Landwirtschaft

Erbitterter Streit kann das Hofleben bedrohen

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 02.09.2021 16:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Das Tierwohl liegt Maren Osterbuhr ganz besonders am Herzen. Auch darüber schreibt sie auf der sozialen Plattform Instagram unter dem Nutzernamen @maren.opunkt. Foto: privat
Das Tierwohl liegt Maren Osterbuhr ganz besonders am Herzen. Auch darüber schreibt sie auf der sozialen Plattform Instagram unter dem Nutzernamen @maren.opunkt. Foto: privat
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Maren Osterbuhr aus Strackholt spricht offen darüber, wie Probleme in den Familien bei der Übergabe von Betrieben an den Nachwuchs verschwiegen werden – und wieso es dabei kräftig krachen kann.

Strackholt - Vor ein paar Tagen hat es Maren Osterbuhr gereicht. Die 33-Jährige ist Landwirtin, hat mehr als 14.000 Menschen, die ihren Beiträgen auf der sozialen Plattform Instagram folgen, ist darüber mit vielen jungen Berufskollegen vernetzt. „Und gerade zuletzt habe ich immer häufiger krasse Geschichten gehört von Konflikten, die sich rund um die Übernahme von Höfen ergeben haben“, sagt sie. „Da waren junge Frauen, die als Schwiegertöchter auf den Hof gekommen sind und erniedrigt wurden.

Denen wurde zu verstehen gegeben, dass sie Schmarotzer sind und auf Kosten des Hofes leben – obwohl sie rund um die Uhr im Einsatz sind. Da waren Hoferben, die sich für Windkraftanlagen auf dem eigenen Land entschieden haben, um sich bei sinkenden Preisen wirtschaftlich breiter aufzustellen – und von den Eltern Gegenwind bis hin zu völligen Zerwürfnissen geerntet haben.“ Richtig „gruselige Geschichten, die man kaum in Worte fassen mag“ seien dabei gewesen – und all die haben die Landwirtin aus Strackholt veranlasst, das Problem der Generationenkonflikte bei Hofübernahmen in einem Beitrag klar zu benennen statt es zu verschweigen, wie es in der Branche sonst zumeist passiert – und so mit einem Tabu zu brechen. Fast 1900 Menschen gefiel ihr Beitrag, in fast 90 Kommentaren äußerten sich fast nur Menschen, die sich verstanden fühlten.

Wertschätzung fehlt auf den Höfen

„Vertrackt ist: Nicht nur unsere Generation kennt diese Thematik. Auch unsere Eltern und deren Eltern hatten zu kämpfen mit ihren Vorgenerationen und sind mehr oder weniger geschädigt aus diesen hervorgegangen. Aber gelernt daraus haben sie anscheinend nicht.“ Ein ganz zentraler Punkt sei immer wieder die Wertschätzung und die Verweigerung gegenüber neuen Ideen bei ultrakonservativen Eltern, sagt Maren Osterbuhr. „Was wir als Nachwuchs leisten, wird oft als selbstverständlich hingenommen. Während man dafür in anderen Berufen – mit Urlaub und freien Wochenenden – aber einen klaren Lohn erhält, ist das auf Familienbetrieben oft völlig anders. Das kann für Frust und Spannungen sorgen. Dass man sich im Leben auch als Junglandwirt mehr vorstellen kann als nur zu arbeiten, stößt oft auf Unverständnis.“

Die Strackholterin sagt: „Generationskonflikte, egal ob mit den eigenen Eltern oder Schwiegereltern, können zu wachsenden schwarzen Löchern werden. Sie verschlucken jede positive Emotion, verhindern die Funktionalität eines Betriebes und fressen des Öfteren sogar ganze Höfe auf – bis hin zur Aufgabe.“ Oft spielten Überarbeitung, Dauerbelastungen – egal ob körperlich oder psychisch-, finanzieller Druck und die ungewisser werdende Zukunft mit hinein. Allen sei aber gemein: „In der Öffentlichkeit mag darüber niemand reden. Ganz viele schlucken es runter, dann gärt es im Verborgenen. Man muss ja den Schein wahren, darf keine Schwächen eingestehen – dabei muss dieses Thema ganz dringend raus aus dem Schatten. Solche Probleme kann man nur lösen, wenn man miteinander redet und auch wechselseitig Wertschätzung zeigt.“

