert: Mit dem international anerkannten Terrorismusexperten vom Londoner King's College ist Laschet ein Überraschungscoup gelungen. Dass der 46-Jährige bei seiner Vorstellung im Konrad-Adenauer-Haus sagt, dass er Armin Laschet unterstützt, weil dieser im Gegensatz zu vielen anderen Politikern „wirklich zuhört“, dürfte dem CDU-Kanzlerkandidaten Rückenwind geben. Es ist allerdings fraglich, ob der Nicht-Politiker Neumann dann auch wirklich Politik machen darf. Er selbst sagt, er sei bereit „Verantwortung zu übernehmen“. Seine Berufung ins Team wirft aber auch die Frage auf, warum die Union bei ihrem Kernthema Sicherheit nicht auf die zahlreichen Experten aus den eigenen Reihen setzt. Neumann verleiht Laschets Kampagne vorerst den Glanz, den sie gerade dringend braucht.
Auch Joe Chialo ist ein neues Gesicht und sorgt für einen Überraschungsmoment. Dem erfolgreichen Musikmanager, der in der Berliner SPD-Hochburg Spandau erstmals für den Bundestag kandidiert, will verhindern, „dass Kunst und Kultur je wieder solchen Existenzängsten ausgesetzt sind“ wie in der Pandemie. Der Sohn tansanischer Eltern steht außerdem für Laschets Vorhaben, Menschen mit ausländischen Wurzeln in der CDU stärker sichtbar zu machen. Auch Chialo hatte im Adenauer-Haus einen guten Auftritt. Der Wermutstropfen: Er hat schlechte Chancen, überhaupt in den Bundestag einzuziehen.
Die Unbekannten: Bei anderen Team-Mitgliedern fragt man sich, warum Laschet sie nicht früher ins Rampenlicht gerückt hat, wenn sie aus seiner Sicht zu den besten Köpfen der Partei zählen. Andreas Jung etwa ist seit vielen Jahren der Klimaexperte der Union, lief als Fraktions-Vize bis vor wenigen Tagen aber unter dem Radar. Der 46-jährige Jurist aus Freiburg wäre bestens vorbereitet für das Amt des Umweltministers, dürfte binnen drei Wochen aber kaum noch größere Strahlkraft im Wahlkampf entwickeln. Gleiches gilt für Karin Prien, Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein, und die sächsische Kultusministerin Barbara Klepsch. Prien hat sich in der Corona-Pandemie als standhafte Politikerin mit klarem Kurs erwiesen, Klepsch soll die Stimme der CDU für gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West sowie Stadt und Land sein. Das Problem: Bundesweite Strahlkraft haben beide bisher nicht.
Wer nicht im Team ist: „Experten statt Experimente“ hat die CDU ihr Zukunftsteam drei Wochen vor der Bundestagswahl überschrieben. Ein Schattenkabinett soll es explizit nicht sein. Aber was dann? Laschet stand vor der schwierigen Aufgabe, nach 16 Jahren Unionsregierung einen Neuaufbruch zu starten, die aktuellen Mitglieder des CDU-Kabinetts aber nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber dass nicht einmal sein einstiger Team-Kollege Jens Spahn oder der anerkannte Außenpolitiker Norbert Röttgen dabei sind, überrascht schon. Für die Union geht es jetzt darum, ihre Stammwähler zu mobilisieren. Ein paar bekanntere Köpfe aus den eigenen Reihen hätten dabei vielleicht geholfen. Was außerdem fehlt im Zukunftsteam: Jemand, der für die Mega-Themen Rente, Pflege und Gesundheit steht.