Osnabrück
Abba Voyage: Wie sind die neuen Songs - und wie wird die Tour?
Abba hat sich wieder vereinigt und feiert das im großen Stil. Im November erscheint das neue Album, nächsten Mai geht es auf Tour. Doch die Konzerte sehen anders aus als andere Konzerte.
Es sieht ein bisschen aus wie in Stanley Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“. Ein Planet im Anschnitt, hinter dem klein, aber leuchtend die Sonne aufgeht, ein Planet in der Totalen, ein Planet gespiegelt, wiederum mit der Sonne, die am Rand des Planeten aufblitzt: Mehr Sonnenaufgangssymbolik geht kaum. Im Gegensatz zu Kubricks Film kennt das Video ein klares Ziel: Es ist die Wiederauferstehung der Supergruppe Abba.
„Don’t Shut Me Down“ heißt der Titel, mit dem das Quartett nach 40 Jahren noch einmal aufbricht, neue Welten zu erschließen. Oder ist es mehr ein Weg zurück? Tatsächlich funktioniert der Song nach bewährtem Abba-Muster: Ein langsames Intro rollt den Teppich aus, und nach 37 Sekunden beginnt der eigentliche Song. Das ist für sich genommen schon bemerkenswert, denn nach heutigen Kriterien muss ein Popsong schneller zum Punkt kommen - maximal 30 Sekunden werden Songs in Streamingportalen angespielt. Und ob man mit einem Intro die Neugierde heutiger Hörer weckt?
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Abba schon. Der Song funktioniert nach dem Muster, mit dem die Band in den 1970-ern nicht nur die Welt eroberte, sondern mit ihren Soundtüfteleien die Sprache der Popmusik veränderte. Jeder Song hat Ohrwurm-Qualitäten, dabei sind einige so gebaut, dass der Musikfreak wissend nickt angesichts krummer Taktarten und komplexer Strukturen: Bei einem Song wie „Chiquitita“ oder „Take A Chance On Me“ ist das die Würze, die einen Abbasong unverwechselbar macht. Bei aller Variabilität gilt aber eines: Wenn man nicht nach fünf Sekunden erkennt, dass es ein Abba-Song ist, ist es kein Abbasong.
Das trifft auch auf die beiden neuen Songs zu, die als Appetithäppchen seit gestern auf Youtube stehen: „Don’t Shut Me Down“ und „I Still Have Faith In You.“ Programmatischer könnte Abba die Titel nicht ausgewählt haben: „Schreib mich noch nicht ab“, ließe sich der eine Titel am ehesten übersetzen, „Ich glaube immer noch an dich“ der andere, der zudem als Zeitreise in die glücklichsten Abba-Tage inszeniert ist. Die perfekte Einstimmung auf die Wiedervereinigung.
Die Musik knüpft direkt an die Glanzzeit an, manchmal wirkt es, als könnte der Song direkt in Richtung eines alten Hits abbiegen. Das schafft wohlige Atmosphäre, wie bei alten Freunden, die von alten Zeiten plaudern. Allerdings reden wir hier nicht von einem intimen Plausch am Kamin, sondern von einem Riesending. Denn die beiden Videos kündigen nicht nur das Album an, das am 5. November erscheint, sondern eine Livetour. Wie bitte? Abba live? Die Band, die aufgrund ihres Hangs zur Perfektion so gut wie nie Konzerte gegeben hat?
Abba gehorcht den Mechanismen des Pop-Geschäfts
Nun hat sich die Popwelt weitergedreht, seit Abba von der Bühne abgegangen ist. Verdient wird heute nicht mehr über den Verkauf von CDs, sondern durch Live-Konzerte. Man müsse sich keine Gedanken mehr über Geld machen, sagt Benny Andersson im Livestream, der das ganze Projekt vorstellt. Doch aufgezogen ist die „Abba Voyage“ kein bisschen anders als eine Tour von Billie Eilish oder Madonna: Das neue Album ist der Werbeträger für den Ticketverkauf. Abba aber setzt noch einen mächtigen Akzent drauf: Wenn die Tour am 27. Mai 2022 in London startet, stehen nicht Abba, sondern deren Avatare auf der Bühne.
Erweiterte Realität
Dafür sind sie in Ganzkörperanzüge geschlüpft und haben sich von sage und schreibe 160 Kameras filmen lassen, um anschließend die Abbilder - sie nennen sie neckisch „Abbatare“ - erstellen zu lassen, die dann mit echten Musikern auf der Bühne stehen. Das darf man getrost „erweiterte Realität“ nennen.
Dafür lassen sich die mittlerweile über 70-Jährigen gehörig verjüngen: Zu sehen sind Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid, wie sie Ende der 1970-er Jahre ausgesehen haben. Gar nicht auszudenken, welche Optionen die „Zurück in die Zukunft“-Technik dereinst eröffnen mag: Womöglich können in ein paar Jahren die Rolling Stones zusammen mit einem Charlie-Watts-Avatar auf Tour gehen.
Noch ist es nicht so weit; Abba virtuell erfordert einen gehörigen Aufwand. So entsteht in London gerade ein eigenes Theater für die „Voyage“-Show. Schon der Titel erinnert an Expeditionen in unbekannte Welten, aber auch die Songs selbst stimmen perfekt auf die Tournee ein. „And now you see another me / I’ve been reloaded“, heißt es bezeichnend im Refrain, und da wird der Subtext zur Hauptbotschaft: Wir werden ein anderes Ich von Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid sehen, ein Ich, das nicht auf die Bühne tritt, sondern hochgeladen wird wie ein Youtube-Video auf unsere Rechner. Eine bizarre Vorstellung - aber womöglich erschließen die vier Mitsiebziger von Abba dem ewig jungen Pop gerade eine neue Dimension.