Stillschweigendes Sündenregister

Das sagt auch Maren Osterbuhr. „Die ständige Zukunftsangst kommt ja hinzu, womöglich schlechtes Wetter, wachsender Finanzdruck, bei so viel Anspannung reichen schon Kleinigkeiten – und dann geht das Fass hoch.“ Und: „Bei Familienbetrieben kommt bei Konflikten ja erschwerend hinzu, dass in der Regel alle unter einem Dach wohnen. Da kannst du dich nicht in deine Wohnung zurückziehen, kannst auch nicht mal ein Wochenende wegfahren und den Kopf freikriegen. Der Betrieb ist immer da. Du musst zwingend immer da sein, und wenn es auch Zurückstecken heißt.“ Die Tiere müssen schließlich versorgt werden, der Hof muss laufen. „Und wenn dann noch die Kosten immer weiter steigen und die Einnahmen gleich bleiben und die finanziellen Sorgen wachsen, kann sich das Konfliktpotenzial schon bedrohlich verschärfen.“

Auch in Maren Osterbuhrs Familie hat es hier und da geknirscht, als sie ihr Masterstudium in Agrarwissenschaft in Göttingen 2014 abgeschlossen hatte und auf den Hof zurückkehrte. „Auch wir mussten lernen, dass wir uns die Aufgaben aufteilen“, sagt sie. „Und auch wir haben noch ein paar Jahre gebraucht, bis wir gemeinsam eine GbR gegründet haben, in der ich die Geschäftsführerin bin – so dass ich jetzt aber auch vertraglich über die Berufsgenossenschaft abgesichert bin, wenn ich mal krank ausfalle. Denn auch das ist ein Problem auf vielen Höfen: Für mitarbeitende Familienmitglieder zahlt die nicht, und dann muss der Hof aus eigener Tasche Helfer bezahlen, wenn einer krank wird.“ Bei ihr zu Hause kümmere sie sich um die Tierhaltung. „Wir haben auf meinen Wunsch hin schon 2012 Ställe umgebaut, mit großen, freien Liegeflächen. Das ist arbeits- und kostenintensiv. Aber mir ist das unwahrscheinlich wichtig, dass ich mit gutem Gefühl mit Tieren arbeite – sie geben mir Milch, ich gebe ihnen ein gutes Zuhause.“ Sie habe auch einige „Rentnerkühe“, die zwar keine Milch mehr geben, aber wie auf einem Gnadenhof weiterleben dürfen. „Wenn ich eine Kuh habe, an der ich hänge, gebe ich sie nicht zum Schlachter. Das rechnet sich überhaupt nicht, aber das Tierwohl ist mir unglaublich wichtig – und mein Vater hat das akzeptiert. Und wenn man einen Betrieb übernimmt, muss man auf sein Recht bestehen, man selbst muss ja dauerhaft damit klarkommen. Viele tun das nicht.“

Ältere Generation als Bremser?

Udo Haßbargen (26), der mit seinem Vater Heye einen Hof in Aurich-Kirchdorf bewirtschaftet, sorgte vor Jahren für Aufsehen, als er aus Frust über die Politik des ostfriesischen Landvolks dem damaligen Vorsitzenden Erich Hinrichs in einer Versammlung ein Ei auf den Kopf schlug. „Ich habe den Verband als Bremser erlebt, der nicht im Sinne der Landwirte – und noch weniger im Sinne des Nachwuchses – gehandelt hat“, sagt er. „Bis heute habe ich das Gefühl, dass in vielen Bereichen geschlafen worden ist.“

Auch auf seinem Familienbetrieb „gibt es ab und zu Reibungen – wir reden aber darüber, und alle versuchen, Verständnis aufzubringen“, sagt er. „Ich habe das Glück, das mein Vater offen ist für Neues. Aber ich kenne Beispiele, wo etwa eine Freundin von mir als fertige Landwirtschaftsmeisterin auf den Hof zurückgekommen ist, ihr Vater von ihren Ideen nichts hören und Chef bleiben wollte. Sie ist am Ende frustriert vom Hof gegangen.“

Udo Haßbargen sagt, er selbst wolle „nicht auf Dauer so wirtschaften wie mein Vater – was keine Kritik ist. Aber ich habe andere Ansätze. Ein frustrierender Punkt für den Nachwuchs ist dabei zuletzt nur, dass es finanziell so eng ist, dass sich viele neue Ideen kaum bezahlen lassen und nicht jeder die Chance hat, den Betrieb umzustellen. Auch das kann zu Frust führen“, sagt Haßbargen.

Anne Dirksen von der Landwirtschaftskammer Oldenburg, die Familien bei Hofübergaben berät, sagt: „Das Wichtigste ist und bleibt, dass man über all das miteinander redet – und sich im Zweifel nicht scheut, auch fremde Hilfe anzunehmen. Denn gerade dann werden oft wichtige Fragen gestellt, die sich die Beteiligten nicht zu stellen trauen – und genau das kann der erste Schritt auf dem Weg zur Lösung der Probleme sein.“

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